Junger Afghane erzählt von seinem Start in Rotenburg

Dramatische Flucht vor den Taliban: Das ist die Geschichte von Mustafa Hasanzada

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Er hat gut lachen: Mustafa Hasanzada, der im Februar 2015 als Flüchtling aus Afghanistan nach Deutschland kam, macht derzeit freiwillig ein Praktikum im Hallenbad Rotenburg.

Rotenburg. Mustafa Hasanzada passt auf, dass im Rotenburger Hallenbad niemand vom Beckenrand springt. Er ist da, wenn Gäste Fragen haben.

Der 18-Jährige packt tatkräftig mit an. „Mustafa macht das super. Er lernt schnell und setzt um, was man ihm sagt“, sagt Werner Spill. Der 50-Jährige arbeitet als Fachangestellter für Bäderbetriebe und lobt den Afghanen, der 2015 als unbegleiteter Flüchtling nach Deutschland kam, über alle Maßen.

Geboren wurde Mustafa in Ghazni in Zentralafghanistan. Gelebt haben er und seine Familie in einem Dorf. Von dort waren es zwei Stunden Fußweg bis zur Schule. Weil hier viele Gefahren lauern, hat er diese nie besucht. Von klein auf half er den Eltern bei der Landwirtschaft.

„Sobald man bei uns laufen kann, muss man auf dem Feld arbeiten“, sagt der seit kurzem Volljährige. Schafe hüten, Kühe melken, Weizen anbauen - das war sein Alltag. Geschwister hat er nicht. Seine Mutter starb, als er elf war. Darüber reden mag er nicht. Wohl aber über seine Flucht.

Im Herbst 2014 seien Taliban in sein Dorf eingefallen. Er musste mitansehen, wie Nachbarhäuser in Flammen aufgingen. Eines nachts habe ihn sein Vater durch ein kleines Fenster auf den Weg zum Onkel geschickt. Der wohnte eine Stunde entfernt. Mit ihm sei er drei, vier Tage gelaufen. Immer in Angst vor Anschlägen. Ungewiss, was mit dem Vater passiert sein könnte.

Den ganzen Winter seien sie auf der Flucht gewesen. Solange bis der Onkel entschied, er solle in Europa ein neues Leben in Sicherheit wagen. Ein Schleuser half dabei. Mit dem Onkel telefonierte er zuletzt auf dem Zwischenstopp in der Türkei. Dann brach auch dieser Kontakt ab.

Start in Deutschland 

Angekommen ist Mustafa im Februar 2015 in München. Die ersten Monate verbrachte er in Frankfurt. In einer Wohngruppe, wo 100 unbegleitete Flüchtlinge lebten. Mit der Gemeinsamkeit, nicht ein Wort Deutsch zu können. Beim Sprachkurs war er stets fleißig.

„Sprache ist wichtig. Ich will alles verstehen und mich mit den Menschen unterhalten können“, sagt er. Überall sei er gut aufgenommen worden. Negatives weiß er nicht zu berichten. Wohl auch, weil er trotz muslimischer Erziehung europäisch denkt. Frauen sieht er als gleichberechtigt an - in Afghanistan war es etwa verpönt, fremden Frauen die Hand zu geben.

Umstellen musste er sich beim Essen. Messer, Gabel und Löffel waren weitgehend Neuland. Gewohnt ist er, Reis mit der Hand zu essen. Er mag Kartoffeln, Fleisch isst er selten.

Im September 2015 zog er in die Wohngruppe der Stiftung Beiserhaus in Bebra und besucht die InteA2-Klasse der Beruflichen Schulen. Deutsch, Politik, Mathe und Geographie stehen auf dem Stundenplan. „Anfangs hatte ich ein paar Sechser, jetzt Einser und Zweier“, sagt Mustafa stolz. Dafür lernt er fleißig.

Nach der Schule sind Hausaufgaben Pflicht. Erst danach schaut er Fernsehen. Bevorzugt lustige Filme. Vor allem, um neue Wörter zu lernen. Manchmal mit Abdullah, seinem Kumpel aus Somalia, und mit Miguel, dem Spanier. Zusammen spielen sie Fußball. Das kannte er nicht, „weil wir bei uns keine Bälle hatten.“ Kochen, Malen und Schwimmen sind weitere Hobbies.

Am Tag der Offenen Tür im Hallenbad hat es „Klick“ gemacht. Mustafa bestand das Jugendschwimmabzeichen in Bronze. Peter Schuchardt, der technische Leiter des DLRG, war so angetan, dass Mustafa nun am Rettungsschwimmerabzeichen basteln darf - und sich für das Praktikum freiwillig anmeldete.

Den Weg zum Hallenbad geht er zu Fuß. Das kann er, weil er seit zwei Wochen eine kleine Wohnung in der Nähe hat. In ein, zwei Jahren möchte er den Führerschein machen. Büffelt emsig, um einen Schulabschluss zu bekommen. Eine Ausbildung als Rettungsschwimmer und Bademeister sind weitere Ziele. Ob er je nach Afghanistan zurückkehren kann, weiß er nicht.

Deswegen ist er dankbar für seine Chance in der neuen Heimat. Er liebt es, an der Fulda spazieren zu gehen und mit dem Rad zu fahren, das er vom Jugendamt bekommen hat. „Hier habe ich alles, um glücklich zu sein und kann ohne Angst rausgehen“, sagt Mustafa Hasanzada und strahlt. Wie sehr ihm Vater und Onkel fehlen, lässt er sich nicht anmerken.

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