Sommerinterview

Rotenburgs Bürgermeister Grunwald über Corona, Bauminseln und fehlendes Pflaster

Ein schöner Ort zum Verweilen: Die neuen Bauminseln mit ihren Bänken im Rotenburger Steinweg sollen dazu beitragen, die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt zu steigern. Das scheint zu funktionieren. Bürgermeister Christian Grunwald musste ein bisschen warten, bis genau diese Bank frei wurde.
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Ein schöner Ort zum Verweilen: Die neuen Bauminseln mit ihren Bänken im Rotenburger Steinweg sollen dazu beitragen, die Aufenthaltsqualität in der Innenstadt zu steigern. Das scheint zu funktionieren. Bürgermeister Christian Grunwald musste ein bisschen warten, bis genau diese Bank frei wurde.

In der Sommerpause interviewen wir alle Bürgermeister des Kreisteils Rotenburg. Heute: Christian Grundwald aus Rotenburg.

Rotenburg – War da ein Augenzwinkern? Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald bittet noch vor Beginn unseres Sommerinterviews darum, Corona mal außen vor zu lassen. Im Grunde weiß er, dass das nicht möglich ist. Also:

Herr Grunwald haben Sie bei unserem Gespräch vor einem Jahr erwartet, dass auch das nächste Sommerinterview noch von Corona bestimmt werden könnte?

Eigentlich nicht. Zumindest hatte ich gehofft, dass die Pandemie zum Beispiel durch die Entwicklung von Impfstoff schneller wieder in den Hintergrund tritt. Die Zeit ist seither verflogen und wir sind immer nur auf Sicht gefahren. Ich frage mich inzwischen schon, wo der Punkt liegt, an dem das Leben wieder normal wird.

Haben Sie eine Antwort gefunden?

Wenn wir uns impfen lassen, muss es auch eine klare Perspektive für die Geimpften geben, dass Einschränkungen wegfallen. Das müsste auch mit einem Zeitplan hinterlegt werden. Außerdem muss man fragen, wie sinnvoll ist es, immer die Inzidenz in den Vordergrund zu rücken. Ich denke, der Impffortschritt und die Krankenhaus-Belegung sind bessere Marker für eine Rückkehr zur Normalität. Das Virus wird nicht mehr aus der Welt verschwinden, sondern Teil des allgemeinen Lebensrisikos. Wichtig ist aber vor allem erst mal die massenhafte Impfung. Wenn sich viele Menschen impfen lassen, kann man hoffentlich bald wieder Normalität leben.

Das wünschen wir uns alle. Als Vater von drei Kindern werden Sie noch einmal einen besonderen Blick auf das Leben mit Corona haben.

Das stimmt. Die Kinder sind die größten Verlierer der Pandemie. Und weil sie nicht geimpft werden, droht ihnen immer wieder ein eingeschränkter Alltag in Schule und Kita.

Im vergangenen Jahr haben Sie gesagt, die Heckwelle der Pandemie kommt erst noch.

Vor allem emotional kommt sie noch. Die Pandemie hat viel verändert. Wie einschneidend das auf die Persönlichkeit von Kindern und Jugendlichen wirkt, wird sich erst in ein paar Jahren zeigen. Bei den Erwachsenen merkt man es jetzt schon. Die Leute sind auf allen Ebenen dünnhäutiger geworden.

Merken Sie das im Rathaus?

Ja, dort und in der Politik. Viele Kontakte mussten auf Mails und Telefongespräche reduziert werden. Die ersetzen kein persönliches Treffen. Es ist viel Argwohn und Unzufriedenheit entstanden durch diese Situation – meiner Meinung nach zu Unrecht, aber es geht nun mal um Emotionen, nicht um Fakten. Und ganz ehrlich: Wenn man Menschen eine ganze Reihe von Fakten aufzählt und die sagen dann schlicht „Das glaube ich nicht“, dann muss ich passen. Was soll ich denn machen, wenn Fakten ignoriert werden? Es gibt auf unterster Ebene schon kein Zutrauen mehr und grundsätzlich eine große Skepsis und Ablehnung gegenüber dem Staat in Gänze. Auf der anderen Seite gibt es mitunter eine selbstverständliche Anspruchshaltung, Stadt, Land oder Bund müssten selbstverständlich regeln, was einem persönlich widerfahren ist.

Sie spielen auf die Debatte am Rande der Flutkatastrophe an, dass manche beim Versicherungsschutz sparen, weil sie davon ausgehen, dass notfalls der Staat helfen muss?

So hoch will ich es gar nicht hängen. Aber wir erleben auch, dass die Stadt, also wir alle, verantwortlich gemacht werden, wenn bei Starkregen ein Keller vollläuft. Dass der Klimawandel Ereignisse bringt, die es bislang noch nicht so oft gab, wird dabei nicht immer wahrgenommen. Der Staat kann aber nicht immer die persönliche Verantwortung ersetzen.

Jetzt müssen wir mal das Thema wechseln. Viele freuen sich, dass der Stadtumbau in Rotenburg läuft. Erste sichtbare Ergebnisse wie die neuen Bauminseln im Steinweg kommen gut an. Aber es finden sich auch Baustellen, die offenbar nicht abgeschlossen werden. Das Pflaster fehlt, dafür stehen dort kleine Inseln aus Bauzäunen. Warum ist das so?

Wir hätten es auch lieber, wenn die Arbeiten komplett abgeschlossen werden. Aber die Firmen stehen vor riesigen Herausforderungen: Es fehlt an Mitarbeitern und an Material. Die sind schlicht trockengelaufen. Der größte Pflasterhersteller in Deutschland nimmt bis zum Jahresende keine Aufträge mehr an, weil er nicht mehr nachkommt. Und das zieht sich durch. Wir machen zwar Druck, aber das machen alle Auftraggeber. Für uns alle ist es eine ganz neue Situation, dass es einen Mangel gibt.

Wird sich das auch auf den Kita-Neubau in Braach auswirken? Der musste ja schon einmal verschoben werden.

Nächstes Jahr geht es dort los. Es fehlt noch die schriftliche Bestätigung der mündlichen Fördermittelzusage aus dem Ministerium. Unsere Planungen sind schon weit gediehen, obwohl auch wir Personalmangel im Bauamt haben. Es wird zunehmend schwierig, Fachkräfte für den öffentlichen Dienst zu bekommen, weil in der freien Wirtschaft mehr gezahlt wird. Das früher so wichtige Argument des sicheren Arbeitsplatzes zieht heute kaum noch.

Wird vielleicht auch ein bisschen viel reglementiert? Das neue Baugebiet von Lispenhausen soll zum Beispiel möglichst klimaneutral gestaltet werden.

Die Stadtverordneten werden das Satzungsrecht für das Neubaugebiet schaffen. Wir haben den Auftrag, sie umfassend zu informieren, damit sie entscheiden können, in welche Richtung Regeln vorgegeben werden. Natürlich ist Klimaneutralität auch ein wichtiges Ziel. Gleichzeitig wissen alle, dass die Attraktivität des Baugebiets erhalten bleiben muss. Die ist schon jetzt hoch. Lage und Zuschnitt der Grundstücke werden gut sein, dazu kommt eine Kita direkt im Gebiet, Lispenhausen hat eine Grundschule und alles, was man zur Grundversorgung braucht.

Das sagt der Lispenhäuser. Ganz anderes Thema: Sie wollen Erster Kreisbeigeordneter werden. Wie realistisch sehen Ihre Chancen, vom Kreistag gewählt zu werden?

Ich glaube, ich mache ein Angebot, das wählbar ist: Ich habe auf allen Ebenen der Verwaltung gearbeitet, bin seit fast zehn Jahren erfolgreich in einer Führungsposition und außerdem gut vernetzt. Was ich mir wünsche, ist eine Person, die zusammen mit dem neuen Landrat Torsten Warnecke dazu beiträgt, den Landkreis wirklich zusammenzuführen und ihn in den wichtigsten Zukunftsfragen nach vorne zu bringen: Klimaschutz, Gesundheitsversorgung und Digitalisierung. Ich traue mir das zu.

Und wenn es nicht klappt?

Wer sich zur Wahl stellt, muss damit rechnen, verlieren zu können. Eine Niederlage darf einen auch nicht dahin bringen, dass man in Sack und Asche geht. Die Gedanken mache ich mir aber gar nicht, weil ich mich selbstverständlich weiterhin voll in Rotenburg einbringe. Hier bin ich gewählt, und ich werde mich bis zum Ende meiner Amtszeit wie in den vergangenen neuneinhalb Jahren voll für die Stadt ins Zeug legen. Das würde sich übrigens auch nicht ändern, wenn ich Erster Kreisbeigeordneter werden würde. Dann stünden aber anstatt wie bisher eine alle zwanzig Kommunen des Kreises in meinem Fokus.

Jetzt haben Sie Urlaub. Wo wollen Sie sich erholen?

In diesem Sommer zu Hause. Ich werde im Garten Zeitung lesen. (Er schmunzelt.)

(Silke Schäfer-Marg)

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