Hilfsorganisation Blindspots

Mit Felgenöfen gegen die Kälte: Felix Wild aus Rotenburg half Flüchtlingen in Bosnien

Zahlreiche Flüchtlinge haben im Winter bei Schnee und unter minus 10 Grad in den bosnischen Wäldern campiert. Wärme spendeten ihnen dabei die von der Hilfsorganisation Blindspots gebauten Öfen aus Autofelgen.
+
Zahlreiche Flüchtlinge haben im Winter bei Schnee und unter minus 10 Grad in den bosnischen Wäldern campiert. Wärme spendeten ihnen dabei die von der Hilfsorganisation Blindspots gebauten Öfen aus Autofelgen.

Orte wie Moria tauchen häufig in der internationalen Berichterstattung auf. Ein Rotenburger war im Winter in einer Gegend, die es selten in die Nachrichten schafft.

„Ich habe keinen einzigen Menschen getroffen, wo ich sagen würde, der hat keinen guten Grund für seine Flucht. Da sind Menschen mit Schusswunden und Messerstichen, die in ihrem Land verfolgt werden und vom Tod bedroht sind. Es ist absurd, dass wir diesen Menschen die Zuflucht in Europa verweigern.“ Das sagt der 28-jährige Felix Wild. Der Rotenburger hat im Winter zwei Monate im bosnischen Flüchtlingscamp Velika Kladusa verbracht.

Der Biochemie-Student, der seit dem Abitur 2012 an der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule in Berlin lebt, engagiert sich bei der Hilfsorganisation Blindspots. Zu Deutsch: blinde Flecken. Die jungen Leute helfen dort, wo es an medialer Aufmerksamkeit und dadurch auch an Spenden fehlt. Von Velika Kladusa aus versuchen die Geflüchteten, über die kroatische Grenze und damit in die Europäische Union zu gelangen. Im Januar schaffte es der Ort dann doch in die deutschen Medien, nachdem das ursprüngliche Flüchtlingslager abgebrannt war.

Felix Wild aus Rotenburg engagiert sich bei der Hilfsorganisation Blindspots.

„Ich sollte eigentlich erst im Februar kommen, aber dann hat sich die Situation zugespitzt. Nach dem Brand war die Befürchtung, dass nun viele versuchen, über die Grenze zu kommen und dabei Kälte und Hunger ausgesetzt sind“, sagt der Rotenburger, der nach dem Abitur zunächst eine Ausbildung zum Kaufmann für Marketingkommunikation machte. Im Winter hatte er Zeit, weil er wegen der Pandemie ohnehin nicht ins Labor konnte. Seine Abreise nach Bosnien wurde spontan auf Anfang Januar vorverlegt. Nach einem Tag Einarbeitung war Felix Wild mittendrin.

Blindspots versorgt die Flüchtlinge mit Feuerholz und schweißt aus Autofelgen mobile Öfen, baut aber auch feste Öfen in den sogenannten Squats. Das sind verlassene Häuser, Bauruinen wie alte Fabriken, wo die Menschen, die dort auf der Balkanroute teils mehrere Jahre stranden, leben – von der Bevölkerung gebilligt, berichtet der 28-Jährige. „Wir haben die Räume winterfest gemacht und Reparaturen gemacht, Fenster und Türen eingebaut.“ Man achte darauf, dass alles auch wieder abgebaut werden kann und die Häuser baulich nicht verändert werden. All das passierte unter den Einschränkungen der Corona-Pandemie – also mit so wenig Kontakt wie möglich, stets mit Masken.

Die Organisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze

Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze.
Die Hilfsorganisation Blindspots unterstützt Flüchtlinge an der bosnischen Grenze. © Blindspots

Die Hilfe von Blindspots war dringend nötig, weil Temperaturen unter minus zehn Grad herrschten. Dazu starker Schneefall. Unter den Flüchtlingen waren unter anderem Algerier, Marokkaner, Pakistani, Afghanen, Iraner und Bangladescher. Neben Englisch war zur Verständigung auch Französisch nötig. Die Sprachkenntnisse aus der Schulzeit halfen dabei und verbesserten sich in den zwei Monaten in Lipa. Abgesehen von der Kälte war auch sauberes Wasser ein Problem, dem man schließlich mit Kanistern und Chlortabletten begegnete. Um rund 500 Menschen kümmerte sich Blindspots in Lipa, schätzt der Rotenburger, der dort mit anderen Freiwilligen in einer von Blindspots angemieteten Wohnung lebte.

Hier liegt Velika Kladusa

Es gab allerdings auch Zeiten, in denen sich Felix Wild fragte: „Was mache ich hier eigentlich?“ Denn: „Es tut weh, wenn du die Leute kennenlernst, und merkst, was sie wirklich brauchen, ist der Weg nach Europa. Was wir ihnen geben können, ist ein warmes Zimmer.“ Beim Grenzübertritt, wo die Flüchtlinge von kroatischen Polizisten immer wieder mit Gewalt zurückgeschoben werden („Pushback“), helfe Blindspots natürlich nicht, denn Schlepperei sei eben nicht legal und „absolut kein Kavaliersdelikt“. Dass die Einreise der Menschen in die EU illegal ist, kann der Rotenburger aber nicht nachvollziehen. „Westliche Staaten haben diese Länder kaputtgemacht, durch die Kolonialgeschichte und Kriege, und verhindern auch, dass sie wirtschaftlich stark werden. Und dann verweigern wir den Menschen den Weg nach Europa, wo wir im Überfluss leben und Sachen wegschmeißen, die diese Menschen nicht haben. Und das aus Angst vor dem Fremden, aus rassistischen Motiven. Das leuchtet mir nicht ein.“

Pushbacks

Die Flüchtlinge in Velika Kladusa gelten zunächst als undokumentierte Durchreisende. „Als solche ist die politische Gemengelage undurchsichtig“, sagt die Hilfsorganisation Blindspots. Eigentlich stehe den Menschen das Recht zu, im Land ihrer Ankunft Asyl zu beantragen. Allerdings würden die Menschen schon am Grenzübergang auf bosnischer Seite an der Einreise in die EU gehindert. Das habe zur Folge, dass dann versucht werde, die Grenze abseits der Grenzposten zu passieren. Gelinge der Grenzübertritt, gelten diese Menschen von nun an als illegale Einwanderer. Das beraube die Einreisenden zwar nicht um ihr Grundrecht auf Asyl, diene jedoch den örtlichen Grenzbehörden als Anlass, sie nach Bosnien zurückzuführen. Zwar gelten diese sogenannten Pushbacks noch als rechtlich umstritten. Die Gewalt, die die Grenzpolizei dabei kalkuliert und systematisch gegen die Einwandernden anwende, widerspreche jedoch allen menschen- und völkerrechtlichen Abkommen der EU. „Tagtäglich kehren Menschen mit gebrochenen Knochen, Blutergüssen und Bisswunden von Polizeihunden zurück nach Velika Kladusa, beraubt um ihre Habseligkeiten wie Reise- und Ehepapiere, Telefone. Sogar Kleidung und Schuhe werden den Durchreisenden genommen und vor ihren Augen verbrannt.“

Obersuhler Jonathan Warneck ist einer der Gründer von Blindspots

Einer der Gründer von Blindspots ist ein Freund aus Felix Wilds Rotenburger Jugendzeit: Der Obersuhler Jonathan Warneck machte 2010 an der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg sein Abitur. Später hatte der heute 30-Jährige eine Bar in Marburg. Dann zog er mit einem Freund nach Leipzig, um dort einen Club zu eröffnen.

Jonathan Warneck aus Obersuhl ist einer der Gründer von Blindspots.

Nach den ersten vier Veranstaltungen kam Corona. Weil der Betrieb gerade erst gegründet war, fällt der 30-Jährige durch sämtliche Raster für Staatshilfen. Darüber beklagt er sich aber gar nicht. „Uns geht es doch trotzdem sehr gut in Deutschland. Auch in einer Krise wie jetzt hat es jeder warm, jeder hat was zu essen und bekommt medizinische Hilfe. Das ist anderswo auf der Welt nicht so.“ Er spricht sogar von Glück, weil er kurz davor war, kräftig Geld für den Umbau der Lokalität auszugeben. „Ich war vor einem Jahr natürlich nicht der Einzige, der von Corona ausgebremst wurde. Ganz viele Bekannte von mir, die in der Veranstaltungsbranche arbeiten, hatten dieselben Probleme“, berichtet der Obersuhler. Schnell entstand die Idee, das Netzwerk, die Organisationskompetenzen und die eigene Reichweite dann eben anderweitig zu nutzen.

Bei Blindspots sind vor allem junge Menschen aus Leipzig und Berlin dabei. Warneck kümmert sich um die Buchführung. Andere sind für Öffentlichkeitsarbeit zuständig, Blindspots hat in Lipa auch schon selbst eine Doku gedreht.

„Mittlerweile arbeiten mehrere von uns in Vollzeit für Blindspots, ohne Bezahlung.“ Die Organisation professionalisiert sich immer weiter, immer getreu dem Motto: Dort für Aufmerksamkeit und Hilfe sorgen, wo es bislang zu wenig andere tun.

Jonathan Warneck hat seine Pläne, in Leipzig mit einem Club durchzustarten, noch nicht aufgegeben. Für Blindspots wird er sich aber auf jeden Fall weiter engagieren. (Christopher Ziermann)

Blindspots ist auf Spenden angewiesen.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.