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Vize-Landrat Dirk Noll ist 100 Tage im Amt: „Haben Krise bislang gut gemeistert“

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Von: Sebastian Schaffner

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Kam in den vergangenen Wochen kaum dazu, sich in Ruhe in seinem neuen Büro im Landratsamt einzuleben: Dirk Noll, der seit Januar Erster Kreisbeigeordneter ist. Immerhin: Den letzten Umzugskarton hat der 1.-FC-Kaiserslautern-Fan inzwischen ausgepackt.
Kam in den vergangenen Wochen kaum dazu, sich in Ruhe in seinem neuen Büro im Landratsamt einzuleben: Dirk Noll, der seit Januar Erster Kreisbeigeordneter ist. Immerhin: Den letzten Umzugskarton hat der 1.-FC-Kaiserslautern-Fan inzwischen ausgepackt. © Sebastian Schaffner

Seit 100 Tagen ist Dirk Noll jetzt Erster Kreisbeigeordneter des Kreises Hersfeld-Rotenburg - mit dem Ende der Schonfrist wird es Zeit für eine erste Bilanz.

Hersfeld-Rotenburg – Im Interview spricht der 51-jährige Vize-Landrat über die Klinikdebatte, Excel-Tabellen vom Ministerium, „Leichen“ im Keller und die Arbeitsteilung mit Landrat Torsten Warnecke.

Herr Noll, von einem auf den anderen Tag hatten Sie plötzlich mehr Verantwortung, dazu Corona und die Herausforderung, all den Kriegsflüchtlingen aus der Ukraine zu helfen. Waren das die 100 stressigsten Tage Ihres Arbeitslebens?

Nein, nein, das nicht. Aber es war schon ein ganz ansprechender Anfang.

Wie viele Stunden arbeiten Sie in der Woche?

Da hat sich bisher gar nicht viel geändert zu meiner Zeit als Bürgermeister. Ich starte morgens gegen acht Uhr und gehe in aller Regel gegen 19 Uhr, wenn nicht noch eine Sitzung oder ein anderer Abendtermin ansteht.

Sind Sie schon auf eine sprichwörtliche „Leiche“ gestoßen, die Ihre Vorgängerin Ihnen im Keller hinterlassen hat?

Nein, nein (lacht). Nach Leichen im Keller suche ich hier gar nicht erst. Ich glaube allerdings auch nicht, dass ich da etwas finden würde.

Da Erster Kreisbeigeordneter kein Ausbildungsberuf ist: Was machen Sie eigentlich, wenn Sie mal nicht weiterwissen? Elke Künholz anrufen?

Nein. Frau Künholz habe ich direkt noch nicht angerufen. Aber wir laufen uns hin und wieder über den Weg, weil sie ja noch in dem einen oder anderen Gremium vertreten ist. Natürlich tauschen wir uns dann aus. Davon abgesehen habe ich hier eine klasse Mannschaft, wo ich selbstverständlich bei bestimmten Themen fragen kann – auch wenn manche Mitarbeiter erst mal einen Schrecken bekommen, wenn der Erste Kreisbeigeordnete direkt anruft.

Als Sie zum Jahreswechsel aus der Friedewalder Gemeindeverwaltung ins Landratsamt gezogen sind, war’s in Osteuropa noch friedlicher. Jetzt kommen Woche für Woche Flüchtlinge in die Region. Ist der Landkreis dieser Herausforderung gewachsen?

Ja, das glaube ich schon. Wir haben Erfahrungen aus der Flüchtlingskrise 2015/2016 gesammelt und können auch auf die Erfahrungen der Corona-Pandemie, die ja auch ein Krisenereignis war und noch ist, zurückgreifen. Alles in allem glaube ich, haben wir die aktuelle Herausforderung der Flüchtlingskrise, auch dank der riesigen Solidarität aus der Bevölkerung, gut gemeistert.

Wo hakt’s?

Wenn es irgendwo hakt, dann fehlt meist etwas. Das sind in dem Fall klare Vorgaben von Land und Bund. Informationen und Entscheidungen, die wir bräuchten, fließen meines Erachtens manchmal noch nicht schnell genug.

Zum Beispiel?

Für unsere Ausländerbehörde haben wir eine Excel-Tabelle bekommen, auf der alle bei uns aufgenommenen Personen manuell eingetragen und am nächsten Tag zum Ministerium zurückgeschickt werden sollten. Das wäre dann die Basis gewesen für die Anrechnung auf unser Kontingent. Da schüttle ich natürlich mit dem Kopf nach fünf, sechs Wochen Flüchtlingskrise.

Was hätten Sie sich stattdessen gewünscht?

Ein fertiges EDV-Programm, das dafür sorgt, dass gleich alle dort sind, wo sie hingehören.

Ein Blick aufs Organigramm auf der Landkreis-Homepage deutet darauf hin, dass Landrat Torsten Warnecke und Sie sich inzwischen einig sind, wer für welche Fachbereiche zuständig ist...

Unsere Homepage ist immer aktuell, deshalb stimmt natürlich das, was Sie da gelesen haben.

Sie kümmern sich also um die Fachbereiche Arbeit und Migration sowie Jugend, Soziales und Senioren und die Volkshochschule. Warum ausgerechnet um diese Fachbereiche? Oder hatten Sie gar keine echte Wahl?

Landrat Warnecke und ich haben ein sehr gutes Miteinander, wir stimmen alles Wichtige ab. So auch hier: Wir haben erst einmal die bisherige Einteilung übernommen und immer gesagt, dass es bei uns keine Schnellschüsse gibt. Wir schauen uns alles in Ruhe an und werden irgendwann möglicherweise noch einmal Entscheidungen treffen.

Inwiefern macht Corona Ihnen im Landratsamt zu schaffen?

Corona macht uns sehr zu schaffen. Die hohen Inzidenzien merken auch wir. Viele Mitarbeiter fallen aus und das zieht sich durch alle Abteilungen.

Hat‘s Sie persönlich schon erwischt?

Nein. Meine Familie schon, ich bin bisher verschont geblieben.

Was machen Sie eigentlich, um nach Feierabend runterzukommen? Couch, Chips und Fernsehabend? Ein gutes Buch lesen?

Ich muss ehrlich sagen, dass ich nicht so der Buchleser bin. Ich bin eher derjenige, der sich einen dicken Stapel Vereinbarungen, Akten und andere Unterlagen mit nach Hause nimmt. Um runterzukommen, bin ich am liebsten viel draußen unterwegs, jogge regelmäßig. Und damit ich nicht mehr abhängig vom Wetter und vom Tageslicht bin, habe ich mir jetzt ein Laufband zugelegt.

Landrat Warnecke zaubert bei offiziellen Anlässen gern mal eine Stracke aus der Sakkotasche. Was haben Sie in Ihrer Innentasche?

(lacht) In meiner Innentasche steckt immer griffbereit mein Handy. Die Zauberstracke überlasse ich gern Landrat Warnecke. So etwas kann man nicht kopieren.

Als Sie Ende August vom SPD-Unterbezirk nominiert wurden, sagten Sie, dass Sie „die Kluft der beiden Altkreise, die durch die Klinikdebatte größer geworden ist, wieder schließen“ möchten. Wie wollen Sie das anstellen?

Ich glaube schon, dass sich da einiges verbessert hat. Wir haben eine Entscheidung beim ICE-Halt. Ich glaube, das ist gut und wichtig, dass wir wissen, woran wir sind. Die Klinikdiskussion läuft konstruktiv weiter. Es gibt gute Gespräche zwischen Klinikum und Kreiskrankenhaus, um näher zusammenzurücken. Deshalb glaube ich, dass wir auf einem guten Weg sind. Das gilt übrigens auch für die Verwaltung. Wir haben die Außenstelle des Landratsamtes in Rotenburg fest verortet und gut ausgestattet, ähnlich ist es in Bebra – und das soll auch in Zukunft so bleiben. Ohnehin ist es mein Anspruch, immer zu schauen, wie wir Rotenburg, Bebra, aber auch Heringen, als vierte Stadt im Landkreis, stärken können.

Gewählt sind Sie für sechs Jahre. Was wollen Sie bis dahin erreicht haben?

Ich komme aus dem Finanzmetier, deshalb schaue ich besonders darauf, dass unser Landkreis eine solide Finanzierung hat. Das wollen wir alle hier in den kommenden Jahren realisieren. Ich wünsche mir auch, dass wir bis dahin ein gute, funktionierende Kliniklandschaft im Landkreis haben. Und natürlich hoffe ich für mich, dass ich fit und gesund bleibe, um dann noch meine Runden drehen zu können.

Zur Person

Dirk Noll ist seit Januar Erster Kreisbeigeordneter des Kreises Hersfeld-Rotenburg. Aufgewachsen ist der heute 51-Jährige im Wildecker Ortsteil Hönebach. Dort machte er eine Ausbildung zum Verwaltungsfachangestellten bei der Gemeinde, wo er bis 2011 arbeitete, zuletzt als Büroleiter. Nebenher studierte er Betriebswirtschaft an der Wirtschaftsakademie Erfurt und Wirtschaftsrecht an der FH Nordhessen in Kassel. 2011 wechselte er nach Gotha, wo er ein Jahr lang das Amt für Finanzen leitete. Von 2012 bis zur Wahl zum Vize-Landrat war der Sozialdemokrat Bürgermeister in Friedewald. Dirk Noll lebt in Friedewald, ist verheiratet und hat zwei Töchter. Er ist Fußballer (Mittelfeld) und Fan des Drittligisten 1. FC Kaiserslautern. Sein Lieblingsessen: Pizza Frutti di Mare (Meeresfrüchte).

100-Tage-Frist geht auf US-Präsident zurück

Nach 100 Tagen endet traditionell die inoffizielle Schonfrist, die Journalisten, meist aber auch die Opposition, einem neuen Amtsinhaber zugestehen, um sich zu orientieren. Historisch geht diese 100-Tage-Regel auf Franklin D. Roosevelt zurück, der von 1933 bis 1945 US-Präsident war. Er war mitten in einer Weltwirtschaftskrise ins Weiße Haus eingezogen und hatte für sein Reformprogramm um ein 100-tägiges Stillhalteabkommen gebeten, bevor die Presse seinen „New Deal“ bewertet. In Washington wird heute noch zum Ende der Frist ein großes Korrespondenten-Dinner veranstaltet, bei dem sich der Präsident vor der Hauptstadtpresse von einem Comedian humorvoll die Leviten lesen lässt. (Sebastian Schaffner)

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