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Radikalumbau-Kritiker Tim Schneider von UBL/Bürger-Herz zur Klinik-Zukunft

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Von: Clemens Herwig

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Abgeordneter der Unabhängigen Bürgerliste/Bürger-Herz: Tim Schneider
Abgeordneter der Unabhängigen Bürgerliste/Bürger-Herz: Tim Schneider © Herwig, Clemens

Das drohende Aus für die Notfallmedizin im Rotenburger Herz-Kreislauf-Zentrum war für Tim Schneider vor zwei Jahren der Start in die Kommunalpolitik.

Rotenburg – Der 43-Jährige und seine Mitstreiter von der Unabhängigen Bürgerliste/Bürger-Herz sind mit dem Ziel angetreten, den Aderlass am HKZ zu verhindern. Nun ist mit den in Aussicht gestellten 120 Millionen Euro für einen Neubau in Bad Hersfeld ein wichtiger Baustein für den geplanten Radikalumbau des Klinikums an seinem Platz. Wir haben mit dem Rotenburger über Finanzierungslücken, den „Patienten HKZ“ und die Zukunft seiner Fraktion gesprochen.

Herr Schneider, vor zwei Jahren haben sie den Kampf gegen den Abzug der Akutmedizin aus Rotenburg aufgenommen. Das Schlagwort zum Radikalumbau damals: Operation am Bürger-Herz. Wie geht es dem Patienten?

Nach den Unruhen der letzten zwei Jahre ist erfreulich, dass weiter Spitzenmedizin in Rotenburg geleistet wird und ein neuer Chefarzt für Kardiologie seine Arbeit aufgenommen hat. Die Unterstützung durch den Landkreis ist allerdings zwingend erforderlich. Und es fehlt immer noch ein Gesamtkonzept, das die nun folgenhafte Entwicklung am Standort Rotenburg aktiv gestaltet und nicht nur verwaltet.

Die klare Zielsetzung von Bürger-Herz war doch, die Akutmedizin in Rotenburg zu erhalten. Ist in dieser Hinsicht der Patient nicht klinisch tot?

Nein. Wir haben in Rotenburg eine exzellente Medizin, die wir auch erhalten wollen. Wir müssen nun sehen, dass die infrastrukturelle Weiterentwicklung angegangen wird. Es ist jetzt aber klar, dass der von Ihnen genannte Radikalumbau durchgepaukt werden soll – koste es, was es wolle. Es macht daher keinen Sinn, sich zu radikalisieren und einen Kampf gegen Windmühlen zu führen. Wir drängen stattdessen darauf, dass wir einen validen Gesamtplan für die Transformation bekommen. Durch die 120 Millionen Euro stehen manchen jetzt Euro-Zeichen in den Augen. Das sollte nicht die Sinne dafür vernebeln, dass der Landkreis für den Neubau in Bad Hersfeld eine gigantische Finanzierungslücke in den nächsten Jahren selbst stopfen muss. Wir sprechen von mindestens 52 Millionen Euro ohne weitere Baukostensteigerungen. Das sorgt bei mir natürlich nicht für Feierlaune. Der Landrat muss Antworten liefern, woher das Geld kommen soll.

Torsten Warnecke hat bereits signalisiert, dass der Landkreis wohl erneut die Geldbörse öffnen muss.

Ich wüsste auch nicht, wie es sonst möglich sein sollte. Das Geld muss irgendwo herkommen. Daher gehe ich auch davon aus, dass alle bisherigen Befürworter mit Mehrheit weiter vorangehen werden. Der Landrat muss dann aber auch aufzeigen, wie der Zuschuss den Haushalt belasten wird. Denn wir brauchen auch finanzielle Mittel für eine Entwicklung in Rotenburg. Die Frage ist: Was bleibt dafür übrig, ohne dass es am Schluss heißt, die Kreiskasse ist sowieso überstrapaziert.

Also muss sich Ihre Fraktion trotz Aus für die Akutmedizin am HKZ kein neues Thema suchen?

Es geht auf jeden Fall weiter. Diese thematische Baustelle wird uns noch Jahre, wenn nicht sogar ein Jahrzehnt begleiten. Die vielen offenen Fragen erfordern doch, dass man sich politisch engagiert. Außerdem besteht das Thema Gesundheitsversorgung im Landkreis nicht nur aus dem Klinikum. Schließlich haben wir mit dem Kreiskrankenhaus Rotenburg auch einen unverzichtbaren Pfeiler im Landkreis und die Herausforderungen bei der Fach- und Landärztegewinnung sind bekannt. Es ist wichtig, dass wir als unabhängige Bürger weiter im Kreistag vertreten sind neben Parteien, die auch von der Landes- und Bundespolitik beeinflusst werden.

Der Informationsfluss im Klinik-Streit ist oft kritisiert worden – auch von Ihnen. Jetzt sitzen Sie selbst im Aufsichtsrat. Wo ist es besser geworden, wo gibt es noch zu tun?

Gute Kommunikation ist etwas anderes, als um den heißen Brei herumzureden. Es geht um die richtigen Informationen in hoher Qualität zum passenden Zeitpunkt. Im Kreistag gibt es da immer noch sehr viel Luft nach oben. Vor den Sommerferien wurde trotz Sträuben des Landrats fast einstimmig im Kreistag durchgesetzt, dass alle Abgeordneten Einsicht in die Jahresabschlüsse des Klinikums erhalten und bei Bedarf Erläuterung bekommen. Das ist sicher ein guter Schritt. Die SPD und AfD hingegen haben verhindert, dass der Kreistag die Antworten des Landrats auf gemeinsame parlamentarische Anfragen von mindestens zwei Fraktionen nicht nur mündlich, sondern auch schriftlich bekommt. Argumentiert wurde mit einem Urteil aus 1986, in dem das Mündlichkeitsprinzip im Kommunalrecht betont wird. Das war sicher keine Sternstunde der Demokratie. Ich bin aber überzeugt, dass allein unsere Anwesenheit im Kreistag die Planer des Radikalumbaus dazu bringt, härter zu arbeiten.

Vor gut zwei Jahren zog sich eine 2000 Köpfe starke Menschenkette aus Protest gegen den Umbau durch Rotenburg. Bei der Bürgerversammlung im Mai war die Beteiligung eher ernüchternd. Sind die Menschen müde?

Das sollte man nicht überbewerten. Es war nicht sehr glücklich, wie die Einladungswege gelaufen sind. Wenn es lange nur auf der Webseite der Stadt und in einem Anzeigenblättchen steht, reicht das nicht. Richtig wahrgenommen haben es die Leute erst zwei Tage vorher über die Zeitung und hatten im Zweifel ihren Tag schon verplant. Bei einer besseren Bekanntmachung wäre der Saal voller gewesen.

Zur Person

Tim Schneider (43) ist in Mainz aufgewachsen. Nach dem Abitur studierte er bis 2005 Wirtschaftsinformatik in Berlin und arbeitete anschließend in München an Projekten für verschiedene Dax-Unternehmen. Über seine Frau Stefani - eine gebürtige Rotenburgerin - fand er 2009 den Weg in die Fuldastadt und arbeitet seitdem als Projektleiter in der IT-Abteilung von K+S. Ab August 2020 stemmte er sich zunächst mit seinem Zwillingsbruder Benjamin und einer Initiative gegen die Abwanderung der Akutmedizin aus Rotenburg, seit der Kommunalwahl 2021 ist er Abgeordneter von UBL/Bürger-Herz (vier Sitze) im Kreistag und Aufsichtsratsmitglied des Klinik-Konzerns. Schneider ist begeisterter Segler, Lehrwart in der Skigemeinschaft Kreis Rotenburg (SGKR) und „Sympathisant“ von Fußball-Bundesligist Mainz 05. Der 43- Jährige ist Vater von drei Kindern.

(Clemens Herwig)

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