„Veranstaltungen von Lustbarkeiten“

Legendäre Bälle: Abendgesellschaft Rotenburg löst sich nach 200 Jahren auf

Die Abendgesellschaft Rotenburg gibt sich mit Kind und Kegel die Ehre im Jahre 1895.
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Die Abendgesellschaft gibt sich mit Kind und Kegel die Ehre im Jahre 1895.

Die legendären Bälle und Feiern gehören der Vergangenheit an. Die Abendgesellschaft Rotenburg hat sich aufgelöst. Was bleibt, sind auch schöne Anekdoten.

Rotenburg – Irgendwann im Jahr 1966, zu sehr später Stunde, machte selbst der Hausherr des ehemaligen Hotels Gesemann nicht mehr mit. „Ich geh ins Bett. Wenn ihr frühstücken wollt, dann macht es euch selbst“, so verabschiedete sich Roland Gesemann von der Rotenburger Abendgesellschaft nach einem ihrer legendären Tanzbälle.

Es sind Anekdoten wie diese, an die sich die Mitglieder und Gäste heute noch gerne erinnern. Nach über 200 Jahren löst sich die Abendgesellschaft Rotenburg jetzt auf. 43 Frauen und Männer nahmen in einer letzten Sitzung im September Abschied von einer Vereinigung, deren Blütezeit schon lange der Vergangenheit angehört.

Hüter des Abendgesellschafts-Archivs: Horst Hessler, 17 Jahre Vorsitzender, hat viele Aktenordner aus der Vergangenheit der Abendgesellschaft. „Sie ist auch ein Teil der Rotenburger Geschichte“, sagt er.

Traf nicht mehr den Nerv der Zeit

„Bereits zu Beginn der 2000-er Jahre war es absehbar, dass die Mitglieder älter und weniger werden“, sagt Horst Hessler, letzter Vorsitzender in den vergangenen 17 Jahren. Früher seien die natürlichen Ressourcen der Abendgesellschaft die Kinder gewesen. Sie hielten an den Traditionen der Eltern fest und wurden später selbst Teil dieser Gemeinschaft. Doch die in einer Satzung vorgeschriebenen Veranstaltungen wie Kirmeskränzchen, Tanzbälle oder Fahrten trafen irgendwann nicht mehr den Nerv der Zeit. Die nachfolgende Generation hatte andere Interessen.

Vorstand nur schwer zu besetzen

Immer schwieriger wurde es in den vergangenen Jahrzehnten außerdem, Ämter für den Vorstand zu besetzen. Die Abendgesellschaft, die zur Gründungszeit „Veranstaltungen von Lustbarkeiten“ organisierte und sich bis zuletzt der „Pflege von Geselligkeiten“ auf ihre Fahne schrieb, sie bleibt für viele Rotenburger nur mehr eine schöne Erinnerung. Und sie war auch immer ein zwar elitärer, aber auch ein besonderer Teil der Stadtgesellschaft.

Kaiserliche Verordnung

Wahrscheinlich, aber nicht belegt, gab es die Abendgesellschaft bereits 1793. Denn nachweislich erwähnte man die Gründung einer „neuen“ Gesellschaft in einer Urkunde erstmalig am 22. November 1839. Da Rotenburg mit dem Tod des Landgrafen Viktor Amadeus im Jahr 1834 keine Residenz mehr war, suchte man nach einem gesellschaftlichen Mittelpunkt für die damals 3600 Einwohner der Stadt. Die Abendgesellschaft mit Honoratioren höherer Kreise, Rektoren, Pfarrern, Hofapothekern, Gutsbesitzern oder Forstbeamten war geboren. Rechtsfähig wurde der Verein durch eine kaiserliche Verordnung von Kaiser Wilhelm I. am 20. Mai 1877.

Zuhause im Liebhaber-Theater

Ihr Zuhause war das 1840 gebaute Kasino, auch Liebhaber-Theater genannt. Dort, wo heute das Standbild des Reiters steht – an der Einmündung der Bürgerstraße in die Neustadtstraße – gab es unter anderem einen Festsaal, Gästeräume, Küche, Speisekammer und die Wohnung des Pächters.

Liebhaber-Theater: Viele Festivitäten fanden im Kasino, auch Liebhaber-Theater genannt, statt. Es stand dort, wo heute das Standbild des Reiters steht – an der Einmündung der Bürgerstraße in die Neustadtstraße.

Für den Verkauf des Kasinos an die Stadt Rotenburg bekam die Abendgesellschaft 15 000 DM. „Davon zehrten wir bis zum Schluss“, sagt Horst Hessler.

Das beliebte Kirmeskränzchen

Weniger elitär ging es in den vergangenen Jahrzehnten zu. Natürlich waren es hauptsächlich Lehrer, Ärzte und andere Akademiker, die der Abendgesellschaft angehörten. Aber zuletzt kamen immer auch Interessenten aus anderen gesellschaftlichen Kreisen hinzu, Gäste waren stets willkommen. Einmal spielte die Tanz- und Showband Curocas. Die Musiker stellten verblüfft fest, dass es kein Warming-Up brauchte, um die Frauen und Männer in Stimmung zu bringen. Gute Laune herrschte bei der Abendgesellschaft von der ersten Minute an. „Zum Tanzen musste man nicht aufgefordert werden“, schmunzelt Horst Hessler. Die Frauen vom Festausschuss sorgten für ein kunterbuntes Jahres-Programm und bastelten liebevoll gestaltete Einladungskarten. Es gab Kinder-Fasching, Städtereisen und immer wieder das allseits beliebte Kirmeskränzchen. Zuletzt fand es in der Silbertanne statt. (Von Susanne Kanngieser)

Die Geschichte der Abendgesellschaft

Bis 1937 lief das Vereinsleben in verhältnismäßig geordneten Bahnen. Danach wurde das Kasino auf Druck der Nationalsozialisten an die Stadt Rotenburg verkauft. Im Juli 1939 gab es eine letzte Mitgliederversammlung, in der der Verein allerdings nicht aufgelöst wurde. In den 1940-er Jahren wurde aus dem Gebäude ein NS-Kindergarten, nach dem Krieg wurde es zum Lebensmittellager der Edeka umfunktioniert. In der ersten Versammlung nach dem Nazi-Regime, im Juli 1949, wurde beschlossen, dass die Abendgesellschaft weiter bestehen soll. In der Folge ging es jahrelang um die Nutzung des Kasinos. 1965 kam es zu einem Vergleich und dem Ergebnis, dass die Stadt 15 000 DM an die Abendgesellschaft zahlen musste. 1950 fand das erste Kirmeskränzchen nach dem Krieg statt, seit 1972 gab es einen jährlichen Familienausflug und schließlich 1977 eine neue Satzung. Die letzte Fassung des Regelwerks stammt aus dem Jahr 2006. Seit 1981 konnten auch Interessenten außerhalb Rotenburgs Teil der Abendgesellschaft werden. (zwk)

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