Coronavirus

„Laufen auf der letzten Rille“: Rotenburger Hausarzt spricht über massive Arbeitsbelastung durch Boostern

Dreh- und Angelpunkt: Der Empfangstresen in der Rotenburger Hausarztpraxis Kirchhoff ist täglich ununterbrochen frequentiert. Sabine Kirchhoff, links, arbeitet in der Praxis ihres Mannes Dr. Johannes Kirchhoff mit. Zurzeit muss das gesamte Team permanent Überstunden machen, berichtet das Paar.
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Dreh- und Angelpunkt: Der Empfangstresen in der Rotenburger Hausarztpraxis Kirchhoff ist täglich ununterbrochen frequentiert. Sabine Kirchhoff, links, arbeitet in der Praxis ihres Mannes Dr. Johannes Kirchhoff mit. Zurzeit muss das gesamte Team permanent Überstunden machen, berichtet das Paar.

Boostern soll zur Eindämpfung der negativen Corona-Entwicklung beitragen. Allerdings können die Hausarztpraxen die gewaltige Aufgabe nicht allein leisten. Ein Hausarzt aus Rotenburg spricht über die Mehrbelastungen.

Rotenburg – „Unsere Terminvergabe für die Booster-Impfungen reicht schon wieder bis in den März“, sagt der Allgemeinmediziner Dr. Johannes Kirchhoff. Er führt eine etablierte Hausarztpraxis in Rotenburg, seine Frau Sabine arbeitet im Team mit. „Wir laufen auf der letzten Rille“, sagt der Kirchhoff unverblümt.

Er ist ein leidenschaftlicher Verfechter des Boosterns, weil Untersuchungen so gute Ergebnisse der dritten Impfung gezeigt hatten. Boostern könne erheblich zur Eindämpfung der negativen Entwicklung beitragen und Leben retten, ist er sicher. Allerdings könnten die Hausarztpraxen die gewaltige Aufgabe nicht allein leisten.

Auflösung des Impfzentrums im Landkreis sei ein großer Fehler gewesen

Die Auflösung des Impfzentrums im Landkreis, ohne dabei die mobilen Impfteams oder kleine lokale Impfzentren im Hintergrund in Bereitschaft zu halten, ist nach seiner Einschätzung des Allgemeinmediziners ein großer Fehler seitens Politik, aber auch seitens der Funktionäre der Hausarztverbände. „Die Aussage „Impfen gehört in die Hände der Hausärzte“ ist grundsätzlich in Ordnung, aber nicht in einer Pandemie“, findet Kirchhoff. Die träge Reaktion von Politik und Verbänden auf die wissenschaftlich fundierten Prognosen von Virologen bereits im Sommer kosten Menschenleben, ist sich der Arzt sicher.

Seit Corona-Impfungen und vor allem das Boostern komplett den Hausarztpraxen obliegt, sei an einen normalen Praxisablauf nicht mehr zu denken, berichtet Sabine Kirchhoff. Selbst Blutentnahmen, die in der Regel nur fünf Minuten dauerten, zögen sich hin, weil jeder Patient sagt „Ich hätte da mal eine Frage“. Und dann fragt er nach Corona, nach Impfung, äußert seine Sorgen. Die nimmt man in der Praxis ernst und möchte gern helfen – aber alles zu leisten, geht nicht mehr.

70 Stunden Arbeitszeit in der Woche sind keine Seltenheit mehr.

„Hinzu kommt, dass wir nicht wissen, was wir den Menschen sagen sollen, wenn sie nach alternativen Impforten fragen“, kritisiert der Arzt. Seitens des Gesundheitsamtes herrsche seit Monaten Schweigen. In der Praxis weist man inzwischen auf das Impfzentrum in Kassel hin. 70 Stunden Arbeitszeit in der Woche sind keine Seltenheit mehr.

Am Wochenende wird aufgearbeitet, was liegen geblieben ist. „Und dann stößt man auf Patienten, denen das egal ist, und die ganz unverblümt versuchen, einen zu erpressen“, sagt Sabine Kirchhoff. „Dann muss ich mir einen anderen Hausarzt suchen“, heißt es drohend. Allerdings verfängt das nicht in der Provinz, wo Ärzte ein rares Gut sind.

Der Ton, die Absicht und der Zorn treffen das Personal aber schon, das sich abmüht, allen gerecht zu werden. „Das Telefon klingelt von 7.30 Uhr bis zum Ende der Öffnungszeit ohne Pause. Die Patienten sagen: Ihr Telefon ist kaputt. Man kommt nicht durch“, beschreibt Sabine Kirchhoff den alltäglichen Wahnsinn.

Hausärzte appellieren: Masken tragen, Abstand halten, Hygieneregeln beachten

In dieser Rotenburger Praxis ist Donnerstag der Impftag, weil ein fester Impftag organisatorisch die höchste Effizienz biete. Der Impfstoff werde in einer Art Bausteinsystem angeliefert. Diese Bausteine werden zusammengefügt und können dann rasch hintereinander weg verimpft werden. Das bringt auch Erleichterung für das Praxis-Team wegen der unterschiedlichen Abrechnungssysteme von Hausarztpraxis und Corona-Impfungen.

Bis es Entlastung für die Hausärzte und eine Beschleunigung des Boosterns gibt, appelliert Kirchhoff an alle Menschen, sich wieder auf die Regeln des vergangenen Jahres zu besinnen und auch danach zu handeln: Masken tragen, Abstand halten, Hygieneregeln beachten.

Und, so ergänzt seine Frau mit einem Lächeln: Im Umgang miteinander sollte man sich an seine „gute Kinderstube“ erinnern, also auf Höflichkeit besinnen, auch wenn man emotional unter Druck steht. (Silke Schäfer-Marg)

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