Nach Hochwasser-Katastrophe

Rotenburger THW-Helfer ziehen Bilanz der Arbeit im Flutgebiet: „Schlimm, weil es die Heimat ist“

Sie waren bei der Flutkatastrophe im Einsatz: von links THW-Ortsbeauftragter Marcus Weber, Sven Martens, Sascha Gajewski, Michael Hubenthal, Benjamin Günther, Lukas Bühner, Benjamin Schmidt, Mirco Mangold, Andreas Rack, Bernd Cronenberg, Johannes Rack.
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Sie waren bei der Flutkatastrophe im Einsatz: von links THW-Ortsbeauftragter Marcus Weber, Sven Martens, Sascha Gajewski, Michael Hubenthal, Benjamin Günther, Lukas Bühner, Benjamin Schmidt, Mirco Mangold, Andreas Rack, Bernd Cronenberg, Johannes Rack.

Die Helfer des THW Rotenburg haben im Einsatz in den Hochwasser-Gebieten von Begegnungen mit dem Tod, bis hin zur großen Dankbarkeit von Menschen alles erlebt. Sie berichten:

Rotenburg/Ahrweiler – Bei jedem neuen Bericht aus dem Flutgebiet macht es Klick im Kopf. Die Bilder sind sofort wieder da. „Ahrweiler verfolgt mich länger als die Katastropheneinsätze in Haiti oder Slowenien“, sagt Benjamin Günther. Er ist einer der altgedienten Helfer im THW Rotenburg, Gruppenführer des Trinkwasseraufbereitungsteams und international erfahren.

Die anderen Männer in der Runde nicken. Wir sind in der Unterkunft des THW im Heienbach. Einige Helfer sind bereit, über ihre Erlebnisse beim Einsatz nach er Flutkatastrophe zu berichten. 52 Tage lang waren die Männer abwechselnd im Katastrophengebiet an der Ahr. Seit sechs Wochen bereiten sie den Einsatz in Rotenburg nach.

Warum war dieser Einsatz so schlimm? „Weil es die Heimat ist“, sagt Sven Martens. Er ist Soldat von Beruf und gelernter Wasserversorgungstechniker und hat bei Bundeswehreinsätzen ebenfalls Erfahrung im Ausland gesammelt. „Die betroffenen Leute leben wie wir, sprechen wie wir. Ihre Häuser könnten unsere Häuser sein.“ „Wir sind ja eigentlich das Land, in dem Milch und Honig fließt, deshalb haben wir uns für unantastbar gehalten“, ergänzt Benjamin Günther.

Rotenburger THW erhielt den Auftrag, die Trinkwasserversorgung des Kreiskrankenhauses zu sichern

Benjamin Schmidt ist Trinkwasserfachmann, auch beruflich, arbeitet als stellvertretender Wassermeister bei den Stadtwerken in Rotenburg. Er war als erster ins Flutgebiet gefahren, war praktisch die Vorhut, sondierte die Lage, führte Absprachen mit den Leuten vom Katastrophenschutz vor Ort. Dort erhielten die Rotenburger auch den Auftrag, die Trinkwasserversorgung des Kreiskrankenhauses zu sichern. „Der Chefarzt fragte, ob wir innerhalb von drei Stunden Trinkwasser liefern können. Das können wir nicht. Wir brauchen drei Tage zum Aufbau der Anlage und bis das Wasser tatsächlich Trinkwasserqualität hat. Auf diese Antwort hin wurden die Patienten noch in der Nacht evakuiert.“

Immerhin, das Rotenburger Team wurde in der Klinik untergebracht. Ein richtiges Bett, echte Zimmer – ein Luxus gegenüber anderen Helfern, die in Zelten und sogar in Autos übernachten mussten. Allerdings ein Luxus ohne Wasser, natürlich auch für das Trinkwasserteam. Die erste Dusche gab es erst nach drei Tagen im Einsatz.

Mit Fäkalien kontaminierter Schmutz, Staub, Gestank wurden zu ständigen Begleitern. „Auf einer Länge von 50 Kilometern waren die Kläranlagen zerstört worden, das Abwasser wurde von der Flut mitgerissen und verteilt“, berichtet Ortsbeauftragter Marcus Weber. Die Hitze nach der Flut und der dadurch entstandene Staub sorgten für Atemprobleme. „Die Masken waren immer gleich dicht“, sagt Sven Martens. „Wir hatten alle mit Atemwegsentzündungen zu kämpfen“, ergänzt Benjamin Günther.

Unfassbare Erlebnisse lässt die Helfer bis heute nicht los

Bevor das Team die Aufbereitungsanlage aufbauen konnte, haben Andreas und Johannes Rack, beide Garten und Landschaftsbauer von Beruf, eine ebene und saubere Fläche geschaffen – unabdingbar für die Anlage. „Irgendjemand hatte uns Schotter gebracht, keine Ahnung, wo die den her hatten.“

Ein Beispiel von vielen: Auch in Altenahr, hinter einem Tunnel der Rotweinstraße durch das Ahrtal, wurde aufgeräumt.

Die unfassbare Zerstörung, Begegnungen mit Tod, traumatisierten Menschen auf der einen Seite, auf der anderen die große Dankbarkeit von Menschen, die nicht aufgeben wollen und für sich und ihre Nachbarn Schlamm geschippt und aufgeräumt haben – das lässt die Helfer bis heute nicht los. Und jeder hat es ein bisschen anders erlebt. Während Andreas Rack, vor allem der Benzin- und Dieselgeruch der gestrandeten Autos in der Nase steckt, ist es für Benjamin Schmidt der süßliche Geruch des Todes. In seiner Nähe war ein Auto mit vier Leichen entdeckt worden. Sven Martens und Benjamin Günther vergleichen den Geruch mit dem von Einsätzen in Afrika und Haiti.

„Verzweifelte, verschlammte Leute haben uns angehalten und um eine Pumpe angefleht. Die hatten wir aber nicht“, sagt Benjamin Schmidt. Wie im Krieg sei aber auch der permanente Lärm gewesen. Ständig seien Hubschrauber über dem Katastrophengebiet geflogen. Ständig gab es Maschinenlärm. Andreas Rack erzählt von einem Mann, der mit einem Tupperbecher Schlamm von einer Treppe geschaufelt hat. „Wenn du sonst nichts mehr hast, nimmst du den“, sagt Rack. Für ihn war das ein kleiner Versuch des Mannes, sein Leben wieder in Ordnung zu bringen.

THW-Helfer waren begeistert von der Hilfsbereitschaft von Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet

Während die Helfer auf der einen Seite entsetzt waren vom Ausmaß der Zerstörung, waren sie auf der anderen Seite begeistert von der Hilfsbereitschaft von Menschen aus dem ganzen Bundesgebiet, aber auch unter denen im Ahrtal selbst. Die permanente Konfrontation mit dem Leid hat den Helfern aus Rotenburg zugesetzt. „Wir hatten aber psychosoziale Unterstützung vor Ort“, berichtet Marcus Weber. Sich mal „auskotzen“ zu können, sei wichtig gewesen. Auch viele interne Gesprächsrunden hätten gut getan.

Der Rhythmus sieben Tage helfen, dann zurück in die Normalität in Rotenburg – auch das war nicht immer leicht. „Der Alltag wurde zum Stress“, sagt Benjamin Günther. „Banaler Stress“, ergänzt Benjamin Schmidt. „Wenn man die ganze Zeit mit menschlichem Leid konfrontiert ist, empfindet man die alltäglichen Dinge als Luxusprobleme“, sagt Sven Martens. Warum ist es ein Problem, wenn der Rasen nicht gemäht ist? Natürlich ist das für Angehörige nicht immer leicht nachvollziehbar. „Mich hat ein zwitschernder Vogel fast aus der Fassung gebracht“, erzählt Benjamin Schmidt. Der Gegensatz von all dem Lärm, dem Chaos und dann der Ruhe im Garten mit dem Gezwitscher sei einfach krass gewesen.

Vor zwei Wochen waren die Helfer zur sogenannten Kehrwoche zurück in Ahrweiler

Was bleibt jetzt? „Das Wissen, dass wir helfen konnten. Wir üben das ganze Jahr über. Jetzt hat alles wie am Schnürchen geklappt“, sagt Benjamin Günther. Und was wünschen sich die Helfer? „Mehr Leute, die mit anpacken“, sagt Benjamin Schmidt. „Wir könnten zwanzig weitere Helfer brauchen, egal welchen Alters.“ Und Toleranz und Akzeptanz von Arbeitgebern wünschen sie sich – weiterhin und noch mehr in der Zeit von Einsätzen.

Vor zwei Wochen waren sie zur sogenannten Kehrwoche zurück in Ahrweiler. Das ist ein konkreter und gleichzeitig ein symbolischer Abschluss des Einsatzes. Straßenreiniger aus ganz Deutschland haben die Straßen gereinigt. Die anderen Helfer haben Bürgersteige gefegt. Die Helfer sind zurück in Rotenburg und wünschen den Menschen im Ahrtal, dass sie ihr Leben wieder aufbauen können.

Nachbereitung des Einsatzes dauert sechs Wochen

Die Rotenburger Fachgruppe Trinkwasseraufbereitung ist eine von bundesweit zwölf. Das Team muss die Anlage nach dem Einsatz reinigen und Material ergänzen. Etwa 100 000 Einzelteile werden kontrolliert, damit im Ernstfall alles Nötige im besten Zustand vorhanden ist. Die Anlage muss vor dem Einlagern komplett trocken sein, um weder Schimmel noch Bakterien eine Siedlungsfläche zu bieten. Sechs Wochen dauern diese aufwendigen Arbeiten. 

Termin: Grillen für Ahrweiler

Die Helfervereinigung des THW Rotenburg lädt für Samstag, 23. Oktober, ab 11 Uhr zum Grillfest im Steinweg in Rotenburg ein und sammelt Spenden. Der Erlös und die Spenden gehen an die THW-Helfervereinigung Ahrweiler. 

(Silke Schäfer-Marg)

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