Nach beschlossenem HKZ-Aus

KKH Rotenburg plant eigene Kardiologie zur Versorgung im Nordkreis

Das Kreiskrankenhaus in Rotenburg mit Blick auf das HKZ, das hinten rechts zu sehen ist.
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Eigene Pläne: Da das HKZ voraussichtlich in den Jahren 2024 oder 2025 vom gegenüberliegenden Berg (hinten) ans Klinikum Bad Hersfeld verlagert werden soll, macht sich das Rotenburger Kreiskrankenhaus (vorn) für eine eigene Kardiologie stark. 

Nach dem beschlossenen Aus der Akutmedizin des HKZ am Standort Rotenburg will das Kreiskrankenhaus (KKH) nun selbst eine Kardiologie in Rotenburg aufbauen.

Rotenburg – Das hat die Geschäftsführung des vom Evangelischen Diakonieverein Berlin Zehlendorf betriebenen Krankenhauses unserer Redaktion bestätigt – und erstmals konkrete Details genannt.

Die Pläne sehen einen Neubau auf dem Grundstück des KKH am Rotenburger Emanuelsberg vor. Einen genauen Ort wollte Geschäftsführer Andreas Maus noch nicht nennen. Fest steht: Der Neubau soll Platz für 40 Betten, darunter sechs Intensivbetten, sowie zwei Herzkatheterplätze bieten. Alles in allem rechnet Maus mit Investitionskosten in Höhe von 20 Millionen Euro. „Wir haben dem Sozialministerium unsere Pläne vorgestellt und warten jetzt auf Antwort“, sagt der medizinische Geschäftsführer, Dr. Martin Oechsner. Zugleicht wirbt er für einen runden Tisch mit dem Klinikum Hersfeld-Rotenburg, zu dem das HKZ gehört, und dem neuen SPD-Landrat Torsten Warnecke, der im September die Nachfolge von Dr. Michael Koch (CDU) antritt.

Rotenburgs Bürgermeister Grunwald unterstützt Pläne

Ein großer Unterstützer der Kreiskrankenhaus-Pläne ist Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald (CDU), der schon qua Amt ein Interesse daran hat, dass die medizinische Versorgung in der Fuldastadt auf hohem Niveau bleibt. „Ich halte die Pläne nicht nur für sinnvoll, sondern auch für notwendig“, so Grunwald, der ankündigt, sich für Gespräche auf Augenhöhe zwischen Klinikum und KKH einsetzen zu wollen. Wenn es nach ihm geht, soll das möglichst bald geschehen. „Die Zeit ist ein wesentlicher Faktor. Ohnehin finde ich es fahrlässig, dass Alternativen, die schon vor Monaten im Kreistag angeregt wurden, nicht seriös geprüft worden sind.“ Grunwald selbst hatte im Oktober mit seinem Rotenburger Parteifreund Andreas Börner im Kreis-Parlament beantragt, einen möglichen Neubau einer Herzklinik in Kooperation mit dem KKH am Standort Rotenburg prüfen zu lassen. Die Ergebnisse sollten der geplanten HKZ-Verlagerung nach Bad Hersfeld gegenübergestellt werden. Außer Grunwald und Börner stimmten aber nur noch die drei FDP-Abgeordneten dafür. Hintergrund war ein erster Vorstoß der KKH-Geschäftsführung vor ziemlich genau einem Jahr, die damals einen HKZ-Neubau auf dem Gelände des ehemaligen Kreisaltenzentrums ins Gespräch gebracht hatte. Grunwald hatte sich schon damals für die Planungen starkgemacht. Inzwischen hat der Landkreis das 16.000 Quadratmeter große Areal des ehemaligen Kreisaltenzentrums allerdings für drei Euro an zwei Investoren aus Bebra verkauft.

„Um die Notfallversorgung im Kreis Hersfeld-Rotenburg, vor allem im Nordkreis, zu sichern, brauchen wir jetzt einen Schulterschluss“, so Oechsner. Wer die Kardiologie am Ende betreibe, sei nachrangig, betont Oechsner. „Ob wir das selbst machen oder ob die Kardiologie unter kommunaler Trägerschaft läuft, ist uns erst einmal egal. Uns geht es um die Sache.“

Rolf Weigel, Geschäftsführer des kommunalen Klinikverbundes, der die Pläne kennt, spricht auf Nachfrage unserer Zeitung von einem „irritierenden Vorgehen“ des KKH. Er glaubt nach eigenen Angaben nicht, dass es dem Krankenhaus um die kardiologische Versorgung im Nordkreis gehe. „Vielmehr handelt es sich um den bereits im vergangenen Jahr ins Spiel gebrachten Vorschlag, die Kardiologie des HKZ anstatt nach Bad Hersfeld an das Kreiskrankenhaus zu verlagern“, so Weigel. Allerdings betont er, „selbstverständlich für die Weiterführung der Gespräche mit dem KKH zur Verfügung“ zu stehen.

Wenn Dr. Martin Oechsner und Andreas Maus, Geschäftsführer des Rotenburger Kreiskrankenhauses (KKH), über ihre Kardiologie-Pläne sprechen, fällt ein Begriff immer wieder: Schulterschluss. „Wollen wir die kardiologische Notfallversorgung aufrechterhalten, brauchen wir einen Schulterschluss“, ist einer dieser Sätze.

Die Pläne

Kosten soll der angedachte Neubau mit 40 Betten und zwei Herzkatheterplätzen rund 20 Millionen Euro. „Es gibt viele medizinische Fachbereiche, die man nicht unbedingt an beiden Standorten vorhalten muss. Aber eine Kardiologie brauchen wir in Bad Hersfeld und in Rotenburg“, sagt Oechsner.

Wenn das Klinikum Hersfeld-Rotenburg die Akutmedizin des Herz-Kreislauf-Zentrums (HKZ) wie geplant in drei bis vier Jahren von Rotenburg nach Bad Hersfeld verlagert, würde eine Versorgungslücke entstehen, befürchtet er. „Dann würde der Rettungsdienst auch aus dem Kreisgebiet rausfahren müssen: nach Fulda, nach Eisenach, nach Eschwege.“ Patienten aus dem Gudegrund und Spangenberg würden jedenfalls nicht nach Bad Hersfeld fahren – „und das schafft man im Notfall auch nicht in den geforderten 30 Minuten“, so Oechsner.

Deshalb plant das KKH im Falle eines Neubaus auch kein kardiologisches Light-Angebot. „Bisher leiten wir Notfall-Herzpatienten ans HKZ weiter. In Zukunft geht es uns dann nicht mehr ums Weiterleiten, sondern um eine vollwertige Einheit“, sagt Maus. Wer letztlich verantwortlich für die Kardiologie zeichnet, spielt für Maus und Oechsner derzeit nur eine untergeordnete Rolle, wie sie versichern: „Die Trägerschaft ist völlig offen.“

Der Berater

Beraten lässt sich die KKH-Geschäftsführung bei ihren Kardiologie-Planungen von Prof. Dr. Christian Vallbracht, der von 1993 bis 2016 Chefarzt der Kardiologie am HKZ war, von 2003 bis 2016 auch als ärztlicher Direktor und Mitgesellschafter. Vor wenigen Wochen hat der Kardiologe seine Privatpraxis vom Bad Hersfelder Kurpark in die Räumlichkeiten des MVZ neben dem KKH nach Rotenburg verlegt und schaut nun von seinem Balkon direkt auf den gegenüberliegenden Berg – aufs HKZ. „Das ist ein schweres Gefühl, aber der Schmerz lässt mit der Zeit etwas nach“, sagt er mit Blick auf seine alte Wirkungsstätte, deren Verlagerung er im vergangenen Jahr scharf kritisiert hatte. Jetzt, ein Jahr nach dem Votum der Gesellschafter, fordert er politische Unterstützung für die KKH-Pläne: „Der neue Landrat sollte sich für Rotenburg einsetzen. Dafür ist er gewählt worden.“

Der neue Landrat

Zumindest ist Torsten Warnecke, ab September der neue Chef im Landratsamt, bereits über die Pläne informiert. „Die Grundlage des Konzepts, eine verstärkte Zusammenarbeit und Abstimmung der Beteiligten zum Wohle der Patientinnen und Patienten anzustreben, halte ich für zukunftsweisend“, so der Sozialdemokrat gegenüber unserer Zeitung. Andernfalls drohten „konkurrierende kardiologische Leistungen“, die dauerhafte Probleme nach sich zögen, personell wie finanziell. Warnecke sagt auch: „In Rotenburg kardiologische Leistungen vorzuhalten und anzubieten, hat sich bewährt.“

Das Klinikum

Für einen Schulterschluss wirbt das KKH auch, „weil wir am Ende des Tages auch die Unterstützung des Kreistags brauchen“, so Oechsner. Da ist er wieder, der Wunsch nach dem Schulterschluss.

Ganz so einfach dürfte dieses Unterfangen aber nicht werden – zumindest, wenn man Rolf Weigel, den Geschäftsführer des Klinikums Hersfeld-Rotenburg, darauf anspricht. „Es geht nicht um einen Schulterschluss“, sagt er. „Das KKH verkennt, dass der Versorgungsauftrag für die Kardiologie im Verbund des Klinikums liegt.“ Zugleich zeigt sich Weigel überzeugt, dass es im Landkreis „keinen Bedarf zum Betrieb von zwei interventionell tätigen Kardiologien“ gibt. Eine zweite Kardiologie würde dazu führen, „dass beide Einheiten nicht ausgelastet sein würden und wirtschaftlich nicht tragbar wären“.

Anfang des Jahres habe es, so Weigel, bereits so etwas wie einen runden Tisch mit dem KKH gegeben, „in dem in hoher Übereinstimmung ein Zielbild zur kardiologischen Versorgung im Landkreis Hersfeld-Rotenburg besprochen wurde“. Dass nun das KKH „ohne vorherige Absprache oder Information“, wie Weigel betont, sich ans Sozialministerium gewandt hat, um selbst eine Kardiologie zu beantragen, „steht in krassem Widerspruch zu den bis dahin geführten Gesprächen“. Gleichwohl betont er, dass er „selbstverständlich“ für weitere Gespräche mit dem KKH zur Verfügung stehe: „Wir brauchen ein abgestimmtes und abgestuftes medizinisches Versorgungskonzept für den Landkreis.“ Dabei dürfe es nicht nur um die Kardiologie gehen. Weigel: „Vielmehr sollte über alle Versorgungsangebote beider Krankenhausträger gesprochen und im Geiste von Partnerschaftlichkeit und Geben und Nehmen ein ausgewogenes Gesamtkonzept vereinbart werden.“

Das Ministerium

Das Sozialministerium teilt auf Nachfrage mit, dass „im Falle der Umsetzung der Neustrukturierung des Klinikums Hersfeld-Rotenburg vorrangig die Auswirkungen auf die Rettungszeiten zu berücksichtigen“ seien. Dabei sei, so die Pressestelle, ein besonderes Augenmerk auf die Versorgung von kardiologischen Notfällen zu richten: „Das Ministerium führt derzeit Gespräche mit den Krankenkassen, inwieweit das Kreiskrankenhaus Rotenburg in diese Versorgung einzubeziehen ist.“ Wann die Prüfung abgeschlossen ist, lasse sich noch nicht absehen, heißt es aus Wiesbaden.

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