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Krankenhausdebatte im Hörsaal: So lief die Bürgerversammlung in Rotenburg

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Von: Sebastian Schaffner

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Wissbegierig: Rund 100 Menschen nahmen an der Bürgerversammlung teil und stellten ihre Fragen, hier Benjamin Schneider, der vor zwei Jahren mithalf, eine Menschenkette für den Erhalt des HKZ-Standorts in Rotenburg zu organisieren.
Wissbegierig: Rund 100 Menschen nahmen an der Bürgerversammlung teil und stellten ihre Fragen, hier Benjamin Schneider, der vor zwei Jahren mithalf, eine Menschenkette für den Erhalt des HKZ-Standorts in Rotenburg zu organisieren. © Sebastian Schaffner

Einige Fußballfans im Publikum der Bürgerversammlung in Rotenburg dürften am Donnerstagabend insgeheim mit dem Anpfiff des Eintracht-Frankfurt-Spiels geliebäugelt haben. Als das Europa-League-Halbfinale startete, ging es aber erst so richtig los im großen Hörsaal des Studienzentrums. Der Überblick.

Welche Erkenntnisse brachte die Bürgerversammlung?

Rotenburgs Bürgermeister und Eintracht-Fan Christian Grundwald („Heute gibt es Wichtigeres als Fußball“) hatte sich zu Beginn gewünscht, dass „wir später schlauer sein werden als wir gekommen sind“. Das dürfte geklappt haben – dank eines wissbegierigen Publikums. So entlockten die Zuhörer den Vertretern auf der Bühne, dass der geplante Neubau am Klinikum-Standort Bad Hersfeld „weit mehr als 150 Millionen Euro“ kosten könnte, dass das Klinikum nach der Umstrukturierung mit 172 Betten weniger als heute plant und dass das Kreiskrankenhaus (KKH) bei den eigenen Kardiologie-Plänen ein wenig zurückgerudert ist und nur noch 25 statt 40 Betten schaffen will.

Wie groß sind die Chancen, dass das HKZ in Rotenburg bleibt?

Gleich null. Da waren sich Landrat, Klinikum-Geschäftsführung, aber auch Dr. Martin Oechsner vom KKH einig. Das Gebäude sei schlicht nicht mehr zeitgemäß, überdimensioniert und sanierungsbedürftig. Landrat Torsten Warnecke kündigte an, bis zur Verlagerung 2025/2026 auch weiter in das Gebäude investieren zu wollen. Alle Hoffnung ruht nun aber auf dem Fördergeld für den Neubau. Warnecke nannte den erhofften Geldsegen aus dem Krankenhausstrukturfonds II „eine einmalige Chance“. Das Geld gebe es aber grundsätzlich nur, wenn Standorte aufgegeben werden.

Warum fand die Bürgerversammlung überhaupt statt?

Weil anderthalb Jahre nach der beschlossenen Verlagerung der Akutmedizin nach Bad Hersfeld immer noch viele Fragen offen seien, wie Stadtverordnetenvorsteher Thomas Nölke, der Veranstalter, im Vorfeld sagte. „Ich fühle mich auf keinen Fall umfänglich informiert“, sagte am Abend auch Klaus Esche, der unterhalb des HKZ wohnt und sich im Falle eines gesundheitlichen Notfalls Sorgen macht, dass ihm bald nicht mehr rechtzeitig geholfen werden könne: „Ich habe Angst.“ Klinikum-Geschäftsführer Rolf Weigel versuchte, ihn zu beruhigen, und sagte, dass die gesetzlich festgelegten Hilfs- und Transportfristen gewährleistet seien. Heidrun Ernst kritisierte, dass das Klinikum im Zuge der Umstrukturierung die stationäre Augenklinik aufgegeben hat. „Das fand ich unerhört.“ Weigel sagte, dass sich die Zeiten geändert hätten: „Früher wurden fast alle Patienten stationär aufgenommen, heute finden 90 Prozent der augenärztlichen Eingriffe ambulant statt.“ Deshalb gebe es nur noch ambulante Angebote. „Gesetzgeber und Krankenkassen machen Vorgaben, an die müssen wir uns halten.“ Anita Hofmann, die auf die besondere Identifikation Rotenburgs mit dem HKZ hinwies, kritisierte die Kommunikation des Klinikums und wünschte sich von Landrat Warnecke, „an der Transparenz zu arbeiten“. Dieser entgegnete, dass es Dinge gebe, bei denen es „unklug wäre, wenn wir öffentlich darüber diskutieren“.

Wie war die Stimmung im Audimax?

Abgesehen von einzelnen Zwischenrufen blieb es alles in allem sachlich. Es wurde engagiert und mitunter hart diskutiert. Als Edgar Kind aus Rotenburg orakelte, dass der Neubau angesichts der derzeitigen Baukostenentwicklung am Ende „200 oder 250 Millionen Euro“ kosten könnte, konterte Weigel direkt: „Wie würde denn Ihr Alternativkonzept aussehen? Auf unseren Förderantrag zu verzichten, wäre jedenfalls keine Option gewesen.“ Als Weigel die Frage unbeantwortet ließ, mit wie vielen herzchirurgischen Eingriffen das Klinikum nach der Verlagerung in Bad Hersfeld plane, rief ihm Dr. Jürgen Graff, früherer Oberarzt im HKZ, zu: „Sie sind ja nicht in der Lage, meine Frage zu beantworten.“

Eingeladen hatte Rotenburgs Stadtverordnetenvorsteher Thomas Nölke. War er anschließend zufrieden?

Teils, teils. Dass nur rund 100 Menschen seiner Einladung gefolgt waren, bedauerte Nölke genauso wie Bürgermeister Grunwald („Ist das Thema kein Aufreger mehr?“), HKZ-Betriebsrätin Martina Reinki („Ich dachte, ich bekomme keinen Sitzplatz mehr“) und Dr. Martin Oechsner („Ist das schon Resignation?“). Inhaltlich wirkte Nölke allerdings sehr zufrieden: „Das war ein total spannender Abend.“ Auch deshalb kündigte er eine Wiederholung an. „Vermutlich im Herbst“, sagte er auf Nachfrage unserer Zeitung. „Hoffentlich dann aber mit vollem Haus.“

Wie haben sich die geladenen Gäste verkauft?

Dr. Martin Oechsner hatte die wohl komfortabelste Ausgangssituation. Schließlich will er selbst mit dem KKH eine Kardiologie in Rotenburg aufbauen. Das kommt dort natürlich gut an. Dr. Dalibor Bockelmann, der seit April medizinischer Direktor im Klinikum ist und nicht im Verdacht steht, den HKZ-Abzug vorangetrieben zu haben, appellierte: „Wir sollten uns lösen vom Krankenhausdenken der letzten 50 Jahre und lieber in die Zukunft schauen. Lassen Sie uns Gesundheitsversorgung regional denken.“ Der Erste Kreisbeigeordnete Dirk Noll, qua Amt stellvertretender Aufsichtsratsvorsitzender des kommunalen Klinikverbunds, hatte eher eine Nebenrolle und versuchte, nicht anzuecken. Für Torsten Warnecke war die Bürgerversammlung die erste richtige „Feuertaufe“ vor einem größeren Publikum als Landrat. Er bekam an einer Stelle Lob, ging auf die Fragen ein, holte allerdings oft weit aus. Insgesamt machte er eine solide Figur. Rolf Weigel hatte den schwersten Stand. An ihm entlud sich der Ärger über die HKZ-Verlagerung. Auch wenn er nicht alle Fragen beantwortete, gab er sich Mühe, bot Dr. Jürgen Graff aus dem Publikum an, sich noch einmal zu treffen, um offene Fragen zu erörtern. Er forderte alle Beteiligten auf, gemeinsam für gute Ergebnisse zu ringen: „Wir sind zum Erfolg verdammt.“

Wie geht’s jetzt weiter?

Das Klinikum wird die Verlagerung der Akutmedizin nach Bad Hersfeld vorantreiben und hofft auf das Fördergeld für den Neubau. Das KKH hält weiter an der Idee fest, eine eigene Kardiologie aufzubauen – ob das klappt, ist allerdings weiter unklar. „Wir brauchen vor Ort unbedingt eine Notfallversorgung, dazu gehören für mich auch eine Herzchirurgie und eine Kardiologie“, argumentierte Oechsner. Aus Rotenburg komme man im Ernstfall noch nach Bad Hersfeld. „Der Spangenberger nicht.“ Deshalb müsse man die Patienten aus dem Melsunger Raum im Blick haben, die auf den Standort Rotenburg angewiesen seien. Oechsner: „Ich werde nicht aufgeben“.

Von Sebastian Schaffner

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