Luthers Sprache erspielen: Bibeltexte und Jazz in der Rotenburger Jakobikirche

Bibelwort und Musik: David Gerlach (am E-Piano) und Stefan Raabe (am Percussion-Set). Rechts die überdimensionale Martin-Luther-Playmobil-Figur. Foto: Apel

Rotenburg. Ein alternatives, auf ganz spezielle Art jedoch fulminantes Fastnachtsprogramm bot der Förderkreis Jakobikirche einem Publikum, das wunderbarer Sprache und ebensolcher, improvisierter, jazziger Musik zugeneigt ist.

Anlass war das Reformationsjubiläum, und damit natürlich verbunden: der Mensch Martin Luther und die Übersetzung der Bibel. Wie liest sich das, was von dem in heutiger Zeit zwiespältig beurteilten Wittenberger 1545 „letzter Hand“ in frühneuhochdeutscher Sprache veröffentlicht worden ist, und das, was 2016 nach soundsovielter Revision vorgelegt worden ist? Gibt es überraschende Unterschiede? Kann man sprachlich schöne Texte auch musikalisch schön interpretieren - erspielen? Pfarrer Michael Dorfschäfer, sein fünfköpfiger Lesekreis sowie David Gerlach (am E-Piano) und Stefan Raabe (am Percussion-Set) versuchen sich.

Und erhalten schon gleich nach dem ersten Musikstück Beifall. David Gerlach spielt hoch konzentriert, seine Finger fliegen über die Tasten seines elektronischen Alleskönners. Später verrät er, dass das, was man hört, aus harmonisch strukturierten Eigenarrangements und situationsbedingten Improvisationen besteht. Dass er versucht, Motive aus alter Zeit („Ein feste Burg“, „Wachet auf, ruft uns die Stimme“) aufzunehmen und auf moderne Art zu interpretieren. Stefan Raabe, mit dem er seit sieben Jahren zusammenarbeitet, begleitet ihn kongenial.

Als Vorleserinnen betätigen sich Sabine Amlung, Brigitte Meyer-Christ, Sabine Schad-Sitzmann und Ursula Schmitt. Jesaja, die Sprüche Salomos und der Korintherbrief hören sich bei den beiden Lehrerinnen und bei den beiden Damen vom Literaturkreis anders an als sonst.

Neu ist kürzer

Bei Gegenüberstellungen fällt auf, dass die neuere Bibelübersetzung fast immer kürzer ist. Wenn sie - mal links vor dem Altar, mal auf der Orgelempore stehend - nur die ältere Fassung zu Gehör bringen, tritt der wahre Luther zu Tage: seine bildgewaltige, bisweilen liebliche Sprache, die einem bis heute so nah und vertraut erscheint. Aus den Seligpreisungen etwa, aus dem Hohelied der Liebe oder aus dem von Salomo: „Mein Haupt ist voll Taues und meine Locken voll Nachttropfen.“

Auch Rotenburgs katholischer Pfarrer Andreas Schweimer beteiligt sich. Zweimal steigt er auf die Kanzel, liest ganz genau auf jedes Wort achtend, ja zelebriert, jeden Satz der Geschichten von der Auferweckung des Lazarus und vom Urteil des Salomo.

Dass er in ökumenischer Verbundenheit mitmacht, begeistert nicht nur die Zuhörer im sehr gut besuchten Gotteshaus, sondern auch Pfarrer Dorfschäfer, der zum Abschluss Psalm 121 vorträgt. Sicher als eine Art Segen, dem er ein mit Lutherfiguren und Quittengelee untermauertes Dankeschön an die Protagonisten und eine Einladung zu Bibelkuchen, vorfastenzeitlichen Getränken und guten Gesprächen folgen lässt. Ein geistreicher, für alle überraschend schöner Abend.

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