Orthopädieschuhmacher: Nicht nur Handwerker

Bereits sein Großvater war Schuhmacher: Christian Kersch ist seit 2002 Orthopädieschuhmachermeister. Hier schleift er gerade Einlagen für einen seiner Kunden. Foto: Sindy Peukert

Reilos. Wie sieht eigentlich der Arbeitsalltag eines Orthopädieschuhmachers aus? Christian Kersch aus Ludwigsau-Reilos gibt Einblicke.

In der Werkstatt stehen Schleif-, Polier- und Nähmaschinen. Auf den Werkbänken liegen unterschiedlich große Sohlen und verschiedene Stoffe verteilt. Mehrfach ertönt im Eingangsbereich die Klingel der Ladentür. „Man merkt, dass es der letzte Tag vor meinem Urlaub ist. Alle kommen nochmal vorbei und holen ihre Sohlen ab“, sagt Christian Kersch, Orthopädieschuhmachermeister in Ludwigsau-Reilos. Er ist im Kreis Hersfeld-Rotenburg einer von insgesamt drei mit eigener Werkstatt im Laden.

Seit 2003 versorgt Kersch seine Kunden mit Einlagen, Abrollsohlen und Schuhen nach Maß. Doch nicht nur das Handwerk an sich gehört zu den Aufgaben eines Orthopädieschuhmachers. Auch die Beratung und die Empfehlung nehmen einen Großteil der täglichen Arbeit von Kersch ein. „In den letzten Jahren bin ich immer mehr zum Vermittler geworden. Die Menschen kommen mit dem Rezept vom Arzt zu mir und ich übersetze dann die Fachsprache der Ärzte“, erklärt der 36-Jährige.

Kunden können kreativ sein

Maß nehmen am Kunden, Leisten und Bettung herstellen, Probeschuh anfertigen, Test am Kunden und letztlich das Paar anfertigen - so lauten die Arbeitsschritte für maßangefertigte Schuhe. „Die Kunden können das Aussehen der orthopädischen Schuhe komplett selbst bestimmen. Erst letztens habe ich für eine junge Frau ein Paar moderne Sneaker angefertigt“, erinnert sich Kersch. Die Zeiten, in der alle orthopädischen Schuhe gleich aussehen, sind vorbei.

Das Schönste an Kerschs Job sei, dass er den Menschen helfen könne. „Manchmal brechen Kunden vor Freude in Tränen aus, weil ich endlich ihre Schmerzen abstellen konte.“ Meist hätten sie bereits mehrere Ärzte besucht, doch die Schmerzen blieben. „Ich arbeite das ganze Jahr im Trockenen, muss nicht schwer heben, habe bezahlten Urlaub, es gibt keinen Schichtdienst und am Wochenende habe ich frei“, zählt Kersch die Vorteile seines Berufs auf. Außerdem sei die Bezahlung gut und man müsse als Orthopädieschuhmacher keine Angst vor Arbeitslosigkeit haben. Denn Beschwerden an Füßen, Hüften und Knien werden die Menschen auch in Zukunft haben.

Jugendliche, die sich für den Beruf interessieren, sollten wissen, dass während der Ausbildung das Lernen von Latein Pflicht ist. Denn angehende Orthopädieschuhmacher müssen das menschliche Skelett, von der Hüfte bis zum Fuß, kennen.

Bewerbungen noch möglich 

info@ortho-kersch.de

Kunden müssen einen Eigenanteil zahlen

Ein Paar orthopädische Schuhe kostet zwischen 1000 und 2000 Euro. Die Krankenkassen übernehmen den Großteil der Kosten. Sind Hilfsmittel jedoch Gebrauchsgegenstände, müssen Patienten einen festgelegten Eigenanteil zahlen. Bei orthopädischen Maßschuhen sind das derzeit 76 Euro. Etwa drei Monate müssen sich die Kunden bei Kersch gedulden. „Diese Wartezeit ist allerdings branchenüblich“, erklärt Kersch. Großen Bedarf gibt es auch bei orthopädischen Arbeitsschuhen.

Neben den Schuhen nach Maß gehört vor allem das Anfertigen von Einlagen zum Tagesgeschäft von Kersch. Die meisten Kunden, die den Orthopädieschuhmachermeister aufsuchen, haben einen Spreiz- oder Senkfuß.

Der Kreis, aus dem Kerschs Kunden kommen, wird immer größer. Er schätzt, dass etwa 30 Prozent seiner Kunden Ludwigsauer sind. Der Rest von ihnen kommt aus dem Landkreis und darüber hinaus.

Kersch ist nicht nur Orthopädieschuhmachermeister, sondern auch Sachverständiger für das Orthopädieschuhmacher-Handwerk. Er begutachtet medizinische Hilfsmittel in Streitfällen, beispielsweise wenn ein Kunde mit orthopädischen Schuhen gestürzt ist.

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