111 Starter in zwei Landkreisen

Rallye trifft Nieselregen: Fahrer und Zuschauer trotzen dem Wetter

Andrang herrschte im Zuschauerbereich an der Spitzkehre zwischen Solz und Iba. Unser Foto zeigt die später weitplatzierten Thomas Lorenz und Tim Rauber aus Melsungen in ihrem Skoda Fabia S200 beim Drift durch die scharfe Kurve.
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Andrang herrschte im Zuschauerbereich an der Spitzkehre zwischen Solz und Iba. Unser Foto zeigt die später weitplatzierten Thomas Lorenz und Tim Rauber aus Melsungen in ihrem Skoda Fabia S200 beim Drift durch die scharfe Kurve. Die Bestzeiten für die Vier-Kilometer-Strecke: knapp zwei Minuten. Gesamtsieger der Rallye mit Start im Schwalm-Eder-Kreis wurden Stefan Göttig und Beifahrerin Natalie Solbach-Schmidt (Skoda Fabia R5). Sie bewältigten die insgesamt 70 Kilometer in knapp 37 Minuten.

Bestzeit-Jäger im Nieselregen: Die Rallye Hessisches Bergland hatte am Wochenende mit dem Wetter und einem wütenden Landwirt zu kämpfen. Wir haben uns an den Strecken umgesehen.

Hersfeld-Rotenburg/Schwalm-Eder – Fast gemütlich geht es mit eingeschaltetem Warnblinklicht über den Schwarzen Stock. Es ist kurz nach High Noon am Samstagmittag, in einer Stunde werden die ersten Rallye-Fahrzeuge mit Höchstgeschwindigkeit über die Kreisstraße zwischen Rotenburg-Erkshausen und dem Cornberger Ortsteil Rockensüß schießen. Doch Mario Kothe hat keine Eile – ihm geht es um Sorgfalt.

Der 44-Jährige und sein Sohn Erik kontrollieren, ob die Feuerwehr schon vor Ort ist, die Streckenposten bereit sind. Ob die Baken an der richtigen Stelle stehen, die verhindern, dass die Fahrer beim „Anlehnen an die Kurve“ Gefahrenstellen, wie etwa ein schwer einsehbares Metallgeländer, übersehen.

„Jeder Teilnehmer sucht sich seinen optimalen Weg, und der liegt nicht immer ganz auf der Straße“, sagt Mario Kothe und zuckt die Achseln. So lange zwei Reifen auf der Strecke bleiben, ist auf der Jagd nach der Bestzeit mehr oder weniger alles erlaubt. Eine Rallye ist bei allen Sicherheitsvorkehrungen eben doch ein bisschen Wilder Westen auf der Straße.

Sorgen für Sicherheit: von links Erik Kothe, der stellvertretende Wertungsprüfungs-Leiter Manfred Radziej aus Rotenburg und Mario Kothe von der Streckensicherheit am Start der Prüfung Schwarzer Stock.

Kothe ist Berufskraftfahrer, Motorsport begeistert ihn. Angefangen hat er als Streckenposten, hat sich „ein bisschen eingefuchst“, seit gut zehn Jahren sichert er Rallye-Strecken. Die schlimmsten Folgen eines Unfalls, die er erlebt hat, waren viel kaputtes Blech und ein gebrochener Zeh. Auch diesmal wird es ruhig bleiben: Verletzte gibt es bei der Rallye Hessisches Bergland 2021 nicht, von den insgesamt 111 Startern scheidet ein Team nach einem Ausflug auf einen Acker aus, 19 weitere Fahrzeuge halten wegen technischer Probleme nicht bis zum Ende durch.

Nullrunde in Großropperhausen: Erst Nebel, jetzt Nieselregen

Die Bedingungen sind unangenehm: Die Straße glänzt feucht, schuld ist ein zäher Nieselregen. Die Fahrer mussten sich am Morgen entscheiden, ob sie mit Regenreifen antreten. Am Vortag wurde die erste Prüfung in Großropperhausen neutralisiert und geht damit nicht in die Wertung ein. Der Grund: Nebel mit einer Sichtweite von unter 50 Metern. Mario Kothe bleibt gelassen: „Kritisch wird es nur, wenn es jetzt anfängt zu schneien“, sagt er.

Bereit für den Boxenstopp: Manuel Müller wartet in Lispenhausen mit einem Schnelltanksystem auf sein Team.

Kalt ist es bereits. Manuel Müller wartet um 13.37 Uhr fröstelnd in Lispenhausen auf sein Team, vor sich ein Fass mit Benzin. Die Rallye-Veranstalter haben an der dortigen Tankstelle eine Zone eingerichtet, die alle Fahrer nutzen müssen. Einige Rallye-Renner haben ein Schnelltanksystem mit speziellen Sicherheitsanschlüssen, erklärt der Gießener vom Team Romo Motorsport den bereitstehenden Aufbau mit Handkurbel.

Er wird wohl etwas länger gewartet haben. Auf der Kreisstraße bei Erkshausen stockt es, mehrere Rallye-Fahrzeuge stehen dort für den Start aufgereiht. Der Dreck von der Strecke im Felsberger Stadtteil Rhünda klebt noch an den Autos.

Für Regenreifen ist es nicht nass genug: Marcel und Lukas Pfeffer warten bei Erkshausen auf den Start. Für die Brüder aus dem Schwalm-Eder-Kreis ist es das erste gemeinsame Rennen – sie fahren auf Platz 34 in die Wertung.

Lukas Pfeffer fährt mit seinem BMW 3.18 zum ersten Mal eine Rallye, hat mit seinem Bruder Marcel aber einen erfahrenen Mann an seiner Seite. Die Wahl des Gespanns aus dem Schwalm-Eder-Kreis ist auf Intermediate-Reifen gefallen. „Es ist nicht genug Wasser auf der Straße“, erklären sie die Mittellösung zwischen Slicks und Regenreifen, die sich bei diesen Bedingungen nicht so schnell abnutzt. Dann geht es mit brüllendem Motor zum Start. Sieben grasende Kühe bleiben bei dem Lärm gelassen – eine hebt den Kopf und muht mürrisch hinterher.

Ein wütender Landwirt im Wilden Westen

Kurze Zeit später ist klar, was den Ablauf verzögert: Ein Landwirt steht mit schwerem Gerät auf der Strecke zwischen Solz und Iba – wohl aus Protest gegen die Rallye. Die Veranstalter verständigen die Polizei und erstatten Anzeige. Der Bauer habe sich einsichtig gezeigt, seinen Traktor zur Seite gefahren und sich entschuldigt, sagt Rallye-Sprecher Manfred Eifert aus Alheim. Weitere Informationen gibt es mit Verweis auf das laufende Verfahren nicht.

Warten auf den Start: Kurz vor der Strecke bei Erkshausen-Rockensüß werden Helme festgezurrt und Motoren auf Touren gebracht. Die Teams kommen direkt von der Wertungsprüfung in Rhünda, der Dreck klebt noch an den Fahrzeugen.

Im Vorfeld der Rallye hatte es auch Kritik von Umweltschützern gegeben: Die Veranstaltung setze ein falsches Zeichen, sei aus der Zeit gefallen und unverantwortlich. Manfred Eifert ist sicher: Ein Rallye-Wochenende sei weniger schädlich als ein Fußball-Spiel, zu dem Tausende mit dem Auto anreisten. „Will man die Fußball-Bundesliga auch verbieten?“ Dennoch räumt er ein, dass die Zukunft beim Elektroantrieb liegt: „Was beim E-Cup fehlt, ist der Sound. Aber auch daran wird gearbeitet.“

Familienausflug: Die Schäfers aus Heringen-Widdershausen haben ein Herz für den Motorsport und mit Klappstühlen mittags Stellung im Zuschauerbereich bezogen. Unser Bild zeigt von links Lutz und Luca Schäfer mit Anton Ruch...

Das Knallen der Motoren ist unverkennbar – und warnt alle im gut besuchten Zuschauerbereich davor, dass der nächste Starter heranbraust. Mit viel Tempo schießen die Fahrer von Solz kommend über eine Kuppe, bremsen vor einer Schikane ab und versuchen noch einmal alles herauszuholen, bevor es meist schlitternd durch die Kurve am Publikum vorbei in Richtung Iba geht.

...während Claudia und Alisa Schäfer sich mit heißem Tee aufwärmen.

Einen der Streckenposten dort – allein in Hersfeld-Rotenburg sind 33 Zweierteams im Einsatz – besetzen Stefan Viezenz und Sinan Engelhardt vom MSC Emstal. Sie helfen dem Veranstalter und revanchieren sich so für die Unterstützung bei ihrer Rallye im Oktober. Viezens ist am Nachmittag bereits vier Stunden im Einsatz, ein Ende nicht in Sicht. Wie hält er sich warm? „Mit vielen Klamotten nach dem Zwiebelprinzip. Und heißem Kaffee“, lacht er. Viele Zuschauer sind nicht ganz so zäh: Als die Teilnehmer der Retro-Rallye zum zweiten Mal und bei zunehmender Dunkelheit auf die Strecken gehen, haben sich die Ränge deutlich geleert. (Clemens Herwig)

Bekommen zu wenig Aufmerksamkeit: Die Teilnehmer der Retro-Rallye fahren auf vorgegebene Zeiten und kommen auf ihrer zweiten Runde über die Strecken erst im Dunkeln beim Zuschauerbereich an. Unser Foto zeigt einen Opel Manta B.

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