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Schausteller Kaiser kommt seit der Kindheit zum Rotenburger Strandfest

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Von: Christopher Ziermann

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Ein reisendes Volk, das in Rotenburg eine zweite Heimat gefunden hat: Otto Kaiser (rechts mit Enkeltochter Rose) ist seit seiner Kindheit Stammgast auf dem Strandfest. Unser Foto zeigt ihn vor dem Crêpes-Stand auf dem Festplatz mit (von links) Ehefrau Claudia, Enkeltochter Destiny, Schwiegertochter Virginia und Sohn Jason.
Ein reisendes Volk, das in Rotenburg eine zweite Heimat gefunden hat: Otto Kaiser (rechts mit Enkeltochter Rose) ist seit seiner Kindheit Stammgast auf dem Strandfest. Unser Foto zeigt ihn vor dem Crêpes-Stand auf dem Festplatz mit (von links) Ehefrau Claudia, Enkeltochter Destiny, Schwiegertochter Virginia und Sohn Jason. © Christopher Ziermann

Die Schausteller-Familie Kaiser ist ein absolutes Strandfest-Unikat. Niemand steht so sehr für den Festplatz gegenüber vom Rotenburger Campingplatz wie Otto Kaiser.

Rotenburg – Der 61-Jährige ist schon seit vielen Jahren das Bindeglied zwischen Stadt und Schaustellern. Auf rund 30 Volksfesten pro Jahr bieten Kaisers ihre Crêpes an. Doch nirgendwo sonst fühlt sich die Familie so heimisch wie in der Fuldastadt. Wir haben mit Otto Kaiser gesprochen.

Herr Kaiser, was macht Rotenburg und das Strandfest so besonders für Sie?

Das ist die Umgebung und das sind die Leute hier. Wir sind in Rotenburg schon immer sehr herzlich und mit offenen Armen empfangen worden. Das ist nicht überall so. Und es sind viele Erinnerungen. Ich bin hier vor 50 Jahren selbst zur Schule gegangen – heute habe ich meine Enkeltochter dort abgeholt. Rotenburg ist unsere zweite Heimat. Hier verbringen wir drei Wochen im Jahr, seitdem kleinere Veranstaltungen weggebrochen sind, die vorher zu unserem Reiseplan gehört haben. So lange wie hier sind wir sonst nirgendwo. Das ginge finanziell auch gar nicht. Rotenburg ist gerade unser Basislager. Vor dem Strandfest verkaufen wir im Umkreis von 50 Kilometern unsere Crêpes, wo es sich gerade anbietet.

Was ist Ihre schönste Erinnerung an Rotenburg?

Das war die Taufe meiner Enkeltochter Destiny. Die haben wir eine Woche vor dem Strandfest hier im Zelt mit 150 Leuten gefeiert. Von schönen Erinnerungen könnte ich aber stundenlang erzählen. Rotenburg hat ein tolles Flair, das Strandfest ist immer ein attraktives Fest. Was für uns auch ein Grund dafür ist, dass wir hier so heimisch sind: Wir fühlen uns hier sehr sicher. Man muss sich nachts keine Sorgen um seine Ausrüstung machen. Auch das ist nicht selbstverständlich bei einem Volksfest, wo ja auch viel Alkohol fließt.

Gab es auch ein besonders schlimmes Erlebnis?

Das ist lange her, in meiner Jugendzeit. Da war nach einem Starkregen der gesamte Festplatz überschwemmt. Man konnte Schlauchboot fahren, die Ponys meiner Eltern standen im Wasser. Der Strom musste abgestellt werden – danach wurden die Stromkästen auf Sockel gestellt. Das Fuldawehr wurde dann geöffnet und das Wasser ist Gott sei Dank schnell wieder abgeflossen, sodass es nach einigen Stunden weitergehen konnte.

Schon Ihre Eltern waren Stammgäste auf dem Strandfest. Lebt ihre gesamte Familie das Schaustellerleben?

Mein Opa hatte einen Zirkus. Mein Vater ist dann mit meiner Mutter gemeinsam in die Schaustellerbranche gewechselt – mit Ponyreiten. Das machen die beiden heute noch. Alle meine acht Brüder sind genauso wie ich auch heute noch als Schausteller unterwegs. Das gilt auch für meinen Sohn und meine Schwiegertochter. Nur meine Tochter hat sich während der Corona-Zeit niedergelassen. Sie kommt ab und zu noch am Wochenende und unterstützt uns. Natürlich auch jetzt zum Strandfest.

Haben Sie schon immer Crêpes gemacht?

Nicht ganz. Mit 18 Jahren habe ich erst mal mit einem Schießwagen angefangen. Davon gab es aber sehr viele. Crêpes waren noch nicht so weit verbreitet. Deswegen habe ich mich mit 19 Jahren dann darauf spezialisiert.

Wie sind Sie zu Ihrem inoffiziellen Amt als Festplatz-Chef gekommen?

Schon mein Vater hat immer darauf geachtet, dass auch vernünftige Karussells da sind. Davon profitieren wir ja alle. Als Birgit Utermöhlen in der Stadtverwaltung mit der Organisation des Strandfestes so ein bisschen ins kalte Wasser geworfen wurde, habe ich ihr gesagt, dass ich helfe. Damit sie sich auf die Arbeit im Rathaus konzentrieren kann. Ich messe zum Beispiel die Stellplätze aus und teile sie zu. Die Vorbereitung beginnt aber natürlich schon im Winter. Wenn mal ein Fahrgeschäft fehlt, kümmere ich mich mit meinen Kontakten um Ersatz. Dieses Jahr kommt zum Beispiel die Berg- und Talbahn aus Lippstadt nicht – die machen seit Corona keine so weiten Touren mehr. Dafür kommt die Familie Scheele aus Kassel.

Wie sieht der Winter eines Schaustellers aus?

Unsere Saison geht von März bis Oktober. Dann kommt der Weihnachtsmarkt in Düsseldorf. Danach werden Bewerbungen geschrieben für die Veranstaltungen im neuen Jahr und wir fahren zu Vorbesprechungen an die jeweiligen Orte. Weiter geht’s zum Beispiel mit Renovierungen am Wagen und TÜV-Überprüfungen. Wenn dann noch Zeit ist, machen wir gerne Städtetrips. Wir kommen natürlich sowieso schon viel rum – aber da hat man dann mal etwas Ruhe und muss nicht arbeiten.

Die vergangenen beiden Jahre war plötzlich alles anders. Wie ist das, wenn man über 50 Jahre seines Lebens unterwegs ist und das dann nicht mehr machen kann?

Das war psychisch schwer. Wir sind ein reisendes Volk. Wenn im Frühling die ersten Sonnenstrahlen kommen, dann rollen die Räder. Dann hatten wir plötzlich praktisch Berufsverbot. Wir haben uns als Quereinsteiger Jobs gesucht: Ich habe im Gartenbau gearbeitet – Rasen gemäht, Hecken geschnitten. Meine Schwiegertochter hat Regale eingeräumt, mein Sohn hat Pakete ausgefahren, meine Frau hat sich um die Kinder gekümmert. Im vergangenen Jahr gab es dann ja auch wieder einige Veranstaltungen, allerdings mit hohen Auflagen. Da konnte man gerade so die Kosten decken. Wir haben die Zeit überstanden, weil wir Rücklagen hatten. Von denen, die zum Beispiel eine Pfeilwurfbude haben und eher von der Hand in den Mund leben – da sind viele auf der Strecke geblieben, die jetzt Stellen haben, wo sie ähnlich verdienen, aber weniger Stress haben. Für mich und meine Familie war es wie Weihnachten und Ostern zusammen, als feststand, dass es dieses Jahr wieder richtig losgeht.

Wie viele Crêpes essen Sie selbst an einem Tag, wenn der Festplatz geöffnet hat?

Zwei oder drei. Einen mit Nutella tagsüber und abends einen Herzhaften. Zum Kochen bleibt uns da ja keine Zeit.

Wie oft werden Sie an einem Strandfest-Tag von den Gästen erkannt?

Mindestens 100 Mal. Ich bin Frühaufsteher und mache gegen 6 Uhr meine erste Runde über den Festplatz. Da werde ich schon von den ersten Radfahrern gegrüßt. Das ist auch beim Bierchen auf dem Campingplatz oder beim Eisessen in der Stadt so. Als wir mit unseren Wagen vor zwei Wochen angekommen sind, haben uns schon auf der Straße die ersten Leute gewinkt. Das ist sehr, sehr herzlich. Wie zu Hause eben. (Christopher Ziermann)

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