Jubiläumswochenende

Einst waren sie „Wille Säue“: Der SC Lispenhausen feiert 100. Geburtstag

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Nicht nur kicken, sondern auch anpacken ist gefragt, damit ein Dorfklub überleben kann. Das Bild entstand 1991 und zeigt Spieler und weitere Mitglieder beim Arbeitseinsatz auf dem Sportplatz.

Der SC Lispenhausen wird am 19. Juli 100 Jahre alt. Der Fußballverein hat eine bewegte Geschichte.

Seine Geschichte feiert der Verein mit einem Jubiläumswochenende. 

Der Wille-Säu-Club

Die Initiatoren des Clubs waren junge Leute, die sich für das Spiel mit dem Fußball begeisterten. Anfang des 20. Jahrhunderts war allerdings der Turnsport im Amateurbereich absolut vorherrschend – und viele Erwachsene im Ort konnten der neuen Sportart so gar nichts abgewinnen. Sie unterschied sich durch ihr kampfbetontes Spiel doch sehr von der nach strengen Regeln praktizierten Leibesübung der Turner. Die Älteren schimpften über die jungen Fußballer. Es entstand der Name „Wille-Säu-Club“.

Die Hartnäckigkeit

Angetrieben von der Idee, sich auch mit anderen Mannschaften zu messen, wollten die jungen Fußball-Enthusiasten einen Verein gründen. Das Problem: Wie geht das? Keiner der jungen Männer war volljährig. Doch der Fußballsport hatte inzwischen auch einige ältere Mitbürger angelockt. Friedrich Freund wurde ihr Sprecher und dann auch der erste Vorsitzende. Er ging mit Sportkameraden zum Bürgermeister, um die Vereinsgründung in die Wege zu leiten. Anfangs stieß man auf wenig Gegenliebe, doch die Hartnäckigkeit der Fußballer war erfolgreich: Am 19. Juli 1919 wurde in der Gastwirtschaft Dietz der Sportclub Lispenhausen gegründet. In den 20er-Jahren war der Verein auch in der Leichtathletik erfolgreich – die Sparte wurde in den 60-ern noch einmal wiederbelebt.

Wiederaufbau 1945

In den schweren Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde praktisch aus dem Nichts heraus der Wiederaufbau des Vereins begonnen. Viele Vereinsmitglieder waren aus dem Zweiten Weltkrieg nicht wieder zurückgekehrt. Der Spielbetrieb wurde unter großen Mühen wieder aufgenommen. Es kam zum Zusammenschluss mit dem Turnverein, der am 21. Juni 1949 wieder aufgelöst wurde. 1956 gelang erstmals der Aufstieg in die Bezirksliga – durch ein 2:1 gegen Niederaula vor über 1000 Zuschauern.

Besser als Rotenburg

„Die sportliche Bilanz unseres Vereins gleicht einer Wellenlinie – über Jahrzehnte hinweg“, sagt der heutige Vorsitzende Manuel Bachmann. Immer wieder pendelte der SC Lispenhausen in den folgenden Jahrzehnten zwischen der Kreisliga A und der Bezirksliga hin und her.

Kurt Pfau war Spieler beim SCL, als der Verein in den 60er- und 70er-Jahren zahlreiche Trophäen gewann. 

Mit dabei war in den 60er- und 70er-Jahren Kurt Pfau, der es übrigens später als Schiedsrichter bis in die Hessenliga schaffte. „Wir haben zu Hause fast immer vor mindestens 250 Zuschauern gespielt. Das ganze Dorf stand dahinter“, erinnert er sich. Der SCL war dem großen Nachbarn aus Rotenburg lange Zeit deutlich überlegen. Ende der 70er-Jahre gewann man gleich dreimal in Folge den Strandfestpokal. Erst in den 90ern überholte die Stadt den Stadtteil endgültig. Das bis heute letzte große Glanzlicht setzten die Männer 1998 mit der Doppelmeisterschaft beider Seniorenmeisterschaften und dem Aufstieg in die Bezirksliga beziehungsweise die Kreisliga A.

Unglücklicher Abstieg

Aufgrund einer Ligareform stiegen beide Teams allerdings drei Jahre später als Tabellensiebter und Tabellenachter ab. Für Manuel Bachmann war es die erste Saison als Seniorenspieler. „Wir hatten so viele Punkte geholt wie selten zuvor, sind aber trotzdem abgestiegen. Davon hat sich der Verein nie mehr erholt.“ 2009 stieg der SCL schließlich in die Kreisliga B ab.

Die Fusion

Die Zeichen stehen im Amateurfußball wegen rückläufiger Spielerzahlen zunehmend auf Fusion – 2012 war es auch in Lispenhausen soweit. Die Jugend trat der Spielgemeinschaft von Rotenburg und Braach bei, ein Jahr später folgte auch im Seniorenbereich der Zusammenschluss mit Rotenburg. Ähnlich wie drei Jahrzehnte zuvor der Frauenfußball war auch dieser Schritt vielen Mitgliedern nur schwer zu vermitteln – und zunächst bestand die Erste Mannschaft der Spielvereinigung fast ausschließlich aus Rotenburgern.

„Eine Spielgemeinschaft braucht Zeit, um sich zu entwickeln. Wir hatten damals eine total überalterte Mannschaft und haben in der B-Liga gegen den Abstieg gespielt. Da mussten wir Geduld einfordern. Dank unserer guten Jugendarbeit haben sich die Verhältnisse mittlerweile angeglichen“, sagt Bachmann. Mittlerweile fühlten sich die Spieler beider Vereine auf beiden Sportplätzen wohl.

Das Engagement

Ein Dorfverein wie der SC Lispenhausen funktioniert nur mit großem ehrenamtlichen Engagement. Das betont Jonas Rudolph, der Vorsitzende des Festausschusses zum Jubiläum. Dazu gehörte zum Beispiel der Bau des neuen Sporthauses Anfang der 90er-Jahre (der Grund unter dem alten war nicht mehr tragfähig) und im vergangenen Jahr der Anbau ans Sporthaus. An beidem waren die Mitglieder mit tausenden von freiwilligen Arbeitsstunden beteiligt. Und nicht zuletzt gilt das natürlich auch für das morgen beginnende Jubiläumswochenende.

Bastion des Frauenfußballs

Frauenfußball ist im Landkreis Hersfeld-Rotenburg untrennbar mit dem SC Lispenhausen verknüpft – auch derzeit ist der SCL trotz des Abstiegs aus der Verbandsliga in die Gruppenliga das Maß aller Dinge. In Lispenhausen wurde schon ab 1982 Frauenfußball gespielt – noch bevor die Nationalmannschaft ihr erstes Spiel bestritten hatte. „Gerade die Älteren waren damals ziemlich skeptisch. Aber das hat sich mit dem sportlichen Erfolg gelegt“, erinnert sich SCL-Urgestein Kurt Pfau. 

Ein echter Glücksgriff für den Verein war Trainer Michael Jentsch, der 1987 übernahm und das Team 1992 in die Landesliga und 1995 bis in die Hessenliga führte. Zum 5:1-Sieg im Aufstiegsspiel gegen die TSG Frankfurt kamen 350 Zuschauer. Jentsch trainierte nicht nur seine Frau und seine Schwiegermutter, sondern war parallel auch noch Spieler bei den Männern. Der Vorsitzende Bachmann sagt: „Damals kamen Spielerinnen aus der ganzen Region zu uns. Im Landkreis gab es lange Zeit überhaupt keine Gegner. Die Hessenliga war dann nur dank der Unterstützung von Sponsoren zu stemmen, weil man fast überall mit dem Bus hinfahren musste.“ Die 90er-Jahre waren die Hochzeit des Lispenhäuser Frauenfußballs. 

Schicke junge Frauen, die auch auf dem Fußballplatz eine gute Figur machen: Die B-Jugend der Saison 2010/11 war das bis heute letzte Team des SCL, das bis in die Hessenliga aufstieg. 

Zum letzten Mal auf Hessenebene spielte der Verein von 2011 bis 2013 mit der B-Jugend. Deren Spiele gegen namhafte Gegner wie Hessen Kassel, FFC Frankfurt und Eintracht Frankfurt wurden zu wahren Events und waren nicht selten besser besucht als die der Männer. 2012 gelang der souveräne Klassenerhalt, 2013 folgte der Abstieg

Das Jubiläumswochenende

Freitag, 19.19 Uhr: Festkommers. Neben Ansprachen von Gästen aus Sport und Politik gibt es eine Gesprächsrunde rund um den Jubiläumsverein. Außerdem Ehrungen. 

Samstag, ab 11 Uhr: Familientag „Rund um den Fußball“ mit Spielstationen für Kinder. Ab 15 Uhr: „11er-Cup“ – ein Elfmeter-Wettbewerb für Mannschaften im Turniermodus. Mitmachen kann jede Gruppe mit beliebig vielen Schützen und einem Torwart. Ab 19.19 Uhr Hawaii-Fest mit DJ. 

Sonntag, ab 10.30 Uhr: Frühschoppen mit Musik und Programm. Ab 13 Uhr empfängt das Frauen-Team den KSV Hessen Kassel. Ab 15 Uhr sollen die Herren spielen – ob es ein Freundschaftsspiel wird oder doch ein Kreispokalspiel, hängt von der Auslosung ab, die zu Redaktionsschluss noch nicht beendet war.

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