Aktueller Fall im Kreis Hersfeld-Rotenburg

Implantierter Defibrillator kann mit Schocks das friedliche Sterben stören

Er nennt sich selbstironisch „Elektro-Steiner“: Kardiologe Dr. Stefan Steiner ist Arzt am HKZ für interventionelle Elektro-Physiologie und Leiter der Nachsorgeabteilung. Er untersucht Strömungen und Spannungsdifferenzen im Herzen. Unser Bild zeigt ihn in einem Untersuchungsraum und erklärt ein bisschen den Spitznamen. Implantierte Defibrillatoren können inzwischen über eine Internetverbindung kontrolliert werden.
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Er nennt sich selbstironisch „Elektro-Steiner“: Kardiologe Dr. Stefan Steiner ist Arzt am HKZ für interventionelle Elektro-Physiologie und Leiter der Nachsorgeabteilung. Er untersucht Strömungen und Spannungsdifferenzen im Herzen. Unser Bild zeigt ihn in einem Untersuchungsraum und erklärt ein bisschen den Spitznamen. Implantierte Defibrillatoren können inzwischen über eine Internetverbindung kontrolliert werden.

Die Implantation eines Defibrillators kann Leben retten. Aber was ist, wenn der Mensch am Ende seines Lebens steht und der Defi ihn nicht gehen lässt? Wir haben nachgefragt.

Rotenburg – Eine Familie aus dem Landkreis hatte sich an unsere Zeitung gewandt, weil sie sich beim Sterbeprozess des hochbetagten Vaters auch vom betreuenden medizinischen Team nicht korrekt informiert sah. Der Vater war Träger eines implantierten Defibrillators, der Schocks ausgelöst hatte. Erst nach intensiver Recherche und mit Unterstützung eines Facharztes konnte die Familie ihrem Vater helfen. Sie wünscht Informationen für Betroffene.

Für die Ärzte im Rotenburger Herz- und Kreislaufzentrum ist es ein Routineeingriff: Etwa 100-mal im Jahr implantieren sie Defibrillatoren (Defis). Seit 1992 werden die Eingriffe in Rotenburg vorgenommen. Sie können den plötzlichen Herztod verhindern.

Schock kann schmerzhaft sein

Für die Patienten ist die Implantation alles andere als Routine. Das nicht einmal handtellergroße technische Wunderwerk ist ihr Lebensretter unterm Schlüsselbein. Sie müssen sich damit arrangieren, dass im Notfall, bei Kammerflimmern oder Herzrhythmusstörungen ein durchaus schmerzhafter Schock ausgelöst wird, der ihnen gleichzeitig indirekt sagt: Ohne mich würdest Du jetzt sterben. Der Defi gilt als präventive medizinische Ausstattung.

Dass der lebensrettende Schock Patienten aber auch die Chance nehmen kann, am Ende des Lebens friedlich und schnell zu versterben, bestätigt Dr. Stefan Steiner. Er ist seit 1999 im HKZ Arzt für interventionelle Elektro-Physiologie und beschäftigt sich mit Herzrhythmusstörungen und Stromfluss im Herzen.

Der Defi kann zwar einen plötzlichen Herztod verhindern, aber nicht das Sterben an Herzschwäche oder einer anderen Krankheit. Doch dieser Prozess kann durch Schocks verlängert werden. Eine Deaktivierung des Defis ist dann geboten.

Magnet deaktiviert Defi

Dass der Defi im Sterbeprozess schmerzhafte Schocks auslösen kann, sollte Medizinern, besonders im Bereich Palliativ und Notfall-Medizin bekannt sein, sagt Dr. Steiner. Denn sie hätten auch die Möglichkeit, im Sterbeprozess der Patienten den Defibrillator abzuschalten, auch wenn ihnen nicht entsprechende spezielle Programmiergeräte, wie sie Experten verwenden, zur Verfügung stehen. Das geschieht dann mithilfe eines starken Magneten, der von außen auf dem Defi fixiert wird. „Wenn der Defi ein Magnetfeld erkennt, stellt er die Arbeit ein“, sagt der Arzt.

Das gelte für alle stärkeren Magneten, doch gebe es auch speziell für diese Situation gefertigte von den Defi-Herstellern. Rettungswagen zum Beispiel sollten sie, so Dr. Steiner, an Bord haben. Er selbst habe schon solche Magneten ans Rote Kreuz und das Palliativteam Waldhessen verschenkt. Allerdings sagt er auch: „Ich sehe noch Aufklärungsbedarf bei den Kollegen.“ Das Wissen um die Wirkungsweise von Defibrillatoren sei nicht grundsätzlich Bestandteil der medizinischen Ausbildung.

Info für Patienten wann?

Werden die Patienten vor der Implantation über die mögliche Störung des Sterbeprozesses informiert? „Das habe ich früher versucht, heute lasse ich es, weil es die Patienten zu diesem Zeitpunkt im Grunde nicht wissen wollen“, sagt Dr. Steiner. „Menschen, die sich einen Defi einsetzen lassen, haben das Leben im Sinn.“

Der Mediziner glaubt, dass ein solches Gespräch zunächst in der Defi-Selbsthilfegruppe, in einer privateren Runde besser geführt werden könne. Details könne man bei einer späteren Kontrolluntersuchung klären.

Rechtlich unstrittig

Die Deaktivierung des Defis bei einem sterbenden Menschen, der etwa wegen einer Krebserkrankung palliativ oder wegen altersbedingten Organversagens behandelt wird, gilt als rechtlich unstrittig, der Patient hat sogar Anspruch auf dessen Einsatz, erklärt Dr. Steiner. Ein Arzt müsse einen Sterbenden nicht weiterbehandeln. Es ist ein zulässiger Behandlungsabbruch. Voraussetzung ist der erklärte Wille des einwilligungfähigen Patienten oder seines Bevollmächtigten. Ansonsten müsste von dem mutmaßlichen Wunsch ausgegangen werden.

Mediziner empfehlen, einen entsprechenden Passus in einer Patientenverfügung (ICD-Vermerk) festzulegen. Dr. Steiner hält eine Vorsorgevollmacht für fast noch wichtiger. Es sei wichtig für die behandelnden Ärzte, mit einem dem Patienten nahe Stehenden über das weitere Vorgehen sprechen zu können. Es träten in Kliniken immer wieder Situationen auf, die man im Vorfeld beim Verfassen einer Patientenverfügung nicht einkalkulieren könne. Daher sei die Möglichkeit zu einem „vernünftigen Gespräch“ wichtig.

Angehörige spielen wichtige Rolle

Die Angehörigen spielen eine große Rolle sowohl beim Einsetzen eines Defi als auch bei dessen möglicher Deaktivierung. Sie sollten von Beginn an in die Behandlung einbezogen werden und später auch an den Treffen und weiterbildenden Veranstaltungen der Defi-Selbsthilfegruppe teilnehmen, rät Dr. Steiner. (Silke Schäfer-Marg)

Schutz vor plötzlichem Herztod

Ein implantierbarer Defibrillator (ICD) erkennt schnell Störungen im Herzen wie zum Beispiel plötzliches Herzrasen. Dann gibt er einen oder mehrere Stromstöße ab, die die Störung beenden, das Herz kann dann normal weiterschlagen. Eingesetzt wird er zum Beispiel nach einem Herzinfarkt oder bei einer Herzschwäche. Das Gerät wird unterhalb des Schlüsselbeins unter der Haut eingesetzt. Seine Elektroden führen in die Herzkammern und überwachen sie. Inzwischen gibt es Defibrillatoren, die auch noch die Funktion eines Schrittmachers haben. (sis)

Selbsthilfe-Gruppe: Sprecher für Fragen erreichbar

Seit 2008 gibt es die Selbsthilfegruppe Defi am HKZ in Rotenburg, seit 2011 wird sie von Gerd Adam aus Hönebach geleitet. Allerdings: Corona und auch die Entwicklungen am HKZ haben das Gruppenleben nach Einschätzung von Adam erheblich beeinträchtigt.

Gruppentreffen, Ausflüge und Vortragsveranstaltungen, wie es sie in den Jahren zuvor gab, haben in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht mehr stattgefunden, bedauert Gerd Adam. Kontaktpflege habe es nur telefonisch gegeben oder durch kurze Haustürbesuche. Normalerweise gehören der Gruppe 20 Defi-Patienten an, die nicht nur aus dem hiesigen Landkreis stammen. Zu den Treffen kommen meist auch Angehörige mit.

Natürlich wird auch das Thema Sterben mit Defi hin und wieder thematisiert. So gab es eine Fachtagung des Bundesverbandes Defibrillator zum zehnjährigen Bestehen der Rotenburger Gruppe, in der man sich dem Thema aus theologischer, rechtlicher und medizinischer Sicht angenähert hatte. Inzwischen hat sich insbesondere bei der rechtlichen Einschätzung zur Deaktivierung des Defis einiges geändert.

Viel Erfahrung beim Umgang mit Defibrillatoren: Gerd Adam, Sprecher der Defi-Selbsthilfegruppe am HKZ, zeigt ein Modell vom Herzen und verschiedene Defis.

Gerd Adam berichtet von einem Gruppenmitglied aus dem Nachbarkreis, das „zum Sterben“ aus einem Krankenhaus nach Hause entlassen worden sei. Die Angehörigen am Sterbebett hätten miterlebt, wie das Herz des Mannes immer wieder „angeschubst“ worden sei. Mediziner sprechen in solchen Fällen von Schockereignissen. Der herbeigerufene Rettungsdienst hatte schließlich einen den Defi deaktivierenden Magneten bei sich. Diese Situation wünsche er niemandem, sagt Adam. Allerdings: Solche Situationen treten auch nicht zwangsläufig bei Defi-Trägern auf. Darauf verweisen Studien. Es müssen eine Reihe von Ereignissen zusammenkommen. Gerd Adam empfiehlt Defi-Patienten in ihren Patientenverfügung entsprechend vorzubeugen und sich gegebenenfalls bei den Formulierungen fachlich beraten zu lassen. Das Gespräch zwischen Defi-Patienten und Arzt auch über die Situation am Ende des Lebens wird allgemein empfohlen.

Wenn es auch wegen der Pandemie derzeit keine Treffen innerhalb der Defi-Selbsthilfegruppe sowie keine Kontakte zum HKZ gibt, steht Gerd Adam auch weiterhin für Fragen von Defi-Trägern und ihren Angehörigen zur Verfügung. (sis)

Kontakt: Gerd Adam, Tel. 0 66 78/ 9 18 95 57, E-Mail: g-adam@defi-rotenburg.de

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