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Förderstopp droht: Rotenburger Wasserkraftwerk Haag kämpft um Existenz

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Von: Kerim Eskalen

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Das Rotenburger Wasserkraftwerk Haag produziert Energie aus Fuldawasser – hier zu sehen rechts neben dem Wehr.
Das Rotenburger Wasserkraftwerk Haag produziert Energie aus Fuldawasser – hier zu sehen rechts neben dem Wehr. © Conny Haag-Lorenz

Dem Rotenburger Wasserkraftwerk Haag, das seit 1939 in Familienhand ist und Energie aus Fuldawasser produziert, droht das Aus.

Rotenburg – Grund ist die Neuauflage des Erneuerbaren-Energien-Gesetzes (EEG). Das Gesetz soll auf Bundesebene Ende Juni beschlossen werden. Der Plan der Bundesregierung sieht vor, dass Wasserkraftanlagen mit einer Leistung von weniger als 501 Kilowatt (kW) „aus ökologischen Gründen“ aus dem Fördermechanismus des EEG gestrichen werden. In Deutschland wären davon fast 7000 Wasserkraftwerke betroffen.

Das Haager Kraftwerk mit seinen zwei ferngesteuerten Turbinen kann laut Betreiberin Conny Haag-Lorenz bis zu 404 Haushalte mit Elektrizität versorgen – ohne, dass der Strom über lange Strecken transportiert werden.

Zudem biete die Anlage neben der Stromerzeugung weitere wichtige Funktionen für die Natur, sagt Conny Haag-Lorenz – während das Umweltministerium den kleinen Wasserkraftwerken auf Nachfrage unserer Zeitung einen negativen Einfluss auf Fische und Gewässerökologie bescheinigt.

Die Spitzenleistung des Haager Kraftwerks beträgt 320 kW und fällt unter die 501-kW-Grenze. Diese Grenze kritisiert auch Dr. Ronald Steinhoff von der Arbeitsgemeinschaft hessischer Wasserkraftwerke (AHW): „Die Untergrenze wurde nicht begründet. Es existiert keine wissenschaftliche Basis, die diese Entscheidung rechtfertigt. Es werden so systematisch kleine Kraftwerke aus dem Förderprogramm ausgeklammert.“

Sie setzen sich für den Erhalt der Wasserkraft ein: Lutz Lorenz und Conny Haag-Lorenz, Ralf Zinn und Dr. Ronald Steinhoff im Turbinenraum.
Sie setzen sich für den Erhalt der Wasserkraft ein: Lutz Lorenz und Conny Haag-Lorenz, Ralf Zinn und Dr. Ronald Steinhoff im Turbinenraum. © Kerim Eskalen

Kraftwerke, die über der 501-kW-Grenze liegen, gehören in der Regel Konzernen, die nun weiterhin Fördermittel und damit Investitionssicherheit haben – im Gegensatz zu den kleinen, bürgernahen Unternehmen. Warum die Grenze ausgerechnet bei 501 kW gezogen wird, erklärt das Ministerium auf Nachfrage unserer Zeitung nicht.

Dabei sieht Conny Haag-Lorenz die Leistung ihres Kraftwerks durch den Klimawandel als besonders wichtig an. „Stetiger und flexibel regelbarer, erneuerbarer Strom ist bei der Energiewende besonders gefragt. Auch der mit der Anlage verbundene Hochwasserschutz ist gerade jetzt wichtig. Und jetzt sollen Fördermittel gestrichen werden? Das ist alles nicht nachvollziehbar.“

Auch für Müllermeister Ralf Zinn, Betreiber der Tanner Ulstermühle in der Rhön, geht es um die Existenz. Zusammen mit dem Ehepaar Haag-Lorenz, Ronald Steinhoff und der Arbeitsgemeinschaft AHW setzt er sich für den Erhalt der Kraftwerke ein. Die Einstellung der Produktion würde das Ende der lokalen ökonomischen, ökologischen und gesellschaftlichen Lieferketten bedeuten. Ein über Jahrzehnte gewachsener struktureller Kreislauf, wie im Fall des Mühlenbetriebes von Ralf Zinn, würde zerstört werden.

Ziel ihres Zusammenschlusses ist es, auf das Thema aufmerksam zu machen und Vorurteile aus der Welt zu schaffen, wie sie sagen – etwa, dass kleine Kraftwerke die Natur schädigen oder Massen an Steuergeld verbrauchen würden. Kleine Anlagen benötigten die Investitionssicherheit des EEG-Fördermechanismus aber, um Modernisierungen wie den Bau von Fischwegen vornehmen zu können.

Steinhoff sieht im EEG-Gesetzesentwurf eine Diskriminierung von Wasserkraft. „Anstatt Wasser zurückzuhalten, Grundwasserstände zu stabilisieren, Hochwasserschutz zu erhalten und die Produktion von stetigem Strom aus Wasserkraft zu unterstützen, werden tausendfach Wehre und Wasserkraftanlagen kurz- und mittelfristig rückgebaut.“ Wozu die Entfernung von Querbauten in Flüssen beitragen könne, habe man bei der Flutkatastrophe im Ahrtal gesehen, meint Conny Haag-Lorenz.

Diskussion um Auswirkungen auf die Natur

Auf Nachfrage unserer Zeitung wirft das Bundesumweltministerium den kleinen Wasserkraftwerken vor, für verfehlte Ziele beim Fischschutz und der Gewässerökologie verantwortlich zu sein.

So würden sie die Fließgeschwindigkeit verringern und eine Gefahr für Wanderfischarten darstellen, da viele Anlagen nicht ausreichend technische Lösungen beim Fischschutz bereitstellen würden. Die EEG-Förderung soll daher an härtere Auflagen gekoppelt werden.

Verärgert darüber zeigt sich Dr. Ronald Steinhoff, stellvertretender Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft hessischer Wasserkraftwerke. Er sagt: „In Deutschland haben wir 225.000 Wanderhindernisse in Flüssen. Nur drei Prozent davon stehen mit Wasserkraft in Zusammenhang.“

Breit angelegte wissenschaftliche Studien würden hingegen sogar zeigen, dass in kleineren Gewässern Wehre und Mühlgräben in der Kulturlandschaft positive Einflüsse auf den Fischbestand und damit auf die Gewässerökologie haben. Sie bieten den Fischen laut Steinhoff in Extremsituationen durch tiefe Mühlgräben Schutz und dienen der Grundwasserstabilisation.

Das Paradoxe an der Neuregelung: Auflagen wie der Rechen- und Fischschutz sorgen dafür, dass die Wasserkraftanlagen weniger Energie produzieren, als sie technisch könnten – und nun wird die Höhe der Leistung als Kriterium für die Ausschüttung von Fördergeld herangezogen.

Conny Haag-Lorenz hat viel Geld investiert, um zu sauberem Fuldawasser und zum Fischschutz beizutragen. Die Rotenburger Anlage filtert über 90 Prozent natürliches Schwimmgut, aber auch Müll aus der Fulda. Hinzu kommt, dass das Wehr für Fische durchgängig ist und diese über einen Fischaufstieg die Wasserkraftanlage umgehen können und dabei auch das Gefälle des Wehrs überwinden.

Die Kosten von 250.000 Euro für die Fischaufstiegsanlage musste die Betreiberin selbst zahlen.

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