Rotenburger Einzelhändlerin kritisiert Ungleichbehandlung

Ein Jahr Lockdown: Der Albtraum endet nicht

Der Frühling ist da, neue Mode auch: Kerstin Bier hatte gehofft, dass die Kunden nun wieder spontan ihr „Haus der Mode“ aufsuchen können. Doch das funktioniert erst mal nur über Terminabsprache. Der Lockdown setzt dem Einzelhandel weiter zu.
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Der Frühling ist da, neue Mode auch: Kerstin Bier hatte gehofft, dass die Kunden nun wieder spontan ihr „Haus der Mode“ aufsuchen können. Doch das funktioniert erst mal nur über Terminabsprache. Der Lockdown setzt dem Einzelhandel weiter zu.

Man hat sie auch in dieser Woche nicht geweckt aus dem Albtraum: Seit einem Jahr muss Kerstin Bier mit Lockdown und vermeintlichen Lockerungen umgehen – ein zermürbendes Geschäft. Sie steht hier für fast alle Einzelhändler.

Rotenburg - Die Inhaberin des Modehauses Bier mit Geschäften in Rotenburg und Heinebach ist besonders nach der Entscheidung von Bund und Land Hessen in dieser Woche wütend und enttäuscht. Demnach kann der Einzelhandel nur nach vorheriger Terminabsprache einzelne Kunden ins Geschäft einlassen – für Kerstin Bier eine völlig absurde Regelung mit Blick auf Kundengedränge bei Discountern und Supermärkten, die nebenbei noch ihr Non-Food-Geschäft ausweiteten.

Was sie so wütend macht, sind nicht etwa die Auflagen wie Schutzmaßnahmen zur Corona-Pandemie. „Wir haben alles mitgetragen, wir haben super Hygienepläne erarbeitet und in funktionierende Maßnahmen investiert. Wir nehmen die Pandemie ernst.“

Es ist die Ungleichbehandlung sogar innerhalb des Einzelhandels, die diese Wut und Ohnmacht entfacht: „Ich freue mich für jedes Geschäft, das öffnen darf, für den Buchhandel, für Blumengeschäfte. Es ist Zeit, dass sie wieder öffnen dürfen. Aber warum dürfen andere, etwa Textil- und Bekleidungsgeschäfte, nicht? Warum darf ich in einem 600- oder 3000-Quadratmeter großen Laden nur einzelne Kunden bedienen?“

Das, was jetzt als Lockerung im Einzelhandel verkauft wird, ist nach Biers Einschätzung nur ein winziger Schritt. „Natürlich freue ich mich über jede Kundin und jeden Kunden, die das wahrnimmt“, sagt die 57-jährige Geschäftsinhaberin, die bereits mit 25 Jahren an der Spitze des Familienbetriebs stand. „Aber mal ehrlich: Wird Mode so eingekauft?“

Mode sei Emotion, sei Gefühl und folge auch spontanen Entscheidungen. Der Blick ins Schaufenster, ein sonniger Tag – so entstünden Kaufwünsche. Wenn man dazu einen Termin verabreden müsse, sei die spontane Kauflust schwer beeinträchtigt. Dennoch werben sie und ihre Kollegen in Rotenburg dafür, auch spontan nach einem Termin zu fragen. Sie sind sicher, dass es auch ganz kurzfristige Termine geben werde.

Seit gut einem Jahr arbeite sie nur auf Sicht, erzählt die erfahrene Geschäftsfrau. Mode sei eine saisonale Ware. Man kaufe Ware ein, dekoriere und müsse schlimmstenfalls fast alles wieder einpacken. Hilfreich vor allem zur Kundenbindung sei das Online-Geschäft, das auch Kerstin Bier anbietet.

Finanziell ist die Lage schwierig, räumt Bier ein. „Das Polster wird immer dünner“, sagt sie. Hilfen hat sie noch nicht in Anspruch genommen und will es möglichst auch nicht. Aufgeben ist keine Option: „Ich will das Geschäft und meine zehn Mitarbeiterinnen durch die Krise bringen“. Hoffnung für den Einzelhandel und die Innenstädte bestehe nur, wenn auch die Kunden alle Möglichkeiten ausschöpften.

Von Silke Schäfer-Marg

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