Montagsinterview mit Holger Reichenauer

Dehoga-Chef von Waldhessen: Nicht alle Gaststätten werden überleben

Dehoga-Chef Holger Reichenauer mit Corona-Schnelltest in der Hand und Desinfektions-Station rechts neben ihm – zwei Dingen, die die Gastronomie auch in diesem Jahr weiter prägen werden.
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Dehoga-Chef Holger Reichenauer mit Corona-Schnelltest in der Hand und Desinfektions-Station rechts neben ihm – zwei Dingen, die die Gastronomie auch in diesem Jahr weiter prägen werden.

Nach sieben Monaten Zwangspause ist die Gastronomie nun seit vier Wochen endlich wieder geöffnet.

Hersfeld-Rotenburg – Wir haben mit dem Vorsitzenden des Dehoga-Kreisverbandes Waldhessen, Holger Reichenauer, gesprochen.

Herr Reichenauer, wie hat die Gastronomie diese lange Durststrecke verdaut und wie reagieren die Wirte auf die erlösenden Lockerungen?
Mit großer Freude und Erleichterung, dass wir jetzt endlich wieder loslegen dürfen – allerdings auch diesmal leider nur mit angezogener Handbremse. Die Euphorie ist – anders als beim Start nach dem ersten Lockdown im Mai 2020 – diesmal deutlich verhaltener.
Warum ist das so?
Die siebenmonatige Zwangsschließung ist sowohl seelisch als natürlich auch wirtschaftlich an den Gastronomen nicht spurlos vorbeigegangen.
Ist denn schon absehbar, wie viele Betriebe schließen müssen, weil sie es wirtschaftlich nicht geschafft haben?
Wie viele in unserem Landkreis tatsächlich von Insolvenz betroffen sein werden, wird sich erst zeigen, wenn die wirtschaftlichen Hilfen eingestellt werden. Es werden leider nicht alle unsere Mitgliedsbetriebe überleben – und das trotz der Überbrückungshilfen der Bundesregierung, die es zwar gab, aber die durch den hohen bürokratischen Aufwand oft nur sehr verzögert bei den Betrieben angekommen sind. Wenn es aus Sicht der Gastronomie überhaupt etwas Positives an der Pandemie gibt, dann ist es die nun höhere Wertschätzung für unsere Branche. Viele haben dadurch gemerkt, was fehlt, wenn es kein Gastgewerbe gibt.
Im Landkreis setzen viele zur Kontakterfassung jetzt auf die Luca-App – wie läuft es mit der digitalen Registrierung per Smartphone?
Das ist eine willkommene Erleichterung für uns Gastronomen, weil ein Großteil der im vergangenen Jahr noch nötigen Zettelwirtschaft so wegfällt. Da das Luca-System ja eine direkte Anbindung an das Gesundheitsamt hat, ist nun auch die Nachverfolgung vereinfacht und das gibt uns ein sichereres Gefühl.
Wie gehen die Gäste mit den Corona-Auflagen um – Stichwort Testpflicht?
Teilweise ist es so, dass zum Beispiel in der Hotellerie Gäste aus anderen Bundesländern über die in Hessen geltenden Vorgaben nicht gut informiert sind. Manche sträuben sich und wollen die hessischen Regeln nicht akzeptieren – da müssen wir oft Überzeugungsarbeit leisten. Deswegen plädiert die Dehoga auch für bundeseinheitliche Regelungen, damit für alle das Gleiche gilt. Seitens unserer Mitgliedsbetriebe achten wir sehr streng darauf, dass alle Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden. Die Gastronomie ist kein Pandemietreiber – das zeigt sich spätestens jetzt nach der vierwöchigen Öffnung und immer noch stetig sinkenden Inzidenzzahlen.
Wie wirkt sich die Testpflicht aus?
Einige Betriebe warten wegen der Testpflicht tatsächlich immer noch mit der Wiedereröffnung ab, auch deshalb, weil sie die personalintensiven Testüberprüfungen nicht leisten können.
Hat die Gastronomie ein Personalproblem?
Die Personalsituation ist für die gesamte Branche ein großes Problem. Sehr gute Fachkräfte mussten sich wegen des Endlos-Lockdowns zwangsweise umorientieren. Die fehlen uns jetzt. Das bereitet den Gastronomen neben den seelischen und wirtschaftlichen Sorgen auch noch große Personalprobleme.
Was können die Betriebe tun, um wieder Personal zu bekommen?
Wir haben während der Zwangsschließung die Zeit genutzt und seitens der Dehoga und der IHK hessenweit unsere Auszubildenden bestmöglich auf ihre Prüfungen vorbereitet und sie durch intensive Gespräche immer wieder für die Attraktivität unserer Branche begeistert. Kein anderes Gewerbe bietet so tolle Perspektiven, wie die Gastronomie sie bieten kann. Guten Absolventen steht die ganze Welt offen – sie werden überall gesucht. Und wenn sie mit ihren Auslandserfahrungen zurückkehren, ist das für jeden heimischen Betrieb eine Bereicherung.
Und was ist mit der Bezahlung?
Um Personal zurückzugewinnen, muss sich auch an der Entlohnung etwas ändern. Die zurzeit reduzierte Mehrwertsteuer auf Speisen – befristet bis Dezember 2022 – ist der richtige Ansatzpunkt für die finanzielle Entlastung der Betriebe. Wäre sie dauerhaft angelegt und würde – wie die Dehoga schon seit längerer Zeit fordert – auch auf nicht alkoholische Getränke ausgeweitet, könnte das den Gastronomen den Spielraum verschaffen, an anderer Stelle, wie zum Beispiel beim Personal, investieren zu können.
So langsam kommt die Fußball-EM in Fahrt – hilft die Erlaubnis für Public-Viewing-Übertragungen im Kreis den Gastwirten?
Ein Public Viewing, wie wir es von früheren Turnieren kennen, ist unter den gegebenen Umständen ja gar nicht möglich. Aber es gibt inzwischen schon einige Gaststätten, die ihren Besuchern die Möglichkeit bieten, neben dem Verzehr von Speisen und Getränken auch Fußball zu schauen. Kein Gast, der ein Spiel nicht verpassen will, sollte nach Hause gehen müssen.
Ihr Blick in die Zukunft – wie geht es in Pandemie-Zeiten mit der Gastronomie weiter?
Wir hoffen inständig, dass es zum Herbst hin keine vierte Corona-Welle geben wird und dass der Impffortschritt dies verhindern wird. Noch eine weitere Zwangsschließung wäre der Genickbruch für unsere gesamte Branche. (Peter Gottbehüt)

Zur Person

Holger Reichenauer ist seit 2020 Vorsitzender des Kreisverbandes Waldhessen im Deutschen Hotel- und Gaststättenverband Dehoga. Der 59-Jährige ist verheiratet, hat eine Tochter und einen Sohn und lebt in Rotenburg. Dort ist er als Restaurantleiter und Ausbilder im Posthotel der Göbel-Hotels-Gruppe tätig. Seit 17 Jahren gehört der gebürtige Ruhlaer (Thüringen) auch dem Prüfungsausschuss Gastgewerbe der Industrie- und Handelskammer (IHK) Kassel-Marburg an.

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