Tag des Handwerks

Polstern als Leidenschaft: Sangmeister letzter Raumausstattermeister in Rotenburg

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Verwandeln alte in neue Möbelstücke: Raumausstatter-Meister Klaus Sangmeister und seine Frau Andrea. 

Am Samstag ist Tag des Handwerks. Wir stellen aus diesem Anlass den einzigen noch aktiven Raumausstatter-Meister Rotenburgs vor.

Wer aus einem alten Sofa keinen Sondermüll, sondern ein neues Sofa machen will, der ist bei Raumausstattung Sangmeister in Rotenburg an der richtigen Adresse. Klaus Sangmeister ist als einziger seiner Zunft in der Fuldastadt übrig geblieben – noch vor zehn Jahren gab es dort fünf Raumausstatter.

„Man kennt ja die Tendenz: Heutzutage soll alles möglichst billig sein und man kauft sich ziemlich schnell etwas Neues“, sagt der 62-Jährige. Für die Restaurierung eines alten Möbelstücks muss man ungefähr mit 50 Prozent des Anschaffungspreises rechnen – hat dafür dann aber ein Möbelstück, das wie neu ist und Jahrzehnte lang halten kann. Sangmeister verwendet nur hochwertige Materialien, am liebsten Naturprodukte. Und obwohl die meisten immer noch mehr auf den Preis als auf die Lebensdauer der Produkte schauen, hat Sangmeister festgestellt, dass ein Umdenken einsetzt. Immer mehr Menschen achten bei der Einrichtung ihrer Häuser und Wohnungen auf Nachhaltigkeit. Die Auftragslage des Drei-Personen-Unternehmens ist sehr gut. Das Polstern von Möbelstücken ist nur eines der Geschäftsfelder.

Auch Ausräumen gehört dazu

Ein Raumausstatter verlegt auch Böden, tapeziert, fertigt Dinge wie Rolläden, Gardinen und Vorhänge, Sonnensegel und Insektenschutz nach Maß. Ziel ist es, einen Raum komplett zu gestalten, seine Besonderheiten wie Lichteinfall zu berücksichtigen und eine wohnliche Einheit in Form und Farbe zu schaffen. Wenn ein Kunde Hilfe beim Ausräumen eines Zimmers braucht, gehört auch das zum Service.

Schneiderin Andrea Lehn näht auch schwierige Materialien millimetergenau.

Vor allem das Polstern ist für Sangmeister nicht nur Beruf, sondern eine echte Leidenschaft. Um die Jahrtausendwende war sein Unternehmen auf mehr als zehn Mitarbeiter angewachsen – der Meister musste immer mehr Administratives erledigen und kam kaum noch dazu, als Handwerker zu arbeiten. Deswegen ist er mit seinem heute deutlich kleinerem Team sehr zufrieden. Mit Schneiderin Andrea Lehn hat er eine wahre Spezialistin an der Nähmaschine. „Heute kann kaum noch jemand Leder nähen. Sie kann es millimetergenau“, sagt Sangmeister. Seine Frau Andrea kümmert sich hauptsächlich um den Laden, wo es Heimtextilien wie Handtücher gibt, und die Dekoration der Schaufenster.

Holz 40 Jahre gelagert

Sangmeister restauriert derzeit ein Sofa im Rokoko-Stil aus der Zeit des Historismus (Bild links). „Das ist ein wahres Wunderwerk eines Handwerkers aus dem 19. Jahrhundert“, sagt er. Das Gestell ist aus mehreren massiven Nussbaumholzstücken gefertigt. Bevor der Erschaffer des Möbelstücks dieses Holz überhaupt verarbeiten konnte, musste es laut Sangmeister rund 40 Jahre lagern. Außer dem Holzgestell wird alles neu gemacht: der Bezug, die Federn und die Polster, die Sangmeister aus Afrik herstellt – einem Stoff, der aus Blättern von Zwergpalmen gewonnen wird.

Dieses antike Sofa im Rokoko-Stil wird bis auf das Holzgestell rundum erneuert: mit Polstern, Federn und Bezügen.

Etwas geschmerzt hat es ihn, als ihm vor einiger Zeit eine seiner Töchter von einer Statistik berichtete, laut der die Ausbildung des Raumausstatters bei jungen Menschen in Deutschland die am wenigsten nachgefragte unter allen möglichen Berufen war. Warum ist das so? „Der Beruf ist sehr lohnintensiv. Beim Polstern und beim Anfertigen von Gardinen wird nur sehr wenig Stoff verwendet – das Teure ist die Arbeitskraft.“ Hinzu kommen die Belastungen der Selbstständigkeit. Sangmeister, der bald selbst auf Nachfolgersuche gehen muss, befürchtet, dass es Raumausstatter irgendwann nur noch in größeren Städten gibt und die Zielgruppe sich zunehmend auf besonders zahlungskräftige Kunden beschränken wird – außer, das Umdenken hin zu einer nachhaltigeren Ausstattung von Häusern und Wohnungen wird noch stärker.

Betrieb wurde bereits 1933 gegründet

Gegründet wurde das Familienunternehmen 1933 von Wilhelm Sangmeister als Sattlerei. Dort wurden hauptsächlich Pferdegeschirre gefertigt. Wilhelm fiel im Zweiten Weltkrieg, ab 1943 ruhte das Geschäft. Erst 1955 öffnete der Familienbetrieb unter Regie von Wilhelms Sohn Horst, der Polstermeister war, wieder in den Räumen, wo heute das Neustadteckchen ist. 1990 übernahm Klaus das Ruder von seinem Vater. Er hat mehr als zehn junge Menschen zum Raumausstatter ausgebildet. So ein bisschen zum Betrieb gehört bis heute Frank Nieske, der mittlerweile selbstständig ist, sich aber vor allem auf Bodenbeläge spezialisiert hat. Besonders bei Böden, aber auch bei Spezialaufträgen, arbeiten Nieske und sein Lehrmeister zusammen. 

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