Wolfsterritorium Stölzinger Gebirge

Anerkennung des Stölzinger Gebirges als Wolfsterritorium: Keine zusätzliche Hilfe für Schäfer

Hobbyschäfer Martin Fritsch hält Schafe auf den Wiesen rund um Licherode – darunter viele Steilhänge, wie im Hintergrund zu sehen. 
+
Hobbyschäfer Martin Fritsch hält Schafe auf den Wiesen rund um Licherode – darunter viele Steilhänge, wie im Hintergrund zu sehen. 

Im Stölzinger Gebirge in Nordhessen hat sich eine Wölfin angesiedelt. Das hat vor allem für Schäfer Auswirkungen.

  • Der Wolf ist zurück im Stölzinger Gebirge in Nordhessen
  • Die Auswirkungen merken vor allem die Schäfer in der Region
  • Mit finanziellen Hilfen profitierenSchäfer kaum 

Die Wölfe sind zurück im Stölzinger Gebirge, und sie ernähren sich auch von Schafen. Das erste Mal war das vor gut einem Jahr der Fall. Nun steht fest: Eine Wölfin ist gekommen, um zu bleiben.

Sechs Schafhalter mussten dem Wolf im Grenzgebiet der Landkreise Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder und Werra-Meißner bislang – das ist durch DNA-Tests belegt – Tribut zollen. Was hat sich für sie geändert?

Wolf in Nordhessen: Die Konsequenzen

Die größte Veränderung ist für alle sechs Schäfer dieselbe: Sie können nicht mehr ruhig schlafen, sagen sie. Der Licheröder Hobbyschäfer Martin Fritsch schaut nun nicht mehr nur abends nach der Arbeit, sondern auch schon am frühen Morgen nach seinen Tieren. Nebenerwerbsschäfer Frank Rohrbach aus Ronshausen hat nach dem Angriff, wann immer es ging, einige Wochen lang zur Dämmerung auf der Weide gewacht. Fast alle der Schäfer hatten infolge der Angriffe Verlammungen, also Fehlgeburten, bei den anderen Schafen der Herde. Es fehlen daher in diesem Jahr nicht nur die Lämmer der getöteten Schafe. „Und die Lämmer sind das Einzige bei der Schafhaltung, mit dem man heutzutage noch ein wenig Geld verdienen kann“, sagt Fritsch – rund 120 Euro pro Lamm. Finanzielle Entschädigungen nach Wolfsrissen gibt es nur für die getöteten Schafe – der Verdienstausfall für die fehlenden Lämmer wird nicht gedeckt.

Nebenerwerbsschäfer Christof Schäfer aus Denshat seine Schafe nach dem Angriff eingestallt und musste deswegen Heu verfüttern, was er sonst verkauft hätte. Er schätzt seinen finanziellen Schaden insgesamt auf einen mittleren vierstelligen Betrag. Er ist der einzige Betroffene, der grundsätzliche Konsequenzen zieht: Er reduziert seine Herde von bisher 120 Mutterschafen um rund die Hälfte und nutzt nur noch Wiesen, die in der Nähe seines Hauses liegen. „Manche der Wiesen werde ich abmulchen, ein Teil wird zu Heu, aber einige werden nun wieder zubuschen“, sagt er. Hobbyschäfer Karl-Heinz Meckbach aus Dickershausen überlegt noch, künftig Rinder statt Schafe zu halten.

Wolf in Nordhessen: Die Zäune - Angriffe trotz Grundschutz

Die ordnungsgemäße Einzäunung der Weidetiere ist laut dem Hessischen Umweltministerium der wichtigste Schutz vor Wölfen. Gefordert ist ein mindestens 90 Zentimeter hoher Elektrozaun, der die Weide komplett umschließt. 

Der Herlefelder Berufsschäfer Anton Göbel verlor einen Schafsbock an die Stölzinger Wölfin. 

Beim Dankeröder Nebenerwerbsschäfer Martin Schmidt, der gleich zweimal (bei Seifertshausen und bei Berneburg) Schafe an den Wolf verlor, und dem Herlefelder Berufsschäfer Anton Göbel war dieser Grundschutz gegeben. Die Stölzinger Wölfin überwand innerhalb von drei Wochen dreimal die empfohlenen Zäune.

Wenn möglich verwendet Martin Fritsch die empfohlenen 90 Zentimeter hohen stromführenden Netze als Zaun.

Der Licheröder Fritsch nutzt im Winter Litzen zur Umzäunung und im Sommer Netze, jeweils 90 Zentimeter hoch. Auch sein Zaun entsprach auf der Wiese oberhalb von Licherode, wo der Angriff stattfand, den Anforderungen. Er hat aber auch mehrere Parzellen an den Steilhängen, die in Licherode zwischen den Wohnhäusern und dem Wald liegen. Sie enden am Waldrand in dichtem Gestrüpp – dort ist ein Elektrozaun laut Fritsch, wenn überhaupt, nur mit völlig unverhältnismäßig hohem Aufwand möglich. 

An steilen Hängen am Waldrand ist ein Elektrozaun laut Fritsch nicht praktikabel. Verwenden könne man hier nur Festzäune. Ein Festzaun, der als Schutz vor Wölfen taugt, würde mehrere Tausend Euro kosten, schätzt der Hobbyschäfer. 

Er nutzt dort Festzäune. Ausbrechen können die Schafe nicht, aber umgekehrt einen Beutegreifer wirksam am Eindringen zu hindern, sei nur mit einem tausende Euro teuren Zaun mit Untergrabschutz möglich. „Das könnte ich nur mit direkter staatlicher Hilfe schaffen“, sagt Fritsch. Ähnliche Herausforderungen gibt es zum Beispiel bei vielen besonders geschützten Flora-Fauna-Habitat-Flächen, die mehrere der Betroffenen mit ihren Tieren pflegen.

Rohrbach und Schäfer verwenden Zäune, die nicht den Anforderungen des Landes Hessen zum Schutz vor Wölfen entsprechen. Zum Beispiel Litzen oder Knotengeflecht, das nicht unter Strom steht. „Ich benutze nach wie vor dieselben Zäune wie im vergangenen Jahr. Die hatte ich erst neu gekauft und auch über die geforderten Zäune kommt der Wolf drüber, das hat man ja gesehen“, sagt Rohrbach. Ähnlich sieht es Christof Schäfer. Er werde darauf achten, die Litzen auf 90 Zentimeter Höhe zu hängen – Netze neu anzuschaffen, die dann gar nichts brächten, kommt für ihn nicht infrage. Beide sagen aber: Wenn das Land Hessen die Materialkosten übernehmen würde, wie es Sachsen und Niedersachsen tun, würden sie auch die geforderten Zäune benutzen.

Frank Rohrbach ist Nebenerwerbsschäfer und hält seine Tiere bei Ronshausen. 

Ein Sonderfall ist Karl-Heinz Meckbach. Er beweidet mit seinen acht Schafen im Gegensatz zu den anderen Betroffenen, die ihre Zäune in der Regel mehrfach pro Woche auf neuen Wiesen aufstellen, nur eine Fläche. Bei dem Wolfsangriff bei Sipperhausen stand an einer Seite der Weide, wo ein Bach fließt, kein Zaun. Nun hat er sich neues Knotengitter, Pfähle und einen Wildgatterzaun gekauft. „Für insgesamt rund 600 Euro, und dabei bin ich noch günstig weggekommen“, sagt er.

Wolf in Nordhessen: Die finanzielle Hilfe

Von der neu eingeführten Weidetierprämie werden die Hobbyschäfer Meckbach und Fritsch nicht profitieren. Sie haben weniger als 30 Muttertiere. Bei der Herdenschutzprämie Plus gibt es 40 Euro pro Hektar – Fritsch und Meckbach haben nur zwei bis drei Hektar Land. Dem gegenüber stehen die Kosten für die Netze, die den Anforderungen entsprechen: für eine quadratische, ein Hektar große Fläche rund 800 Euro plus Stromgeräte.

„Wir Kleinen fallen völlig hinten runter. Ich fahre um 6.15 Uhr zur Arbeit und komme um 16 Uhr wieder. Dann verbringe ich täglich ungefähr drei Stunden mit den Schafen“, sagt Martin Fritsch. Die Weidetierhaltung sei ein Dienst an der Allgemeinheit: Viele Flächen würden sonst verbuschen und wieder zu Wald werden. Auch für die Artenvielfalt seien beweidete Wiesen eine Wohltat. Anton Göbel (900 Mutterschafe), Martin Schmidt (120) Christof Schäfer (derzeit 120) und Frank Rohrbach (40) können Anträge für die Weidetierprämie stellen.

Stölzinger Wald ist Territorium für Wölfe: "10 Millionen Euro wären nötig"

Das Stölzinger Gebirge ist seit April offiziell ein Wolfsterritorium. Das bestätigt das regelmäßige Vorkommen eines Wolfes über einen Zeitraum von sechs Monaten. Werden Weidetierbetriebe jetzt intensiver unterstützt? 

Im Gegensatz zu anderen Bundesländern habe Hessen die Förderung und Entschädigung nicht von einem offiziellen Wolfsgebiet abhängig gemacht, teilt das Umweltministerium auf Anfrage unserer Zeitung mit, da überall mit dem Auftreten von Wölfen gerechnet werden müsse. „Wir Weidetierhalter müssen jetzt selber versuchen, die Wölfe zu erziehen, das ist allerdings ein enorm hoher Aufwand“, sagt Burkhard Ernst. Der Vollerwerbsschäfer aus Großalmerode ist Sprecher des Hessischen Verbands für Schafzucht und Schafhaltung. Dafür müssten jetzt alle Weidetierhalter ihre Tiere mit einem Elektrozaun einzäunen. Auch wenn keine Tiere auf der Weide seien, müsse auf den Zäunen Strom sein. „Der Wolf muss den Weidezaun immer mit einem Stromschlag in Verbindung bringen, nur so lernt er es.“ Der Wolfsschutz funktioniere – ähnlich wie eine Impfung – höchstens dann, wenn alle mitmachen. 

Burkhard Ernst ist Sprecher der hessischen  Schafhaltervereinigung. Der Großalmeröder ist Berufsschäfer. 

Zur finanziellen Unterstützung soll Ende des Jahres erstmals die Weidetierprämie in Hessen ausgezahlt werden. Laut Umweltministerium sollen vor allem Tierhaltungsbetriebe von der Förderung profitieren, deren wirtschaftliche Existenz von der Schaf- und Ziegenhaltung abhängig ist. Die Prämie beträgt jährlich 25 Euro pro Tier, Anträge können ab einer Mindestanzahl von 30 Tieren gestellt werden, die älter als neun Monate sind. 

„Der durchschnittliche Schäfer in Hessen hat jedoch nur 23 Schafe und bekommt daher keine Prämie ausgezahlt“, sagt Burkhard Ernst. Von rund 5100 Betrieben in Hessen gingen 4600 leer aus. Noch düsterer sei die Situation bei Ziegenhaltern: „Es gibt lediglich sieben Betriebe in Hessen, die mehr als 30 Ziegen halten und die Prämie erhalten.“ Da die Förderungen eine erwerbswirtschaftliche Tätigkeit voraussetzen, ist bislang kein Geld für die private, nichtwirtschaftliche Tierhaltung verfügbar, heißt es aus dem Umweltministerium dazu. Auch große Tierbetriebe, wie der von Burkhard Ernst mit seinen 450 Mutterschafen, würden nicht für alle ihre Tiere eine Förderung bekommen, da diese nach oben ebenfalls gedeckelt sei, sagt Ernst. „Ein Betrieb kann in drei Jahren höchstens 20.000 Euro von der Prämie erhalten. Das kostet mich der Herdenschutz aber jährlich.“ 

Der Schafhalterverband habe errechnet, dass 10 Millionen Euro nötig wären, damit alle hessischen Schäfer sich ausreichend vor dem Wolf schützen können. Der hessische Landtag hat eine Million Euro zur Verfügung gestellt. „Diese Prämie fordern wir schon seit über zehn Jahren, lange bevor der Wolf in unserer Region heimisch war.“ Das Geld bräuchten die meisten Schäfer allein dafür, dass sie nicht mehr unter dem Mindestlohnniveau arbeiten müssten. 

Ernst will weiterhin versuchen, seine Schafe bestmöglich vor Wölfen zu schützen. „Aber standhalten kann unsere Weidetierhaltung vor keinem Wolf“, sagt der Verbandssprecher.

Wolf in Nordhessen: Weitere Nachweise für Wolfsaktivitäten

Die hessischen Behörden haben weitere Wolfsnachweise, Kotproben und Fotos bestätigt. Das betrifft Alheim (westlich der Fulda), Hessisch Lichtenau und den Kaufunger Wald. 

Außerdem gibt es Verdachtsfälle bei getöteten Ziegen (Hessisch Lichtenau) und einem Reh bei Haunetal-Fischbach. Hessen hatte DNA-Proben bei Wildtieren wegen der Coronavirus-bedingten Kontakteinschränkungen zeitweise eingestellt. Das sei nun nicht mehr erforderlich, so das Umweltministerium.

Kommentar von HNA-Redakteur Christopher Ziermann

Wenn es um den Wolf geht, wird es emotional. Und bei den Fragen nach der Bejagung und danach, ob es grundsätzlich überhaupt möglich ist, Wölfe komplett oder nahezu komplett von Weidetieren fernzuhalten, gehen die Meinungen weit auseinander. Das gilt auch für die Interpretation der Auswirkungen des Wolfes auf die Weidetierhaltung in Bundesländern, in die das Raubtier schon länger zurückgekehrt ist. Bei der Frage, ob Hessen die Halter von Schafen – und in wesentlich geringerem Umfang auch Ziegen – genügend unterstützt, muss aber nichts interpretiert werden. Die Antwort lautet Nein. 

Man muss anerkennen: Die Einführung der Weidetierprämie ist ein wichtiger Schritt. Sie ist aber auch ein Eingeständnis, dass Schafhalter wesentlich mehr finanzielle Hilfe brauchen. Wer dabei die kleinen Halter mit weniger als 30 Schafen völlig außen vor lässt, nimmt seine eigene Argumentation nicht ernst. Über 40.000 der insgesamt 120000 Schafe in Hessen gehören nach Angaben der Tierseuchenkasse Betrieben mit weniger als 30 Tieren. Noch krasser wird das Missverhältnis mit Blick auf die Betriebe: Weniger als zehn Prozent der Schafhalter haben mehr als 30 Schafe. 

Für die anderen 90 Prozent sind ihre Schafe ein Hobby. Wer die für den Wolfsschutz geforderten Zäune neu anschaffen muss, bezahlt das komplett aus der eigenen Tasche. Die Akzeptanz für die Rückkehr des Wolfes zu erhöhen, ist schon seit Jahren das erklärte Ziel des Umweltministeriums. So wird das aber nichts.

Rissgutachter Becker veröffentlicht Wolfsbroschüre

Der Obermelsunger Gerhard Becker hat als ehrenamtlicher Rissgutachter den überwiegenden Teil der in Schwalm-Eder, Hersfeld-Rotenburg und Werra-Meißner gefundenen Kadaver von Schafen und Wildtieren begutachtet, bei denen ein Wolf als Verursacher infrage kam. 

Gerhard Becker ist Rissgutachter in Nordhessen.

Nun hat er eine 30-seitige Broschüre verfasst, die den Wolf auch für Laien verständlich erklärt. Sie kostet 2 Euro plus Versand und kann bestellt werden unter  05661/4776 und p.g.becker@t-online.de

Von Christopher Ziermann und Carolin Eberth

Der Wolf ist zurück in Hessen: Das ergaben DNA-Analysen aus dem Vogelbergkreis. Der Nachweis eines zweiten sesshaften Tieres in Nordhessen glückte.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.