Sprache finden, die Menschen berührt

Interview: Pfarrer Carsten Köthe über Pfingsten

Der Pfarrer fürs Land: Carsten Köthe (51) stammt vom Dorf, liebt das Dorfleben und schätzt den Einklang des ländlichen Lebens. Seit 2002 ist er Pfarrer des Kirchspiels Schwarzenhasel. In der Kreissynode befasst er sich mit dem Thema Spiritualität.
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Der Pfarrer fürs Land: Carsten Köthe (51) stammt vom Dorf, liebt das Dorfleben und schätzt den Einklang des ländlichen Lebens. Seit 2002 ist er Pfarrer des Kirchspiels Schwarzenhasel. In der Kreissynode befasst er sich mit dem Thema Spiritualität.

Im Interview spricht Pfarrer Carsten Köthe über Spiritualität und die Bedeutung des Pfingsfestes.

Schwarzenhasel – Das Pfingstfest ist nicht so populär wie Weihnachten oder Ostern, das Wissen um seine Bedeutung ist in jüngeren Generationen kaum vorhanden. Dabei gilt Pfingsten als „Geburtstag“ oder Gründung der Kirche. Das Fest hat mit dem Heiligen Geist zu tun, und damit wird es in einer säkularen Welt schwer verständlich. Wir sprachen mit Pfarrer Carsten Köthe über Spiritualität, sinnliche Gotteserfahrung und darüber, was es mit dem Brausen vom Himmel auf sich hat.

Herr Köthe, Bibeltexte sind für Laien schon eine Herausforderung: Weihnachten geht es um die Geburt eines Kindes durch eine Jungfrau, Ostern um Wiederauferstehung nach dem Tode und nun Pfingsten, über das es in der Apostelgeschichte heißt: „Und als der Pfingsttag gekommen war, waren sie alle beieinander an einem Ort. Und es geschah plötzlich ein Brausen vom Himmel wie von einem gewaltigen Sturm und erfüllte das ganze Haus, in dem sie saßen. Und es erschienen ihnen Zungen, zerteilt und wie von Feuer, und setzten sich auf einen jeden von ihnen, und sie wurden alle erfüllt von dem Heiligen Geist und fingen an zu predigen in andern Sprachen, wie der Geist ihnen zu reden eingab.“ Das kann man wohl auch nicht wörtlich nehmen?
Vermutlich nicht. Aber es geht um eine gemeinsame Gotteserfahrung: Zum jüdischen Fest Schawuot haben sich viele Menschen aus aller Herren Länder getroffen, darunter auch die Jünger Jesu’. Sie fühlten sich in der Gemeinschaft eng verbunden in ihrer Gotteserfahrung, und das befähigte sie, anders zu sprechen und anders zu hören. Es heißt auch, sie haben den Heiligen Geist empfangen, um das Wort Gottes weiterzutragen. Daher gilt Pfingsten als spiritueller Gründungszeitpunkt der Kirche. Pfingsten spricht eigentlich die moderne Zeit an wie kein anderes Fest.
Wie denn das?
Die Menschen sehnen sich nach Gotteserfahrung. Der Wunsch, das Wesentliche zu erfassen, ist übergroß. Damit ist nicht die Bedeutung von Familie und Freunden gemeint, obwohl beides natürlich auch wesentlich ist. Es geht darum, das eigene Leben in einer größeren Wirklichkeit und Tiefe zu erfassen. Und da kommt Gott, der Heilige Geist ins Spiel. Gerade jetzt, in der Pandemie, suchen die Menschen die Begegnung mit ihm – übrigens bevorzugt in der Natur, in der Schöpfung.
Weil man dort Wachsen und Vergehen erlebt? Oder auch Reinheit und Stille?
Das spielt ganz bestimmt eine Rolle. Nicht umsonst sind unsere Klappstuhlgottesdienste in der Natur bei den Menschen so beliebt. Geplant haben wir in unserem Kirchspiel auch spirituelle Spaziergänge, bei denen die Menschen langsam gehen und dabei auf ihre Gedanken achten können. Es geht dabei um Achtsamkeit und Entschleunigung. Die Bibel erzählt immer wieder von Menschen, die sich auf den Weg machen und Gott erfahren. Jesus forderte seine Jünger auf mitzugehen und das hat ihr Leben verändert.
Stille erlebe ich doch auch in der Kirche.
Ja, aber Kirchen sind als spirituelle Räume von vielen nicht mehr akzeptiert. Stille ist in Kirchen vor allem erfahrbar, wenn nicht Gottesdienst gefeiert wird. In der evangelischen Kirche dagegen dominiert das Wort. Und das Wort wird in schlichten Gebäuden von der Kanzel, von oben gepredigt. Das kann gut gelingen und sehr bewegend sein. Anderseits ist das ist sehr verkopft und frontal, und es erreicht viele Menschen nicht mehr. Wir befassen uns ja auch deshalb im Kirchenkreis mit Spiritualität.
Das klingt nach einer schweren Aufgabe.
Eigentlich nicht. Denn die Kirche bietet doch Räume, in denen man Kraft und Dynamik, das Heilige erleben kann. Das kann beim Abendmahl sein, dass kann auch bei einer Predigt sein, die beim Zuhörer – ob so beabsichtigt oder nicht – etwas auslöst, wenn die eigenen Gedanken dazu in Bewegung geraten. Wir müssen Zeiten und Räume in der Kirche schaffen, die es ermöglichen, dass Menschen zu sich selbst kommen und ihren Glauben erleben. Wir haben zum Beispiel gute Erfahrungen mit dem Männerabendmahl gemacht. Man trifft sich in der Kirche, tatsächlich bei einem Bier und ahler Wurscht, und führt Gespräche zu einem ausgewählten Thema und singt auch gemeinsam. Es ist spannend, Männern einen Raum für ihre eigene Spiritualität zu geben.
Sind sie denn so anders darin als Frauen?
Ja. Männer haben eine andere Sprache für ihren Glauben und ihre Gefühle. Sprache ist überhaupt wichtig. Und da sind wir wieder bei Pfingsten. Wir müssen erneut lernen, eine Sprache zu sprechen, die moderne Menschen berührt. Wir sind da zwar schon auf dem Weg. Aber es gibt noch viel Luft nach oben.
Ist Spiritualität gleich zusetzen mit Religiosität?
Im Wort Spiritualität steckt das Wort Geist und ein tieferes Erleben der Wirklichkeit jenseits der Oberfläche. Man spricht von Transzendenzerfahrung. Das beginnt schon beim Gebet, wo man sich in der eigenen Begrenztheit Gottes Kraft zuwendet. Das Erleben des Göttlichen kann an vielen Orten geschehen. Man kann es nicht selbst machen. Über Gott können wir nicht verfügen. Eigentlich geht es darum, sich berühren zu lassen. Gott ist schon da. Das Erleben des Göttlichen kann an vielen Orten geschehen.
Dann kann also auch Bäume umarmen eine Art religiöser Akt sein?
Zumindest ein spiritueller Akt. Das Wunder in der Schöpfung spüren. Mit allen Sinnen.

Zur Person

Carsten Köthe (51) stammt aus dem Morschener Ortsteil Konnefeld. Er hat in Marburg und Kiel Theologie studiert. Seit 2002 ist er Pfarrer im Kirchspiel Schwarzenhasel, also zuständig für die Gemeinden Schwarzenhasel, Erkshausen, Seifertshausen und Dankerode. Carsten Köthe ist einer von drei Umweltbeauftragten des Kirchenkreises Hersfeld-Rotenburg. Außerdem leitet er den neuen Arbeitskreis Spiritualität, der cornonabedingt allerdings noch nicht getagt hat. Der Pfarrer ist verheiratet und hat mit seiner Frau zwei Söhne. Die Familie lebt im Pfarrhaus Schwarzenhasel. sis

Interview: Silke Schäfer-Marg

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