Facharzt Dr. André Hofmann informiert

Wespenstiche und die Folgen: Allergiker sind besonders betroffen

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Gutes Wespenjahr: Eine Wespe nascht an Erdbeerkonfitüre auf einem Brötchen.

Hersfeld-Rotenburg. Jede Woche werden zurzeit mehrere Patienten nach einem Wespenstich mit allergischen Reaktionen in den Krankenhäusern im Kreis behandelt. Für einen Mann aus der Region kam kürzlich jede Hilfe zu spät

Der Mann hatte nach einem Stich einen extremen allergischen, sogenannten anaphylaktischen Schock. Deutschlandweit sterben jedes Jahr 20 Menschen nach Wespen- oder Bienenstichen - zuletzt auch Ex-Radprofi Andreas Kappes, der nach einem Insektenstich an Herzversagen starb. 

Wir sprachen über das Thema mit Dr. André Hofmann, Chefarzt der Lungenklinik und Allergologe im Kreiskrankenhaus in Rotenburg. Information ist ihm ein Anliegen, damit Betroffenen im Notfall schnell geholfen wird.

Für welche Menschen ist der Stich einer Wespe oder Biene nicht nur unangenehm, sondern auch gefährlich?

Dr. André Hofmann: Gefährdet sind vor allem Menschen mit einer genetischen Bereitschaft, auf Pollen, Hausstaub, Tierhaare, Medikamente oder Nahrungsmittel eine allergische Sofortreaktion (Typ-I) auszulösen. Sie reagieren mit der Bildung von Antikörpern (IgE). Wenn Typ-I-Allergiker schon einmal von einer Wespe oder Biene gestochen worden sind, zeigen sie oft noch keine bedeutende Reaktion.

Dann ist aber doch alles in Ordnung oder nicht?

Hofmann:Nein, im Gegenteil. Denn bei einigen Allergikern merkt sich das Immunsystem den ersten Stich und bildet die genannten Antikörper (IgE), die sich an die Mastzellen im Blut anheften. Beim nächsten Stich setzen die Mastzellen Histamin frei, was beim Typ-I-Allergiker zu einer schweren Reaktion führen kann.

Sind nur Menschen betroffen, die ohnehin schon Allergien haben?

Hofmann: Nicht nur. Oft ist (noch) gar keine Allergie bekannt. Daneben gibt es auch Menschen mit einer sogenannten Mastozytose, von der die Betroffenen nicht immer etwas wissen. Dabei vermehren sich die Mastzellen (= Blutzellen und damit Teil des menschlichen Immunsystems) in abnormer Weise. Diese Menschen können schon beim ersten Stich eine heftige Reaktion haben.

Welche Symptome zeigen sich beim allergischen (= anaphylaktischen) Schock?

Hofmann: Man unterscheidet vier Schweregrade. Beim ersten ist nur die Haut betroffen (Ausschlag, Rötungen, Juckreiz), beim zweiten sind darüber hinaus die Schleimhäute beeinträchtigt (Übelkeit, Atemnot, Bauchschmerzen). Beim dritten Grad kommen noch Kreislaufbeschwerden hinzu und beim vierten drohen Kreislaufzusammenbruch und Atemstillstand. Der Rachenraum kann in wenigen Minuten zuschwellen.

Kliniken in Hersfeld-Rotenburg haben zwei Wespenstich-Patienten pro Woche

Was kann man tun, wenn man gefährdet ist, auf einen Wespen- oder Bienenstich mit einem allergischen Schock zu reagieren?

Hofmann: Da gibt es nur zwei Möglichkeiten – die Tierchen meiden (Expositionsprophylaxe) oder eine Hyposensibilisierung, auch „Allergieimpfung“ genannt. Zusätzlich sollte für diese Patienten ein Notfallset zur Verfügung stehen, das ein Antihistaminikum, ein Kortisonpräparat und eine Adrenalinspritze beinhaltet.

Wann raten Sie zu einer Hyposensibilisierung?

Hofmann:Ab einem Schweregrad der Unverträglichkeitsreaktion (= Anaphylaxie) von II oder sogar I raten wir zur Hyposensibilisierung. Letzteres, wenn zusätzlich Risikofaktoren wie etwa eine bestehende Allergie, Herz-Kreislauferkrankungen, Asthma oder eine Mastozytose vorliegen. Wer einen Wespenstich mit Lokalreaktion über zehn Zentimeter hat, die länger als 24 Stunden anhält, muss wissen, dass im Wiederholungsfall eine noch viel stärkere Reaktion möglich ist. Dann ist es gut, eine Kortisonsalbe und ein Antihistaminikum zu erhalten. Ein Notfallset wird empfohlen.

Müssen Allergiker vor jeder Wespe Reißaus nehmen?

Hofmann:Nein, ich will ja keine Panik verbreiten, aber wichtig ist das Wissen, dass so etwas wie ein allergischer Schock auftreten kann, und was zu tun ist. Bei Kreislaufproblemen oder Atemnot muss sofort der Notarzt gerufen werden. Es ist zudem hilfreich für die Behandlung, wenn wir wissen, ob es sich bei dem jeweiligen Stich um eine Biene oder Wespe gehandelt hat. Ist die Identifizierung durch den Patienten nicht möglich, werden wir eine Haut- und /oder Molekulardiagnostik durchführen.

Wer sollte besonders aufpassen?

Hofmann: Vor allem Menschen, die im Freien arbeiten, Imker, Bäckereiverkäuferinnen und Landwirte sind gefährdet. Allergiker ab dem II. Grad oder I. Grad mit Risikofaktoren sollten deshalb ein Notfallset dabeihaben.

Was passiert im Krankenhaus, wenn ein Patient mit stärkerer Reaktion auf einen Insektenstich eingeliefert wird?

Hofmann:Wir behandeln nach den Leitlinien der Deutschen Gesellschaft für Allergologie und Immunologie unter anderem mit Kortison und Antihistaminikum, und bei Bedarf stabilisieren wir den Kreislauf. Die Patienten werden aufgenommen und bleiben mindestens 24 Stunden zur Beobachtung auf unserer Intensiveinheit. Zwei bis drei Wochen später bestellen wir sie noch einmal zum Hauttest oder falls erforderlich auch zur Molekulardiagnostik ein. Eine Hyposensibilisierung schließt sich an, die über zwei bis drei Jahre fortgesetzt werden muss, bei Mastozytose sogar lebenslang. Auch die Hyposensibilisierung wird auf unserer Intensivstation in drei bis fünf Tagen eingeleitet. Die entsprechenden Injektionen können nämlich selbst einen allergischen Schock auslösen.

Und das alles ist notwendig?

Hofmann: Die Problematik von Wespenstichen wird erheblich unterschätzt. Schwere allergische Reaktionen können lebensbedrohlich sein. Deshalb ist es besser, vorher aufzuklären und vorzubeugen. Denn bei einer heftigen Reaktion kann es in wenigen Minuten zu spät sein, wie der Fall aus der Region kürzlich gezeigt hat.

Hotline zum Thema Wespe/Biene über das Sekretariat für Pneumologie am KKH Rotenburg, Telefon 06623/86-1700, donnerstags von 15 bis 16 Uhr.

Abstand halten und im Herbst Nest entfernen

Für einige Menschen kann ein Insektenstich gefährlich werden. Da ist es wichtig, im Falle eines Falles gut informiert zu sein. Für die meisten aber ist ein Wespenstich unangenehm, aber bei weitem nicht so gefährlich, wie manchmal behauptet. Dass sieben Hornissen ein Pferd töten könnten, sei eine Legende, sagt der Wespensachverständige Erich Wirf (Wildek). Wespen suchten Nahrung für ihre Brut und seien nicht darauf aus, Menschen zu stechen, betont er. In vielen Fällen störten die Nester auch gar nicht. Wenn möglich, sollte man einfach Abstand von den Wespen halten.

Sobald es im Herbst kälter wird, sind die Insekten wieder weg und kommen auch im nächsten Jahr nicht wieder. Allerdings sollte man dann am Haus etwaige Einfluglöcher schließen, denn wo einmal ein Nest war, sind die Bedingungen eben günstig und der Geruch des vorigen Volkes zieht eine Königin, die in einem Erdloch überwintert hat, durchaus auch an. Unliebsame Nester kann man Ende Oktober entfernen, sagt Wirf. Bis dahin kann man Wespen mit reifem Obst, vor allem Trauben, ablenken. Auch Räucherstäbchen und Duftkerzen (Zitrone/Nelken) helfen.

Wespen, zu denen auch Hornissen gehören, lebten in Völkern von zehn bis zu 5000 Tieren, erklärt Wirf. Ihre Nester können bis zu 80/90 Zentimeter Durchmesser erreichen. Sie sind sehr nützlich. Wo Wespen leben, sind Mücken, Läuse und andere Schädlinge rar.

Zur Person: Dr. André Hofmann

Dr. André Hofmann (57) stammt aus der Nähe von Berlin. Er hat in Rumänien studiert und war anschließend in Berlin, Mainz und Solingen, Stuttgart, Stadtlohn und Neubrandenburg tätig. Seit April 2017 ist er Chefarzt der Pneumologie (Lungenheilkunde) am Kreiskrankenhaus in Rotenburg. Er ist Facharzt für Innere Medizin, Pneumologie, Allergologie und Schlafmedizin. Er hat eine Lebenspartnerin und eine Tochter.

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