Start in ein neues Leben

Drogenhilfe Nordhessen hilft Menschen in Wohngemeinschaften in Rotenburg

Sie helfen Menschen nach einer Therapie in ein anderes Leben: Die Mitarbeiter der Drogenhilfe Nordhessen, die in Rotenburg mehrere Wohngemeinschaften unterstützen. Das Bild zeigt von links Sozialarbeiterin Nevine Schack, Sozialpädagoge Alexander Ochse und Psychologin Monica Escudero.
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Sie helfen Menschen nach einer Therapie in ein anderes Leben: Die Mitarbeiter der Drogenhilfe Nordhessen, die in Rotenburg mehrere Wohngemeinschaften unterstützen. Das Bild zeigt von links Sozialarbeiterin Nevine Schack, Sozialpädagoge Alexander Ochse und Psychologin Monica Escudero.

„Weg zu gehen aus der alten Umgebung, dem früheren Milieu, ist das A und O für ein neues Leben“, sagt Sozialpädagoge Alexander Ochse.

Rotenburg – Mit 12 hat er angefangen zu kiffen, mit 16 nahm er Crystal Meth. Jetzt, mit Ende 30, ist Björn (Name von der Redaktion geändert) dabei, in Rotenburg ein neues Leben ohne Drogen zu beginnen. Hier lebt er in einer der vier Wohngemeinschaften, die die Drogenhilfe Nordhessen in der Stadt betreibt.

In der Wohngemeinschaft, in der Abhängige nach einer Therapie begleitet in ein anderes Leben wachsen können, fühlt sich Björn wohl. Er hofft, bald Arbeit zu finden und hat in einem Rotenburger Verein stabile Beziehungen geknüpft. Dort weiß man, dass er ein Leben mit Drogen und Alkohol hinter sich hat und wieder Fuß fassen will. „Ich habe hier so etwas wie eine neue Familie gefunden“, sagt Björn.

Soweit ist Thomas noch nicht. „Ich wache gerade erst wieder auf“, sagt er. „Ich lerne, Menschen wieder zu vertrauen und sie an mich heranzulassen. Die Welt der Drogen ist eine ganz andere.“ Auch der 44-Jährige hat eine jahrzehntelange Drogenkarriere hinter sich. Den einen entscheidenden Moment, an dem er dieser anderen Welt den Rücken gekehrt hat, beschreibt er nicht näher. „Man weiß eigentlich immer, dass die Drogen nicht guttun.“ Thomas lebt in einer anderen Wohngemeinschaft als Björn. Er wirkt zurückhaltender, ist aber ebenfalls sehr zufrieden mit dem Leben in dieser Stadt. Hier ist mir noch niemand blöd gekommen“, sagt er.

Beide kommen nicht aus der Region. Für Sozialpädagogen Alexander Ochse ist das essenziell: „Weg zu gehen aus der alten Umgebung, dem früheren Milieu, ist das A und O für ein neues Leben.“ Psychologin Monica Escudero ergänzt: „Bestimmte Orte können Abhängige triggern, sie machen sie unruhig.“

Noch vor etwa zehn Jahren kamen die Suchtkranken nach der Therapie nach Hause. Alexander Ochse spricht von vielen „Drehtürpatienten“, die sich dadurch entwickelt hätten. Sie wurden aus der Therapie entlassen und mussten schon nach kurzer Zeit erneut behandelt werden. Damals gab es auch nur wenige Plätze für betreutes Wohnen. „Man muss bedenken, dass die Therapie für die Betroffenen ein sehr geschützter Rahmen ist, eine Art Käseglocke“, erklärt Sozialpädagoge Ochse. Das betreute Wohnen ermögliche einen besseren Übergang in einen neuen Alltag.

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Drogenhilfe Nordhessen betreuen weitere Suchtkranke in Wohngemeinschaften zum Beispiel im Schwalm-Eder-Kreis. Das geschieht in Gesprächen und ganz praktisch, zum Beispiel durch Unterstützung im Dschungel der Bürokratie: „Wir vermitteln Termine bei der Schuldnerberatung oder bei Bewährungshelfern, beim Fallmanager in der Arbeitsverwaltung – je nach dem, was benötigt wird.“

Für die Bewohner bedeutet es eine große Entlastung, wenn ihnen dieser „Papierkram“ zunächst abgenommen wird und sie sich erst langsam damit befassen müssen. Inzwischen hat sich auch im Landkreis ein gutes Netzwerk für die Bewohner entwickelt. „Die Fallmanager hier sind Gold wert“, sagt Ochse. „Sie haben Verständnis für unsere Bewohner und warten, bis die stabil genug sind für die Arbeitswelt.“ Wer aus der Suchtklinik nach einer erfolgreichen Therapie entlassen wird, gilt offiziell als voll arbeitsfähig. „Aber die Realität sieht anders aus“, weiß Alexander Ochse.

Jeder Bewohner hat seinen Bezugsbetreuer. Einmal wöchentlich gibt es Gruppengespräche, dazu noch Einzelgespräche. „Die Sucht ist ja nicht weg mit der Therapie“, weiß Thomas. „Wenn ich Druck habe, bekomme ich Unterstützung und kann reden“, fasst er das Angebot zusammen.

Die Bewohner sind in der Regel zwischen Mitte 20 und Mitte 50 Jahre alt und zum größten Teil männlich, erklärt Alexander Ochse. „Frauen haben eher versteckte Abhängigkeiten wie etwa die von Medikamenten“, sagt Psychologin Monica Escudera. Sie seien seltener in den Wohngemeinschaften anzutreffen. Hunderte von Menschen sind in den vergangenen zehn Jahren durch die Drogenhilfe Nordhessen in Wohngemeinschaften betreut worden. Viele haben ihre Chance genutzt.

Hilfe in Wohnungen und zu Hause

Der Verein Drogenhilfe Nordhessen, Mitglied der Diakonie Hessen, kümmert sich um suchtgefährdete und suchtmittelabhängige Menschen und betreibt dazu mehr als 30 Einrichtungen an 20 Standorten – im Kreis Hersfeld-Rotenburg gibt es allerdings nur in Rotenburg Wohngemeinschaften. Es gibt vier Wohnungen für bis zu drei Bewohner und ein Ein-Zimmer-Appartement. Unterstützt werden bei Bedarf auch Menschen, die mittlerweile eigenständig leben. Außerdem ist die Drogenhilfe in Rotenburg auch Standort für Sozialraumorientierte Suchthilfe (SoS). Das heißt, Mitarbeiter suchen gefährdete und abhängige Menschen von hier aus auch zu Hause auf, um ihnen langwierige Reisen zu Fachleuten in Oberzentren zu ersparen und schnell erreichbar zu sein. Die Stadt Rotenburg unterstützt den Standort am Obertor 1 finanziell und sichert so den Fortbestand.

Von Silke Schäfer-Marg

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