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Neuer Song von Shiregreen: „100 Mann und ein Befehl“ als glaubhafte Kritik am Krieg

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Das Foto zeigt den Rotenburger Liedermacher Klaus Adamaschek alias „Shiregreen“, hier mit der alten Gitarre seines Vaters.
Liedermachen im Kerzenlicht: Klaus Adamaschek alias „Shiregreen“, hier mit der alten Gitarre seines Vaters, hat sich viele Fassungen des Songs „100 Mann und ein Befehl“ angehört. © Angelika Adamaschek, Susanne Wehling

Der Rotenburger Songwriter Klaus Adamaschek und seine Band „Shiregreen“ haben das alte, oft missverstandene Anti-Kriegslied „100 Mann und ein Befehl“ neu interpretiert.

Rotenburg – Durch den russischen Angriff auf die Ukraine hat das neueste Lied des Rotenburger Sängers und Songwriters Klaus Adamaschek – besser bekannt als „Shiregreen“ – eine traurige Aktualität gewonnen: „100 Mann und ein Befehl“ ist gerade als Single erschienen. Mit dem alten, oft missverstandenen oder missbrauchten, Lied verbinden den 64-Jährigen ganz persönliche Erinnerungen. Darüber sprach er mit Kai A. Struthoff.

Herr Adamaschek, bislang standen Sie eher in der musikalischen Tradition von Kris Kristofferson. Wollen Sie nun auch Freddy Quinn und Heino Konkurrenz machen?

Ganz sicher nicht. Ich wollte den Song „100 Mann und ein Befehl“, den ich seit meinen Kindertagen kenne, mit meinen Mitteln neu definieren und dabei vor allem die emotionale Intensität herausarbeiten. Ich wollte das Lied so interpretieren, wie es mein Vater verstanden hat, als er mir 1966 zum ersten Mal die Version von Heidi Brühl vorgespielt hat – als eine glaubhafte Kritik am Krieg.

Das Lied kann aber auch als kriegsverherrlichend verstanden werden?

Das Lied ist ein Musterbeispiel dafür, wie der gleiche Song ganz unterschiedliche Botschaften transportieren und auch missbraucht werden kann. Mein Bruder Uwe hat das Lied in ganz unterschiedlichen Fassungen gesammelt – zum Beispiel von Barry Sadler, der selbst Soldat war und eine patriotische Hymne auf eine Eliteeinheit mitten im Vietnamkrieg gesungen hat. Mein Vater, der selbst als 15-Jähriger in den Krieg ziehen musste, hat dieses Lied anders verstanden – und dabei eine Menge Tränen vergossen. Denn er ist Pazifist geworden und hat Kriege immer als Verbrechen angesehen. Das hat mich geprägt, und deshalb habe ich ihm dieses Lied gewidmet.

Jetzt singen Sie das Lied mit Ihrer Schwiegertochter Marisa Linß im Duett. Können junge Leute damit noch etwas anfangen?

Marisa hat sich sehr mit dem Song identifiziert und ihm ihren eigenen Stempel aufgedrückt. Durch den Rollenwechsel im Duett entsteht eine eindringliche Geschichte. Marisa, mein Sohn Paul und die ganze Band waren hochengagiert dabei und wollten das Potenzial als friedlichen Protestsong herauskitzeln.

Die Live-Videos von „Hundert Mann und ein Befehl“ vom Konzert auf dem Rotenburger Schlosshof wurden auf YouTube über 30.000 mal aufgerufen, mit zum Teil sehr berührenden Kommentaren aus aller Welt. Warum haben Sie jetzt auch noch ein kommerzielles Musik-Video produziert?

Das Video, das wir mit Nils Kastenhuber von Prismalicht hier in Rotenburg gedreht haben, bringt die Anti-Kriegs-Botschaft unserer Version auf den Punkt. Die Kriegsbilder, die im Hintergrund mitlaufen, zeigen, dass der Krieg auch nach 1945 eigentlich nie aufgehört hat, und das hat ja leider gerade in diesen Tagen beklemmende Aktualität bekommen. Von daher hat das Video auch einen politischen und pädagogischen Anspruch und wurde sogar aus dem Bundesprogramm „Partnerschaft Demokratie“ gefördert. Und es ist ein Musterbeispiel für gelungene regionale Kooperationen, denn Partner waren neben dem Toolhouse Studio auch die Jakob-Grimm-Schule und der Verein für Kultur, Begegnung und internationale Verständigung KuBIV eV.

Das Intro zu „Hundert Mann und ein Befehl“ spielen Sie im Video und auf dem Album auf der alten Gitarre ihres Vaters. Da steckt doch sicher eine Geschichte hinter?

Die Gitarre hat mein Vater als Geschenk von seinen Sportkameraden bekommen – ich glaube, es war 1973 zu seinem 45. Geburtstag. Ich habe ihm dann ein wenig Gitarrespielen beigebracht, und wir haben oft zusammen geklimpert. Vor allem seine geliebten Fahrten- und Wanderlieder, aber auch mal Bob Dylan. Das sind bewegende Erinnerungen, mein Vater und ich waren sehr eng verbunden. Und wenn ich seine Gitarre spiele, spüre ich diese Nähe noch heute.

„100 Mann und ein Befehl“ ist eine Auskopplung aus Ihrem neuen Album „Indian Summer“. Sie spielen mit dem Titel darauf an, dass Sie selbst im Herbst des Liedermacher-Lebens stehen. Fällt das Album diesmal deshalb besonders persönlich aus?

Meine anderen Alben waren auch persönlich, aber vielleicht verklausulierter. Ich habe inzwischen eine sehr klare Sprache gefunden und muss mich nicht hinter Floskeln verstecken. Ich denke, meine Musik ist in den 17 Jahren Shiregreen gereift, und immerhin bin ja mittlerweile 64 Jahre alt ...

... und da stellt man(n) sich zuweilen die Frage: „What happened to your Hippie-Dreams?“ wie es in einem Song heißt. Sie waren Lehrer, Leiter des Umweltbildungszentrums in Licherode, bei den Grünen politisch aktiv. Was ist aus Ihren Träumen geworden?

Ich bemühe mich, meinen Idealen treu zu bleiben. Ich bin mit 57 Jahren aus gesundheitlichen Gründen aus dem Lehrerberuf und dem sicheren Öffentlichen Dienst ausgestiegen. Damit musste ich zwar auf viele Rentenpunkte verzichten, konnte mich aber auch mehr auf die Musik konzentrieren. Und meine Haare sind auch wieder ganz schön lang geworden (lacht). Das macht mich natürlich nicht automatisch zum Hippie, aber ich fühle mich dem 25-jährigen und eher unangepassten Klaus auch heute noch ziemlich nahe.

Liegt es an dieser Botschaft, dass Ihre Musik auch polarisiert? Es gibt Leute, die können „Shiregreen“ gar nicht hören ...

Das gehört für mich zu einem streitbaren Künstler dazu. Entweder man mag meine Lieder, weil sie offen, authentisch und warmherzig sind, oder sie sind einem zu persönlich, zu fordernd und mitunter auch zu kritisch. Dazwischen ist wenig Platz, denn da liegt die Beliebigkeit, und beliebig wollte ich nie sein.

Seit einigen Jahren singen Sie jetzt auch auf Deutsch und haben sich mit Marisa Linß auch eine ganz neue Stimme in die Band Shiregreen geholt. Hat sich das bewährt?

Zum Glück! Ich stehe natürlich zu meinen alten Sachen, aber die aktuellen Songs sind schon deutlich facettenreicher. Marisa ist dabei musikalisch und auch menschlich eine große Bereicherung. Aber auch meine anderen Mitmusiker bringen enorme Kreativität und Intensität mit ein, und es ist ein großes Glück, dass ich immer wieder so wunderbare Musiker für Shiregreen gewinnen kann ...

Zur Person

Klaus Adamaschek (64) stammt aus Gelsenkirchen. Nach dem Lehramtsstudium und dem Referendariat an der Rotenburger Jakob-Grimm-Schule leitete er sieben Jahre lang das Internat der Ausbildungsstelle für Straßenbauer in Rotenburg und baute anschließend das ökologische Schullandheim in Licherode auf, das er 20 Jahre lang bis 2013 leitete. Der 64-Jährige ist jetzt im Ruhestand und lebt bei Braach. Er ist verheiratet und hat aus erster Ehe zwei Kinder sowie mehrere Enkelkinder. Sein Sohn Paul ist inzwischen mit Marisa Linß aus Wildeck verheiratet. Beide spielen ebenfalls bei „Shiregreen“ mit und treten auch als Duett auf. 

Die Releasekonzerte für das neue Album „Indian Summer“ finden am 25. März im Lokschuppen Bebra und am 22. April im Theaterstübchen in Kassel statt. Hier ist das neue Album schon vorab zu haben: Buchgalerie Berge Rotenburg, Hoehlsche Buchhandlung Bebra, Musikhaus Döpper Bad Hersfeld und per Mail an info@shiregreen.de

Ein berührendes Lied mit einer wechselvollen Geschichte

Geschrieben als patriotische Militärhymne zu Zeiten des Vietnamkriegs, gefeiert als deutscher Schlagererfolg in den Sechzigern, missbraucht als kriegsverharmlosendes Marschlied von rechten Kreisen: Der Song „100 Mann und ein Befehl“ hat eine wechselvolle 55-jährige Geschichte: Sie beginnt Mitte der Sechziger in den USA: Mit „The ballad of the green berets“ verfassen Barry Sadler und Robin Moore 1966 einen patriotischen Lobgesang auf eine US-Eliteeinheit, mitten im Vietnamkrieg natürlich ein eindeutiges politisches Statement. Der Song schafft es auf Platz 1 der US-Charts und wird in den USA die meistverkaufte Single des Jahres 1966. Selbst Johnny Cash covert den Song.

Noch im gleichen Jahr verfasst der deutsche Schlager- und Chansonschreiber Ernst Bader, der sich mit Liedern für Sechziger-Jahre-Größen wie Alexandra, Charles Aznavour und Dalida einen Namen gemacht hatte, die deutsche Fassung „Hundert Mann und ein Befehl“, mit dem der „ewige Seemann“ Freddy Quinn einen Nummer-Eins-Hit in Deutschland landet.

Der deutsche Text ist aus der Sicht eines Soldaten geschrieben und stellt, eher vorsichtig, den Sinn des Krieges in Frage. Die Schlagersängerin Heidi Brühl singt im gleichen Jahr eine leicht veränderte Version aus der Sicht eines Mädchens, das auf seinen im Krieg verlorenen Geliebten wartet. Beide Versionen rühren Millionen Deutsche zu Tränen.

Trotz dieser eher friedfertigen Ausrichtung des deutschen Textes findet „Hundert Mann und ein Befehl“ auch starken Widerhall in rechtslastigen Kreisen und wird bis heute für kriegsverharmlosende und deutschtümelnde Zwecke missbraucht. Die von einem markigen Männerchor vorgetragene Marschversion, unterlegt mit dem Text in NS-Runen, wird auf dem sogenannten „Marschliederkanal“ über sechs Millionen Mal aufgerufen.

Klaus Adamaschek und Shiregreen definieren das Stück grundlegend neu. Im Duett mit der Sängerin Marisa Linß präsentiert Adamaschek „Hundert Mann und ein Befehl“ als folkigen Anti-Kriegs-Song, ganz in der Tradition legendärer Protestsänger wie Pete Seeger, Neil Young oder auch Hannes Wader. Im Video wie auch in der Album-Version widmet Adamaschek das Lied seinem Vater, „der mit 15 Jahren in den Krieg ziehen musste und mich später gelehrt hat, dass jeder Krieg ein Verbrechen ist und dass keiner mitmarschieren sollte.“

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