"Unser Lebensgefühl hält uns am Leben"

Ton Steine Scherben, die wichtigste deutsche Rockband, kommt in die Region zurück: "Wir sind immer noch sehr wütend"

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Touren zu dritt mit den alten Songs der Ton Steine Scherben: (von links) Bassist Kai Sichtermann, Sänger Gymmick und Schlagzeuger Funky K. Götzner. 

Mit Songs wie "Keine Macht für Niemand" haben Ton Steine Scherben und Rio Reiser das Land verändert. Nun treten die Gründungsmitglieder Kai Sichtermann und Funky K. Götzner in Rotenburg auf. Dabei wäre für sie in Nordhessen fast alles vorbei gewesen.

Herr Götzner, wenn Sie am 22. Dezember als "Kai & Funky von Tone Steine Scherben" mit dem Nürnberger Sänger Gymmick im Rotenburger Bürgersaal auftreten, kehren Sie in eine Region zurück, in der Sie 2012 ein ganz besonderes Erlebnis hatten.

Funky K. Götzner: Ja, damals traten wir mit Ton Steine Scherben Family auf dem Festival Open Flair in Eschwege auf. Als letzten Song spielten wir "Keine Nacht für Niemand", da bekam ich plötzlich einen Herzinfarkt. Ich habe Kai noch etwas zugerufen, dann bin ich auf das Schlagzeug gefallen. Es war der Horror: Ich war ohnmächtig, es kam kein Rettungswagen, im Eschweger Krankenhaus war nichts frei, und es dauerte fast eine Dreiviertelstunde, bis ich nach Kassel kam. Im Klinikum dort waren sie total nett. Ich bekam drei Stents. Das alles war wie ein zweiter Geburtstag für mich. Nach einem Jahr Auszeit ging es mir wieder richtig gut. Heute bin ich topfit. Mein Arzt staunt, wenn ich beim Belastungs-EKG 275 Watt trete. Ich freue mich über meine Gesundheit.

Und den Auftritt beim Open Flair mussten Sie damals abbrechen?

Götzner: Nein, das passierte erst ganz am Ende. Meine Kollegen haben die Gage noch bekommen.

Nun spielen Sie noch einmal die legendären Songs - und zwar als Akustik-Set. Muss man mit den Songs immer weiter touren? Ist das nicht ein Ausverkauf?

Götzner: Das sehen wir anders. Wir haben ja sehr verschiedene Songs. Es gibt Liebeslieder und Parolen-Songs. Und viele sind vom Thema her noch sehr aktuell - leider. Deswegen ist es wichtig, die alten Songs zu spielen. Erst recht, wenn die Leute kommen und sie hören wollen. Lieder sind ja dazu da, dass man sie spielt.

"Macht kaputt was euch kaputt macht" haben Sie früher einige Jahre nicht gespielt, weil er Ihnen zu radikal erschien. Längst ist er wieder im Programm. Wie wütend sind Sie heute noch?

Götzner: Wenn ich mir die heutige Zeit mit der hässlichen Fratze des Raubtierkapitalismus ansehe, bin ich immer noch sehr wütend. Der Refrain ist sehr radikal, das stimmt. Anfangs war ich auch skeptisch, ob wir den spielen sollten. Ich musste mich von den anderen erst überreden lassen. Trotzdem ist der Song immer noch sehr aktuell.

Sichtermann: Es ist ja nicht so, dass die Leute das Lied hören und dann auf die Straße gehen, um alles zu zerdeppern. Der Song sorgt vielmehr dafür, dass man seine Wut rauslassen kann, ohne wirklich gewalttätig zu werden. Es ist wichtig, dass wir danach Bertolt Brechts "Einheitsfrontlied" singen, eines der bekanntesten Lieder der deutschen Arbeiterbewegung. Dadurch wird klar: Es geht uns um einen gerechten sozialen Kampf und nicht um Waffen und Zerstörung.

Genau um diese Aspekte ging es auch im Sommer während des G20-Gipfels in Hamburg. Friedliche Demonstranten wollten gegen die Folgen des Kapitalismus demonstrieren, dann legten Chaoten Teile der Stadt in Schutt und Asche.

Sichtermann: Ich fand die Berichterstattung über böse Demonstranten und arme Polizisten sehr einseitig. Friedliche Protestierer sind gar nicht mehr zu Wort gekommen. Zudem ist der entstandene Schaden ein Witz gegen das, was die Banker machen. Der Schaden des Finanzkapitalismus ist hunderttausend Mal größer. Wie viele Millionen sind schon verheizt worden? Das macht mich richtig wütend.

Die 68er haben Deutschland nachhaltig zum Positiven verändert. Warum wird heute trotzdem so oft negativ über sie geredet?

Sichtermann: Weil wir einen Rechtsruck in Deutschland haben und weil sich die 68er schon damals mit den Themen beschäftigt haben, die heute aktuell sind - etwa dass man Leuten Zuflucht bietet und sich für eine menschlichere und demokratischere Gesellschaft einsetzt. Die AfD untergräbt diese Werte. Die 68er sind immer noch auf der richtigen Seite.

Claudia Roth, einst Managerin von Ton Steine Scherben, hat Karriere als Grünen-Politikerin gemacht und ist Bundestags-Vizepräsidentin. Was denken Sie, wenn Sie sehen, wie Ihre ehemalige Weggefährtin für eine Jamaika-Koalition mit dem Klassenfeind von einst wirbt?

Götzner: Claudia ist einen anderen Weg gegangen als wir. Das ist völlig in Ordnung. Früher haben wir uns öfter mal getroffen, aber das wird immer weniger. Ich hätte übrigens kein Problem mit Jamaika gehabt. Man hätte das mal ausprobieren sollen. Letztlich ist es an der FDP gescheitert.

Sichtermann: Durch die AfD hat sich die politische Landschaft total verschoben. Man findet heute überhaupt keine linke Mehrheit mehr. Natürlich kann man zehn Jahre in der Opposition sitzen. So bewirkt man allerdings nichts. Da ist es besser, in einer Koalition Kompromisse einzugehen und wenigstens einige Dinge umzusetzen.

Warum konnte Roth damals nicht verhindern, dass die Band Pleite war?

Götzner: Claudia war dafür nicht verantwortlich. Wir konnten schon vorher nicht mit Geld umgehen und haben einige Fehler gemacht. Zudem waren wir immer eine Band aus der Subkultur. Unser Ziel war es nie, in den Mainstream zu kommen.

Sichtermann: Ich weiß gar nicht, woher das Gerücht kommt, dass Claudia für unsere finanzielle Situation verantwortlich gewesen sein soll. Sie kam erst zu uns, als wir bereits einen riesigen Schuldenberg hatten. Sie hat wirklich gute Arbeit geleistet, konnte die Situation aber nicht ändern.

Heute können selbst Indie-Bands aus der Provinz dank des Internets international bekannt werden. Andererseits kauft fast niemand mehr CDs. Wären Sie gern noch einmal jung?

Götzner: Es hat schon seine Tücken, alt zu werden. Aber ich möchte meine Lebenserfahrung nicht missen. Es ist alles richtig, wie es ist.

Sichtermann: Ich empfinde es als ganz großes Glück, dass ich in diese Generation hineingeboren wurde. Die Beat-Musik entstand, und wir konnten uns nach dem Krieg aus den Ruinen etwas Neues aufbauen. Wenn ich die Jugend von heute sehe, habe ich den Eindruck, dass sie es schwieriger hat, weil die Welt sehr viel komplexer und komplizierter geworden ist. Gerade jetzt finde ich sie sehr bedrohlich. Das müssen wir Ältere dann hinnehmen. Mit meinem Leben bin ich nicht unzufrieden.

Sowohl Rio Reiser als auch Ihre Frau, Herr Sichtermann, sind am Alkohol zerbrochen. Welche Rolle haben Drogen in Ihrem Leben gespielt?

Sichtermann: Unser Hauptanliegen war immer die Musik, aber Drogen haben schon eine Rolle gespielt. Wir haben mit ihnen experimentiert, um neue Ideen zu entwickeln. Wenn wir gemerkt hätten, dass die Drogen uns daran hindern, gute Musik zu machen, hätten wir sie weggelassen.

Wie sehr ist Ihr Leben heute noch Sex and Drugs and Rock'n'Roll?

Sichtermann: Ich habe früher sehr starkes Lampenfieber gehabt. Bekämpft habe ich es mit Whiskey. Vor jedem Auftritt gab es einige Drinks. Heute ist es allenfalls mal ein Glas Rotwein.

Götzner: Als Schlagzeuger musste ich immer in Höchstform sein. Darum habe ich vorher immer einen Cognac getrunken, nachher einen doppelten. Das war es aber auch schon.

In Ihrem Buch, Herr Sichtermann, das Sie mit Ihrer Schwester Barbara über Hausbesetzungen geschrieben haben, kann man lernen, dass sich ziviler Ungehorsam lohnt. Ein Großteil historischer Bausubstanz konnte so erhalten werden. Sollten wir uns alle weniger an Gesetze halten?

Sichtermann: Nein, wir sollten uns schon an Gesetze halten. Wir leben ja in einer Demokratie. Von der Grundstruktur her ist sie bei uns okay. Allerdings muss man bestimmte Sachen hinterfragen, wenn es nicht rund läuft. Der Soziologe Peter Kotzian hat einmal gesagt: "Eine gesunde Demokratie braucht konstruktive Provokateure." Das kann ich nur unterstreichen. Und genau das war unsere Rolle.

Können Sie die heute noch ausfüllen?

Sichtermann: Wenn wir auf die Bühne gehen und "Keine Macht für Niemand" spielen, und die Leute singen laut mit, würde ich sagen: Ja, ganz deutlich. Nicht nur die Fans von früher singen mit. Es kommen auch viele junge Menschen zu unseren Auftritten

Götzner: Wir sind noch wichtig für die Leute, und zwar nicht nur aus nostalgischen Gründen. Das Lebensgefühl von damals steckt auch heute noch in uns. Es hält uns am Leben.

Ton Steine Scherben - Akustisch: 22. Dezember (20 Uhr), Rotenburg, Bürgersaal am Bahnhof. Tickets ab 22 Euro beim HNA-Kartenservice.

Zu den Personen

Der gebürtige Kieler Kai Sichtermann spielte bereits 1973 bei Ton Steine Scherben Bass und kehrte 1975 nach einer zweijährigen Auszeit zur Band zurück. Zuletzt erschienen von dem 66-Jährigen die Autobiografie "Vage Sehnsucht" sowie "Das ist unser Haus - Eine Geschichte der Hausbesetzung", das Sichtermann mit seiner Schwester Barbara schrieb. Der Vater eines Kindes lebt in Berlin-Kreuzberg und an der Schlei in Schleswig-Holstein.

Der Schlagzeuger Funky K. Götzner war seit 1974 Mitglied bei Ton Steine Scherben. Der Familienvater lebt ebenfalls in Kreuzberg.

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