Coronavirus in Hersfeld-Rotenburg

Zahnärzte in Hersfeld-Rotenburg und die Corona-Krise: „Wir schicken niemanden weg“

+
„Wir sind für Sie da“: Darauf macht die Rotenburger Zahnarztpraxis Klingenberg aufmerksam. Das Foto zeigt von links Jana Klingenberg, Elisa Hafermas, Rania Milki, Tobias Klingenberg und Rita Bolz.

Die Zahnarztpraxen in Hersfeld-Rotenburg haben trotz der Corona-Krise geöffnet. Welche Behandlungen noch stattfinden, entscheidet sich von Fall zu Fall. 

Hat mein Zahnarzt eigentlich noch geöffnet, und findet mein Termin noch statt? Diese Fragen stellen sich derzeit viele, berichtet Jana Klingenberg, die mit ihrem Mann eine Praxis in Rotenburg betreibt. Die Antwort auf die erste Frage ist eindeutig: ja. „Wir haben sogar mehr Zeit als sonst für unsere Patienten“, sagt Klingenberg. Einfach zumachen wegen der Corona-Pandemie dürften die Zahnärzte auch gar nicht, stellt Jörg Assmann aus Bad Hersfeld klar. „Wir haben einen Sicherstellungsauftrag.“

Die Antwort auf die Frage, welche Behandlungen noch stattfinden, ist hingegen weniger eindeutig. „Das Robert-Koch-Institut empfiehlt, auf alle Behandlungen zu verzichten, die nicht nötig sind. Das hieße: nur noch Schmerzpatienten. Das sind vielleicht fünf Prozent unserer Behandlungen“, sagt Assmann. Damit ließe sich der Praxisbetrieb wirtschaftlich nicht aufrecht erhalten, sind sich die Zahnärzte in Rotenburg und Bad Hersfeld einig.

Corona in Hersfeld-Rotenburg: Zahnreinigungen sind vorerst abgesagt

Assmann kritisiert, dass man nur Empfehlungen bekäme, aber keine klaren Anweisungen. Trotzdem haben beide Praxen von sich aus einen Teil der Behandlungen abgesagt. Das gilt vor allem für Zahnreinigungen, bei denen besonders viel Sprühnebel entsteht. „Es entstehen Teilchen, die man Aerosol nennt. Die schweben stundenlang in der Luft im Behandlungsraum, bevor sie auf dem Boden landen. Über diese Tröpfchen kann man sich anstecken. Da ist auch ein Visier kein absolut sicherer Schutz“, sagt Jörg Assmann. Seine Rotenburger Kollegin Jana Klingenberg sagt: „Ich habe keine Angst, mich bei einem Patienten anzustecken.“ Und auch den Patienten sei versichert: „Wir haben sehr hohe Anforderungen an die Hygiene.“

Für die Versorgung mit Schutzkleidung sind Zahnarztpraxen selbst verantwortlich. Assmann und Klingenberg betonen, dass ihre Praxen derzeit gut ausgestattet sind – zur Ausrüstung gehören Visiere, OP-Kittel, Hauben für die Haare, Mundschutz, Schutzbrillen und Handschuhe. „FFP2-Masken haben wir aber nicht und bekommen wir auch nicht“, sagt Klingenberg über die Masken, die nicht nur Patienten, sondern auch den Träger schützen. Patienten könnten sich aber sicher sein, dass unter normalen Umständen und nun erst recht sehr stark auf Hygiene geachtet werde.

Abgesehen von den grundsätzlich ausgesetzten Zahnreinigungen müsse von Fall zu Fall entschieden werden, ob eine Behandlung nötig und möglich sei, so Klingenberg. „Wer sich unsicher ist, ob er kommen darf oder kommen sollte, kann jederzeit bei uns anrufen. Im Normalfall schicken wir niemanden weg, der behandelt werden möchte“, sagt sie.

Die Kassenzahnärztliche Vereinigung (KZV) eruiert laut Assmann gerade, welche Praxen auch zur Behandlung von Covid-19-Infizierten bereit sind – diese sollen dann spezielle Schutzkleidung zur Verfügung gestellt bekommen. Derzeit könne jemand, der nachweislich mit dem Coronavirus infiziert ist, aber nicht in einer Praxis behandelt werden. Für alle anderen gilt: im Zweifel anrufen.

Corona in Hersfeld-Rotenburg: „Für junge Ärzte existenzbedrohend“

Das Coronavirus sorgt auch bei Zahnärzten für viele Unsicherheiten, sagt Birgit Gissel, die eine Praxis in Bebra hat und als Zweigstellenleiterin des Altkreises Rotenburg die Schnittstelle zwischen Landeszahnärztekammer und den Kollegen im Altkreis Rotenburg ist. Wie hoch beispielsweise die Ansteckungsgefahr über Aerosole sei, darüber gebe es unterschiedliche Einschätzungen von Wissenschaftlern. Klare Vorgaben, welche Behandlungen erlaubt sind und welche nicht, gebe es nicht. 

Die derzeitigen Einschränkungen könnten insbesondere für junge Zahnärzte, die gerade erst eine Praxis eröffnet haben, existenzbedrohend sein. „Mit Ausnahme eines kleinen Teils, den man durch Kurzarbeit auffangen kann, laufen alle anderen Kosten weiter“, sagt sie. Darunter fallen Miete, Versicherungen und Beiträge für den Kassensitz. Außerdem schaffen viele Praxen ihre Geräte wie Zahnarztstühle über Leasingverträge an. Auch die Raten dafür müssen gezahlt werden. 

Einen finanziellen Rettungsschirm, wie er für Krankenhäuser beschlossen wurde, gibt es für Zahnarztpraxen bislang nicht. Die Zahnärztekammer sei dazu in Verhandlungen. Eine Soforthilfe für Kleinunternehmer, wie sie viele Geschäftsleute beantragen können, sei für Zahnärzte äußerst schwierig zu bekommen. „Die Voraussetzung ist, dass man keinen Bankkredit mehr bekommen würde. Bei Zahnärzten ist es wesentlich unwahrscheinlicher als bei einem Gastronom, dass er finanzielle Hilfe bekommt“, sagt Gissel.

Von Christopher Ziermann

Die neuesten Entwicklungen zu Corona in Hersfeld-Rotenburg gibt es im News-Ticker.*

*hersfelder-zeitung.de ist Teil des bundesweiten Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerks.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.