Unternehmer leiden unter Coronakrise

Wegen Lockdown: Betriebe in Hersfeld-Rotenburg im Ausnahmezustand

Tanzlehrerin Michèle Meckbach nimmt Trainingsvideos für ihre Schüler auf. Die Unterrichtsstunden, die wegen des Corona-Lockdowns ausfallen müssen, werden so gut wie möglich ersetzt.
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Tanzlehrerin Michèle Meckbach nimmt Trainingsvideos für ihre Schüler auf. Die Unterrichtsstunden, die wegen des Corona-Lockdowns ausfallen müssen, werden so gut wie möglich ersetzt.

Viele Geschäfte haben wegen des anhaltenden Corona-Lockdowns noch mindestens zwei weitere Wochen geschlossen. Im Landkreis schauen daher betroffene Branchen besorgt in eine unsichere Zukunft. Denn die staatliche Finanzhilfe reiche an vielen Stellen nicht aus. Für einige Unternehmer wird das Eis daher immer dünner.

Hersfeld-Rotenburg – Das gilt auch für Friseure, bestätigt Peter Fiebig, Obermeister der Friseur-Innung Hersfeld-Rotenburg. „Seit dem 16. Dezember dürfen wir nicht mehr arbeiten. Vom Staat bekommen wir einen Großteil der Fixkosten erstattet und die Mitarbeiter erhalten Kurzarbeitergeld, aber die Unternehmer stehen im Regen.“ Fiebig bezeichnet die aktuelle Situation als wirtschaftliches Desaster. „Wir wünschen uns eine vernünftige Entschädigung für unser Arbeitsverbot.“ Von den 140 Friseuren im Landkreis gehe schon jetzt etwa zehn bis 15 Prozent das Geld aus. „Und wer weiß, wann wir wirklich öffnen dürfen“, sagt Fiebig.

Bereits seit dem 2. November geschlossen hat die Gastronomie. „Die Auszahlung der Hilfen ist schleppend. Das Geld kommt, aber für manche leider zu langsam“, sagt Holger Reichenauer, Chef des waldhessischen Dehoga-Kreisverbandes. Im Jahr 2020 hätten Restaurants im Durchschnitt 40 Prozent weniger Umsatz gemacht als im Vorjahr. Für die 100 Betriebe im Landkreis sei auch die seelische Belastung ein großes Problem. „Die fehlende Perspektive ist frustrierend.“

Auch der Einzelhandel ist durch den Lockdown stark beeinträchtigt. Geöffnet haben nur Geschäfte für den täglichen Bedarf. Stefan Pruschwitz, Chef der Bebraer Stadtentwicklung, der auch für das Einkaufszentrum „be!“ zuständig ist, sagt: „Alle Einzelhändler wollen Corona überleben. Aber auch geöffnete Geschäfte sind unzufrieden, denn die Laufkundschaft fehlt ganz einfach.“ Noch gebe es keine Insolvenzen. „Aber mit jedem Monat wird es schwieriger. Wir hoffen auf schnelle Normalität.“

Auch Jörg Markert, Leiter der Bad Hersfelder City Galerie, befürchtet: „Nach der Coronakrise werden sicherlich einige Leute extreme wirtschaftliche Probleme haben. Da muss man dann vielleicht auch neue Vertragsbedingungen aushandeln.“ Denn für Markert gab es in letzter Zeit schon genug Hiobsbotschaften. „Wir sind vom Konkurrenzdenken schon lang abgekommen. Wichtig ist eine funktionierende Innenstadt, jeder Händler zählt“, sagt er.   

Das sagen Reisebüros, Fitnessstudios und Tanzschulen           

Der Lockdown geht weiter und viele Betriebe haben bereits seit Wochen geschlossen. Die staatliche Finanzhilfe lässt jedoch an vielen Stellen auf sich warten – oder fällt so gering aus, dass sich Unternehmer im Landkreis allein gelassen fühlen. Wir haben uns in einem Reisebüro, einem Fitnessstudio, einem Modeladen und einer Tanzschule umgehört.

Das Reisebüro

Hans-Jürgen Mannel und Ulrich Wenz sind die Inhaber des Reisebüros am Rathaus in Bad Hersfeld. In Hessen dürfen Reisebüros weiterhin geöffnet haben, dennoch werden kaum Reisen gebucht. „Seit März mussten wir alle Provisionen zurückzahlen, obwohl wir durch die Stornierungen sogar doppelt so viel Arbeit hatten. Wir kämpfen seitdem darum, die Kundengelder zurückzubekommen, und hatten sozusagen seit einem Jahr kaum Einnahmen“, sagt Mannel und spricht von einem Umsatzrückgang um 85 Prozent.

Normalerweise verdienen Mannel und Wenz ihr Geld hauptsächlich mit Fernreisen, etwa in die USA oder nach Kanada. „Vom Staat erhalten wir nur kleine Hilfen. Sie decken nicht mal alle Kosten, die anfallen. Unsere Mitarbeiter bekommen Kurzarbeitergeld“, so Mannel. Es sei noch dazu mit viel Aufwand verbunden, die staatlichen Finanzhilfen zu beantragen.

Mannel bleibt trotzdem positiv, obwohl die beiden Inhaber für den Erhalt des Reisebüros einen Kredit aufnehmen mussten und derzeit von Ersparnissen leben. „Es gibt wieder einige Neubuchungen, langsam geht es wieder los. Wir werden einen langen Atem haben und das durchstehen.“

Das Fitnessstudio

Auch das Fitnessstudio Panthers Gym in Bebra hat derzeit geschlossen. „Mein Studio gibt es seit mehr als 20 Jahren. Es lief immer gut, aber die Zeit des ersten Lockdowns war sehr schwierig“, sagt Inhaber Martin Albrecht. Im zweiten Lockdown habe er sich dann dazu entschieden, seinen Kunden keine Mitgliedsbeiträge abzubuchen. Kündigungen wolle er so vermeiden.

Finanziell ist das eine Belastung für den Unternehmer. „Die Soforthilfen lassen auf sich warten, bisher ist bei mir nur die Novemberhilfe eingetroffen.“ Seine Mitarbeiter bekommen derzeit Kurzarbeitergeld, er selbst lebt von Ersparnissen.

Albecht hofft derweil auf baldige Normalität. Er sagt: „Sport ist wichtig. Er fehlt meinen Kunden und auch mir. So langsam schlägt es auf das Gemüt.“

Der Modeladen

Kerstin Bier ist Inhaberin von vier Modegeschäften, darunter das Modehauses Bier in Rotenburg. Insgesamt hat sie zwölf Mitarbeiter. „Es sind alle in Kurzarbeit. Wir fühlen uns allein gelassen und bekommen nur wenig Unterstützung“, sagt sie über die derzeitige Situation.

„Die neue Ware muss jetzt bezahlt werden, obwohl wir die alte Ware kaum verkauft haben.“ Seit der Corona-Pandemie bietet Bier ihre Kleidung auch über zwei Online-Plattformen an. Außerdem gibt es eine Aktion über Facebook. „Wir wollen unsere Stammkunden weiterhin bedienen. Sie können so die Ware in unserer Filiale abholen“, sagt die Inhaberin.

„Das Problem betrifft nicht nur mich, sondern den gesamten Textil- und Schuhhandel. Bekleidung kann teilweise in Supermärkten und Drogerien gekauft werden. Das verstehe ich nicht.“ Bier würde sich wünschen, wenigstens für eine begrenzte Anzahl an Kunden öffnen zu dürfen. „Oder wir vereinbaren feste Termine für einzelne Kunden. Da begegnet sich niemand, die Ansteckungsgefahr wird auch dann so gering wie möglich gehalten.“

Die Tanzschule

Die Tanz- und Ballettschule von Michèle Meckbach hat bereits seit dem 2. November geschlossen. Allerdings bemüht sich die Inhaberin, gemeinsam mit Trainerin Elena Volke, die Unterrichtsstunden für die Kinder und Erwachsenen so gut es geht auszugleichen.

„Wir bieten Unterricht per Video-Konferenz an und senden den Schülern auch Trainingsvideos. Wir wollen auch entfallene Stunden als Workshops nachholen, wenn wir dann hoffentlich bald wieder öffnen dürfen.“ Trotzdem sei es derzeit nicht annähernd dasselbe: „Wir sind vor allem auch eine Gemeinschaft und das fehlt einfach gerade.“ Im Corona-Jahr habe sich die Anzahl der Schüler auch stark verringert. „Denn die meisten Kinder melden sich für den Tanzunterricht im Frühling und im Herbst an. Das waren die Zeiträume, in denen wir geschlossen hatten“, sagt Meckbach.

Hinzu kämen einige Kündigungen von Schülern. „Es gibt immer ein paar, die aufhören. Einige gehen zum Beispiel studieren und ziehen deswegen weg. Aber es gleicht sich sonst in etwa durch die Neuanmeldungen aus. Diesmal nicht.“ Auch coronabedingt hätten einige Schüler gekündigt. „Wir waren mal 300 Schüler, davon sind wir mittlerweile weit entfernt.“

Da die staatliche Hilfe bisher sehr gering ausfalle, sei Meckbach auf die Unterstützung ihrer Schüler angewiesen: „Viele zahlen ihren monatlichen Beitrag weiter, das rettet mich. Ich bin sehr dankbar für diese Unterstützung.“ (Anna Weyh)

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