Sie legt die Fernbedienung zur Seite

Ursula Klein hat 30 Jahre lang die Glocken in Süß geläutet

+
Eine treue Seele verabschiedet sich: Die neue Funkfernbedienung für die Glocken wird Ursula Klein, Mitte, abgeben. Den Schlüssel für die evangelische Kirche will sie behalten. Auf dem Foto ist die 77-Jährige mit ihrer Tochter Sigrid Fischer und Pfarrer Janosz König zu sehen.

Süß. Früher winkte Ursula Klein noch mit einem Taschentuch, um das Zeichen zu geben. Später nutzte sie eine Funkfernbedienung. Jetzt übernimmt eine elektronischen Funkschaltuhr ihre Aufgaben.

Auf dem Friedhof in Süß macht sich die Trauergemeinde auf den Weg zum Grab. Ursula Klein stellt sich etwas abseits hin, holt ein weißes Taschentuch aus dem Mantel und winkt damit. Unter der Linde vor der Kirche steht ihr Mann Heinrich. Er wartet auf das Zeichen, schiebt die Hebel der Automatik um, und die vier Glocken der evangelischen Kirche in Süß lassen ihr Weggeläut erklingen.

Als Heinrich Klein und seine Frau Ursula vor über 30 Jahren die Aufgabe des Glockenläutens übernahmen, gehörten solche Szenen noch zum „Arbeitsalltag“. Heinrich Klein ist längst gestorben, seine Frau führt die Aufgabe weiter. Doch zum Jahresende soll nun Schluss sein. „Die Aufgabe hat mir Spaß gemacht“, erzählt die 77-Jährige, die seit 50 Jahren in Süß wohnt und in Berneburg geboren wurde. Doch gesundheitliche Probleme zwingen sie zum Aufhören.

Start vom Bett aus

Die Zeiten, in denen Kirchenglocken noch mit Stricken geläutet wurden, waren zu Ursula Kleins Amtszeiten schon vorbei. Ein Walkie-Talkie löste das Taschentuch als Zeichen ab. Seit zwei Jahren hat die Gemeinde eine Funkfernbedienung für die Glocken, die auch bei Beerdigungen vom Friedhof aus genutzt werden kann. „Zuletzt habe ich die Glocken am Sonntagmorgen um 8 Uhr auch mal mit der Fernbedienung vom Bett aus angeschaltet. Und dann erst bin ich aufgestanden“, erzählt Ursula Klein.

In der Woche übernahm die Glocken-Automatik das Läuten – um 6.45 Uhr, 11 Uhr und 18 Uhr. Bei Beerdigungen und Hochzeiten musste sich Ursula Klein auch in der Woche auf den Weg machen. Jeden Samstagnachmittag dann schaltete sie die Automatik in der Kirche ab. Für das Einläuten des Sonntags am Samstagabend und Sonntagmorgen sowie das Läuten zum Gottesdienst ging sie bei Wind und Wetter hinüber zur Kirche und startete das Läuten manuell. In all den Jahren fiel Ursula Klein nur selten aus. „Urlaub kenne ich nicht“, erzählt sie. Wenn sie mal im Krankenhaus lag oder anderweitig verhindert war, sprang ihre Familie ein mit Kindern und Enkelkindern. Waren auch die nicht greifbar, halfen Nachbarn aus.

Telefon stand nicht still

„Ich habe das Läuten immer mit der kleinen Glocke begonnen. Es ist vom Klangbild her schöner, wenn es sich steigert“, sagt die 77-Jährige. In all den Jahren läuteten die Glocken pünktlich, nur selten mit kleiner Verspätung.

„Das ist eine große Verantwortung“, sagt Pfarrer Janosz König. Und schmunzelnd fügt er hinzu. „Das Dorf verzeiht einem nicht, wenn da mal was schiefgeht.“ Fiel mal eine Glocke aus, zum Beispiel weil der Motor defekt war, stand bei Kleins das Telefon nicht still. Für die Süßer ist das Glockenläuten immer noch ein wichtiger Teil des Dorflebens.

Ursula Klein erhielt 250 Euro pro Jahr als kleine Aufwandsentschädigung. „Ihr ehrenamtlicher Einsatz war für uns unbezahlbar. So etwas kann man heute von keinem mehr erwarten“, sagt König.

„Wir üben noch“

Ursula Kleins Aufgabe wird in Zukunft eine elektronische Funkschaltuhr übernehmen. Sie könnte man bei Bedarf für ein ganzes Jahr programmieren. „Die neue Technik funktioniert jedoch noch nicht so zuverlässig wie Frau Klein. Wir üben noch“, erzählt Pfarrer König.

Von ihrem Küchenfenster aus hat Ursula Klein die schöne Kirche gut im Blick. Und wenn mal wieder jemand im Turm das Licht brennen lässt, kann sie auch in Zukunft ein Enkelkind schicken, um es auszuschalten. Denn den Schlüssel für die Kirchentür wird sie nicht abgeben – auf keinen Fall.

Schlagworte zu diesem Artikel

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.