Inszenierung des Theatervereins unter der Regie von Irina Schade

Neues Stück der Rotenburger Kulisse: Ein großer Aufbruch

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Ein Abend der alte Wunden aufreißt und zu dem ein oder anderen Eklat führt. Und dabei ist Adrian (Jörg Stenpin, rechts) der langjährige Weggefährte Holms (Torsten Schmuck, links). Im Hintergrund ist Heiko (Andreas Renke) erstaunt über die Entwicklung des Abends, den der Theaterverein Kulisse im Bürgerzentrum in Szene gesetzt hat.  

Rotenburg. „Mit dem Tod habe ich nichts zu schaffen. Bin ich, ist er nicht. Ist er, bin ich nicht“. Nach der Auffassung des antiken Philosophen Epikur ist das Nachdenken über den Tod sinnlos.

Ist der Tod erst eingetreten, haben wir kein Bewusstsein mehr, um ihn wahrzunehmen. Warum also über den Tod nachdenken, wenn wir ihn doch nie erleben werden?

Eine klare Antwort auf dieses Dilemma gibt „Ein großer Aufbruch“ von Magnus Vattrodt nicht. Aber es regt zum Nachdenken und zum Reflektieren an. Grandios inszeniert vom Theaterverein „Kulisse“ unter der Regie von Irina Schade im Rotenburger Bürgerzentrum.

Ein leidender Lebemann

In der Hauptrolle glänzte Torsten Schmuck als leidender Lebemann Holm. Unheilbar krank fasst er den Entschluss, seinem Leben ein selbstbestimmtes Ende zu setzen. Er möchte in der Schweiz Sterbehilfe in Anspruch nehmen. Seiner Ex-Frau Ella (Julia Klöpfel), sie ist Ärztin, hatte er die Befunde geschickt. Darum ist sie auch die einzige in seinem Umfeld, die die Diagnose kennt, allerdings weiß auch sie nichts von seiner Entscheidung. Bevor er seine finale Reise antritt, will er einen letzten harmonischen Abend im Kreise seiner Familie und enger Freunde verbringen.

Dazu hat er sowohl seine langjährigen Freunde Adrian (Jörg Stenpin), samt Ehefrau Katharina (Heike Ronsdorf-Holstein), als auch die weit verstreut lebenden Töchter Marie (Mirka Bingemann), Charlotte (Lilly Klöpfel) und deren Mutter Ella eingeladen. Der Abschied soll bei gutem Essen und Wein stattfinden.

Die Verwunderung über die Einladung ist groß. In dieser Konstellation hat man sich schon seit Jahren nicht mehr getroffen. Alle gehen ihre eigenen Wege und haben sich entfremdet.

Neu zur Gruppe stößt Maries Lebensgefährte Heiko (Andreas Renke), der sie zu dem Treffen begleitet. Schnell muss Holm erkennen, dass seine Entscheidung auf Widerstand und Ungläubigkeit stößt.

Seine Gäste reagieren mit Wut und Unverständnis auf seinen Entschluss. Alte Wunden werden aufgerissen, unausgesprochene Konflikte treten zutage und überschatten den Abend. Schließlich gerät auch Holm in seiner Abgeklärtheit ins Wanken. Er spürt die Angst vorm Sterben.

Zynismus und kalkulierter Wortwitz

Wer jetzt denkt, dass das Stück nur Trauer und Melancholie vermitteln würde, der irrt. Die ambitionierten Schauspieler verstehen sich gut darin, mit starker Theatralik und pointiertem Sarkasmus zu glänzen. Vor allem Heike Ronsdorf-Holstein als Katharina und Andreas Renke als Heiko nimmt der Zuschauer den Zynismus und den kalkulierten Wortwitz ab. Aussagen wie „Ich finde es ganz wunderbar, dass ich an meinem eigenen Leichenschmaus anwesend sein kann“, die Holm während des Essens tätigt, unterstreichen zum einen den schwarzen Humor des Stücks, aber zum anderen auch den permanent bitteren Beigeschmack, den sein Abendessen hat.

„Ein großer Aufbruch“ von der Kulisse, Verein für darstellende Kunst, überzeugt mit einem tollen Ensemble, mit Wortwitz und Furor. Was bleib am Ende? Eine Menge Fragen, die man sich selber stellt. Ach, und soviel sei verraten: Es gibt kein Happy End. Und irgendwie doch.

Am nächsten Wochenende folgen zwei weitere Vorstellungen. Sowohl am Freitag, 11. Mai, als auch am Samstag, 12. Mai, im Bürgersaal Rotenburg, um 19.30 Uhr.

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