Sexuelle Übergriffe

Jakob-Grimm-Schule Rotenburg: Theaterstück soll Kinder zum Nein-Sagen ermutigen

Emotionen auf der Bühne: Das Schultheater-Studio Frankfurt spielte in der Jakob-Grimm-Schule Rotenburg „Trau Dich“, ein landesweit etabliertes Stück für Kinder über sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt. Das Bild zeigt von links Volker Kehl, Michaela Cordes, Jana Saxler und Ole Bechtold.
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Emotionen auf der Bühne: Das Schultheater-Studio Frankfurt spielte in der Jakob-Grimm-Schule Rotenburg „Trau Dich“, ein landesweit etabliertes Stück für Kinder über sexuelle Übergriffe und sexualisierte Gewalt. Das Bild zeigt von links Volker Kehl, Michaela Cordes, Jana Saxler und Ole Bechtold.

Das interaktive Schauspiel „Trau Dich“ befasst sich mit sexuellem Missbrauch und ist hilfreich und harter Tobak zugleich. An der JGS in Rotenburg hat es sich etabliert.

Rotenburg – Sprechen wir übers Küssen. Über Küsse mit Zunge und über schlabberige Oma-Küsse. Über Küsse, die man will und die man nicht will. Sprechen wir übers Anfassen. Über Geheimnisse, über Angst und Schuldgefühle. Und sprechen wir über Hilfe und Unterstützung. Die Mädchen und Jungen der Jahrgangsstufe 6 der Jakob-Grimm-Schule in Rotenburg waren am Mittwoch Teil des interaktiven Schauspiels „Trau Dich“, das sich mit sexuellem Missbrauch und mit körperlicher Selbstbestimmung befasst.

Bereits zum vierten Mal gastierte das Schultheater-Studio Frankfurt an der Schule. „Das ist ein tolles Präventionsinstrument“, sagt Lehrer Dr. Tim Schulz, der an der JGS Ansprechperson zum Thema sexualisierte Gewalt ist und mit einem Team aus Sozialarbeiterinnen und Lehrkräften an diesem Thema arbeitet.

Die Bilder entstehen im Kopf

In der Schule weiß man, dass das Stück manchmal „harter Tobak“ für Kinder ist, wenngleich die Bilder nur im Kopf entstehen, nicht auf der Bühne zu sehen sind. Erzählt werden Geschichten: Die von der zwölfjährigen Paula, die im Gegensatz zu ihrer besten Freundin Linda noch keine Jungs küssen will – weder mit noch ohne Zunge. Im Zuge des Stücks und mit Unterstützung von Schülerinnen und Schülern lernt sie, dass das auch gut und richtig ist. Geküsst wird erst, wenn man es selbst möchte. Und geküsst werden darf man auch nur, wenn man es möchte. Dass vermittelt der zehnjährige Wladimir seiner vor lauter Zuneigung platzenden und stets küssenden Oma mithilfe eines Briefes. Den kann er mit Unterstützung des Publikums liebevoll formulieren. Oma lernt:. Der Enkel hat sie auch lieb, wenn er nicht geküsst werden will.

Das gemeinsame Geheimnis

Was aber, wenn der Bräutigam der Schwester die neunjährige Alina sexuell missbraucht? Wenn er vom gemeinsamen Geheimnis spricht, weil sie sonst ihre Schwester unglücklich macht? Wenn zunächst kein Erwachsener Zeit hat, ihre bodenlose Verzweiflung zu sehen, ihr zuzuhören? Auch in diesem Fall wird den Kindern vermittelt, dass es Hilfe gibt, dass sie diese perfide Art der Geheimniskrämerei nicht an Versprechen bindet. Sie werden ermutigt, davon zu erzählen.

Informationen für Lehrer und Eltern

Das Theaterstück schwebt nicht im luftleeren Raum: Vor den Aufführungen gibt es Lehrerfortbildungen und Elternabende. „Eltern müssen darauf vorbereitet sein, dass Fragen kommen. Sie müssen Aussagen ihrer Kinder auch einordnen können“, erklärt Schulsozialarbeiterin Thora Maentel-Pogodsky.

Lehrerfortbildung noch nötig

Und ja: Lehrerfortbildungen sind auch in diesem Bereich noch nötig, da das Thema sexualisierte Gewalt im Studium nicht zu den Pflichtseminaren gehöre, sagt Dr. Tim Schulz. Dass die Aufführungen von „Trau dich“ nachhaltig wirken, haben Lehrkräfte und Sozialarbeiterinnen erfreut registriert. Auch in höheren Klassen können sich die Kinder an das Stück erinnern, wenn Missbrauch oder sexuelle Übergriffe thematisiert werden. Der auch für Kinder und Jugendliche einfache Zugang zu Internetseiten mit pornografischem und gewaltverherrlichenden Inhalten verändert auch den Blick auf selbstbestimmte Sexualität, haben die Pädagogen feststellen müssen.

Schulkonzept entwickelt

An der JGS wurde ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt entwickelt. Seit 2018 gibt es auch ein Unterstützungsteam, das bei Verdachtsfällen beraten kann und für Schülerinnen und Schüler ansprechbar ist.

Auch Präventionsrat erarbeitet Konzept

In Rotenburg befasst sich aktuell der Präventionsrat der Stadt mit dem Thema und erarbeitet ein Konzept, wie sexualisierte Gewalt in der Stadt offen diskutiert werden kann.
(Silke Schäfer-Marg)

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