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Chaos bei der Wohnstadt: Schwere Vorwürfe von Mietern der Rotenburger „Öko-Siedlung“

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Von: Christopher Ziermann

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Sie kritisieren die Zustände bei der Wohnstadt: von links Stephanie Sellesk mit Mia, André Schwan mit Mika, Haiko Krökel, Jan Hadenfeldt, Lena Zitzer und Eugen Becker. Die blaue Bretterverkleidung ist charakteristisch für die Öko-Siedlung auf dem Rotenburger Südhang neben der BKK-Akademie.
Sie kritisieren die Zustände bei der Wohnstadt: von links Stephanie Sellesk mit Mia, André Schwan mit Mika, Haiko Krökel, Jan Hadenfeldt, Lena Zitzer und Eugen Becker. Die blaue Bretterverkleidung ist charakteristisch für die Öko-Siedlung auf dem Rotenburger Südhang neben der BKK-Akademie. © Christopher Ziermann

Es geht um „Machtmissbrauch und unmenschliches Verhalten“, sagt unter anderem Haiko Krökel, der seit Einweihung des Wohngebietes 1995 dort lebt.

In der „Öko-Siedlung“ in Rotenburg hat das zuständige Servicecenter Fulda der Nassauischen Heimstätte Wohnstadt, dem größten Vermieter von Sozialwohnungen in Hessen, über Jahre hinweg von teils massiven Konflikten zwischen Mietern und Wohnstadt-Mitarbeitern nichts mitbekommen, sie teilweise aber auch ignoriert. Im Zuge von Recherchen unserer Zeitung wurde deutlich, dass der Vermieter alte Akten nicht mehr findet und im Unternehmen selbst Unklarheit sowohl zu eingehendem als auch zu ausgehendem Schriftverkehr mit den Mietern besteht.

Das Servicecenter Fulda ist auch für Objekte in Bad Hersfeld, Ludwigsau und Homberg zuständig.

Im Sommer war es zu Meinungsverschiedenheiten darüber gekommen, ob die Mieter in den Gärten Pools ohne Verankerung im Boden aufstellen durften oder nicht. Sechs Mietparteien wandten sich daraufhin an unsere Zeitung. In erster Linie ging es um die unklare Frage der Haftung. Nach einem Gespräch unserer Zeitung mit der Fuldaer Servicecenterleiterin Romy Rath setzte das Unternehmen eine Gartennutzungsvereinbarung für die Mieter auf.

Laut der an die Mieter versandten Vereinbarung sollte nun aber, vereinfacht ausgedrückt, alles außer lose aufgestellten Sandkästen verboten werden – neben Pools etwa Trampoline und Zeltpavillons. Dazu sagt die Wohnstadt, es habe sich um ein Versehen gehandelt. Das Problem sei eine „nicht angenommene Änderung bei der Anlage zum Versenden im digitalen Format“ gewesen, keine böse Absicht. Als unsere Zeitung die Wohnstadt konfrontierte, wurde noch am selben Tag den Mietern persönlich die eigentliche Vereinbarung zugestellt.

Mieter berichten aber auch von anderen Missständen. Es geht um „Machtmissbrauch und unmenschliches Verhalten“, sagt unter anderem Haiko Krökel, der seit Einweihung des Wohngebietes 1995 dort lebt. Die Siedlung neben dem Gebäude der Akademie der Betriebskrankenkassen (BKK) besteht aus Beethoven-, Brahms- und Schumannstraße. Die Häuser waren in den 90er-Jahren mit Fördergeld gebaut und hessenweit als Modellprojekt beworben worden.

Die Wohnstadt sagt auf Nachfrage unserer Zeitung: „Wir bedauern die aktuelle Situation und den entstandenen Unmut gegenüber der Wohnstadt sehr. Unser Ziel ist ein gutes, partnerschaftliches Verhältnis zu unseren Mietern. Wir werden jeden Punkt individuell und im persönlichen Austausch mit den betroffenen Mietern und Mitarbeitern aufbereiten und uns über mögliche Konsequenzen Gedanken machen.“

Die Öko-Siedlung war 1995 ein hessenweit beachtetes Modellprojekt. Zum Richtfest kam Wirtschaftsminister Lothar Klemm. Ein Grundstein für die heutigen Probleme wurde allerdings schon in der Planung gelegt: Die Gärten vor den Reihenhäusern sollten Gemeinschaftsflächen sein. „Das war von Anfang an Unsinn. Der Abstand von unseren Wohnzimmern, Schlafzimmern und Badezimmern zum Garten beträgt fünf Meter. Die Gärten waren optisch und faktisch von Anfang an klar den jeweiligen Häusern zugeordnet“, sagt Haiko Krökel, der zu den heute noch dort wohnenden Erstmietern gehört.

2000 versuchte man, den Zustand zu heilen. Zumindest einigen Mietern wurden Vereinbarungen angeboten, die die Gärten klar ihren Häusern zuordneten. Das wurde in den nächsten Jahren mit Neumietern aber nicht mehr getan. Die Wohnstadt räumt auf Nachfrage ein: „Für die Flächen gab es bis auf vereinzelte Ausnahmen keine vertragliche Grundlage. Wegen versicherungs- und haftungsrechtlichen Anpassungen der vergangenen Jahrzehnte bedarf es aber – auch aufgrund der jetzigen Nutzungsaktivitäten auf diesen Flächen – einer vertraglichen Absicherung für beide Seiten.“ Diese vertragliche Grundlage setzte die Wohnstadt aber erst auf, nachdem sie im September eine Anfrage unserer Zeitung erreicht hatte.

Zahlreiche Mieter berichten, dass die Mitarbeiter vor Ort über Jahre hinweg für die jährlichen „Sicherheitsbegehungen“ ohne Ankündigung in die Gärten kamen. Schon explizit vermietete Gärten hatten eine Besichtigungsklausel. Die gab es für die als Gemeinschaftsflächen ausgewiesenen Gärten nicht. „Die bisher allgemein gehaltene Ankündigung der Sicherheitsbegehung der Außenflächen werden wir dahingehend optimieren, dass diese terminlich und zeitlich rechtzeitig mit den jeweiligen Nutzern abgestimmt werden“, teilt die Wohnstadt nun auf Nachfrage mit. Dass die Mitarbeiter bislang ohne Ankündigung in die Gärten gingen, war bekannt.

Mehrere Mieter, unter anderem Raed Al-Salameh und eine Mutter, die namentlich nicht genannt werden möchte, berichten, dass ihnen zu Beginn des Mietverhältnisses mündliche Zusagen gemacht wurden, die nicht eingehalten wurden. Dabei geht es um die Übernahme eines laut Al-Salameh gänzlich vermüllten Gartens und notwendige Arbeiten an einem Treppenhaus in der Wohnung der Frau, in der Kleinkinder leben. Im Fall des vermüllten Gartens passierte laut Raed Al-Salameh mit Ausnahme eines zehnminütigen von der Wohnstadt beauftragten Arbeitseinsatzes gar nichts. Das Treppenhaus der Frau wurde erneuert, als die Familie mit zwei kleinen Kindern schon seit Monaten im Haus lebte. Im guten Glauben verzichteten beide bei der Unterschrift des Mietvertrages auf eine schriftliche Fixierung. Dazu heißt es von der Wohnstadt: „Grundsätzlich sind unsere Mitarbeiter angehalten, Vereinbarungen schriftlich festzuhalten.“ Man sei stets bemüht, notwendige Arbeiten vor Mietbeginn durchzuführen – insbesondere sicherheitsrelevante. Die von unserer Zeitung geschilderten Fälle wolle man aufarbeiten.

Als es diesen Sommer zu Konflikten wegen der in den Gärten aufgestellten Pools kam, wurden mehrere Mieter aufgefordert, Dinge wie Gartenhütten und Zäune abzubauen, die laut Übergabeprotokoll schon seit Mietbeginn vorhanden waren. Das berichten unter anderem André Schwan, Stephanie Sellesk und Jan Hadenfeldt. Insbesondere die Zäune sind dabei wichtig, da zahlreiche Mieter kleine Kinder haben und die Gärten unmittelbar an einem steilen Waldabhang liegen. Dazu antwortete die Wohnstadt unserer Zeitung auf Nachfrage zunächst: „Nach unseren unbeantworteten Anfragen an die Mieterschaft im Jahr 2021 mussten wir davon ausgehen, dass es keine historischen Unterlagen aus den Mieterverhältnissen gibt, die Gestattungen oder Genehmigungen festhalten.“ Im Unternehmen selbst ging man davon aus, dass man nicht mehr alle Vereinbarungen mit den Mietern in den Akten hatte. Die Mieter wiederum sagen unserer Zeitung, 2021 hätten sie keine entsprechenden Schreiben bekommen. Daraufhin korrigierte die Wohnstadt ihre Antwort und verwies auf Schreiben an die Mieter in den Jahren 2017 und 2019. Auch in diesem Zeitraum sind den Mietern, die sich an unsere Zeitung gewandt haben, derlei Kontaktaufnahmeversuche ihres Vermieters nicht bekannt.

Angekommen ist hingegen ein Informationsblatt im Vorfeld der diesjährigen Sicherheitsbegehungen. Dort hieß es unter anderem: „Bauliche Veränderungen wie Zäune, Sichtschutz, Schuppen und Poolanlagen sind gestattungspflichtig.“ Die Mieter betonen, dass ihre Schuppen nicht im Boden verankert sind und die Pools, an denen sich der Konflikt entzündet hat, nur lose aufgestellt sind. „Das sind rechtlich gesehen keine baulichen Veränderungen“, sagt André Schwan. Die Wohnstadt sieht das anders und in der Rechtsprechung gibt es unterschiedliche Auffassungen dazu. Die Mieter gingen aber davon aus, dass sie bei den Sicherheitsbegehungen nichts zu befürchten hätten.

Dazu heißt es von der Wohnstadt: „Mögliche Fragen aus unserem Schreiben Anfang Juni zur Definition und daraus resultierenden Klärungen sind seitens der Mieter nicht an uns herangetragen worden. Somit mussten wir davon ausgehen, dass unseren Mietern die Zuordnung der von ihnen aufgestellten Gegenstände klar war. Anderenfalls wäre eine Kontaktaufnahme zu uns zur Klärung möglicher Fragen jederzeit möglich gewesen.“

Allerdings: Mehrere Mieter berichten, dass ihre Anfragen und Anträge von der Wohnstadt teils über Monate hinweg nicht bearbeitet werden. Nun kündigt das Unternehmen an, „jedem Vorwurf und jeder Frage nachzugehen“.

Vorwürfe seit 2019 bekannt

Während der Recherchen unserer Zeitung entstand zunächst der Eindruck, dass die Konflikte erst diesen Sommer stark zugenommen haben. Lena Zitzer, die seit über 20 Jahren in der Beethovenstraße lebt, hatte jedoch schon im Dezember 2019 ein dreiseitiges Schreiben an die Fuldaer Servicecenterleiterin Romy Rath verfasst. Der kurzfristige Anlass war eine Meinungsverschiedenheit ihres Lebensgefährten mit einem Wohnstadtmitarbeiter. Dazu gibt es unterschiedliche Darstellungen beider Seiten.

Sie berichtete aber auch von anderen Missständen. Darunter war schon 2019 ein Konflikt über die Überdachung einer Terrasse, die seit 2007 stand und laut der Mieterin auch von der Wohnstadt genehmigt war – was das Unternehmen 2019 aber anders sah. Auch wurde bereits in diesem Schreiben das Betreten der Gärten ohne Ankündigung thematisiert.

Zitzer schrieb von einer „Zweiklassengesellschaft“ zwischen Mietern und Wohnstadtmitarbeitern. „Ihre Mitarbeiter müssen sich anscheinend an keine vertraglichen und gesetzlichen Regelungen halten“, schrieb sie. Sie verwies auch auf monate- oder jahrelang nicht beantwortete Anfragen, nicht richtig ausgeführte Arbeiten. Es ging etwa um Schimmelbildung im Bad und einen Baum, der auf ihren Roller gefallen war. „Zum Roller habe ich bis heute keine Reaktion erhalten“, sagt die Frau. Sie verwies in dem Schreiben auch auf ihrer Auffassung nach widerrechtlich gemachte Fotos von Wohnstadtmitarbeitern.

Weiter verwies sie auf Beleidigungen, die ihr gegenüber gefallen seien (wie viele andere Mieter gegenüber unserer Zeitung ebenfalls erzählten) und schrieb von „systematischen Verletzungen der gesetzlichen und vertraglichen Regelungen“. Sie kündigte einen Beschwerdebrief mit anderen Mietern an, der jedoch nicht zustande kam. Sie sei aber nach wie vor „an einer friedlichen Lösung des aufgestauten Problems“ interessiert und habe daher darauf verzichtet, das Schreiben von ihrem Anwalt verfassen zu lassen. „Ich hoffe sehr, dass es auch in Ihrem Interesse liegt, die Sachverhalte schnellstmöglich klären zu können“, schließt sie.

Dazu die Wohnstadt auf Nachfrage, ob das Schreiben beantwortet wurde und falls nein, warum nicht: „Soweit wir das nachvollziehen konnten, gab es keine Antwort der Wohnstadt. Der Vorgang ging an die Rechtsabteilung, auch hier gab es keine Korrespondenz mit der Mieterin, vermutlich weil es nicht zum Rechtsstreit kam.“ Eine Veränderung bemerkte Lena Zitzer aber: „Wir wurden danach von der Wohnstadt ignoriert.“ Ihr Brief blieb zwar unbeantwortet, aber im Gegensatz zu ihren Nachbarn bekam sie auch keine Forderungen mehr.

Kommentar von HNA-Redakteur Christopher Ziermann

Im Zuge unserer Recherchen haben Mieter von zahlreichen weiteren Vorfällen berichtet – unser Artikel bezieht sich großteils lediglich auf schriftliche Dokumente. Es ist erschreckend, dass die Wohnstadt, die mit Steuergeld Wohnraum für sozial Schwache schaffen soll, teils ihre eigenen vertraglichen Vereinbarungen nicht kennt und wichtige Anfragen ihrer Mieter einfach nicht beantwortet. Wenn man Böswilligkeit als Grund ausschließen möchte, kommen nur große strukturelle Mängel oder personelle Überlastung infrage.

Vor Ort haben sich wohl einzelne Mitarbeiter moralisch katastrophal verhalten. Eine externe Mediation ist unumgänglich. (Christopher Ziermann)

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