Impfausweis-Streit

Zentrum in Rotenburg dokumentiert Corona-Schutzimpfung nun auch im gelben Pass

Bei vielen Menschen im Landkreis offenbar begehrt: der Nachweis der Corona-Impfung im klassischen Impfausweis. Zu sehen sind Hände in blauen medizinischen Handschuhen, die ein Etikett in einen gelben Impfpass kleben.
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Bei vielen Menschen im Landkreis Hersfeld-Rotenburg offenbar begehrt: der Nachweis der Corona-Impfung im klassischen Impfausweis. Die Ersatzbescheinigung habe aber mehr Vorteile, argumentiert das Impfzentrum in Rotenburg.

Kehrtwende bei der Dokumentation der Corona-Schutzimpfung in Hersfeld-Rotenburg: Impfungen werden nun doch im Ausweis eingetragen - aber nur auf ausdrücklichen Wunsch.

Hersfeld-Rotenburg - Das hat der Landkreis am Mittwochnachmittag auf Nachfrage unserer Zeitung mitgeteilt. „Wer unbedingt einen Eintrag oder eine Nachtragung in den Impfausweis möchte, kann diese sowohl vom Impfzentrum als auch den Hausärzten vornehmen lassen“, so Martin Ködding, Leiter des Impfzentrums in der Göbel Hotels Arena auf dem Rodenberg.

Allerdings entfalle dann die Ersatzbescheinigung, auf der die Mitarbeiter bislang den Piks dokumentiert haben. Sofern der Eintrag nachträglich geschehe, werde das Dokument eingezogen. „Jeder sollte sich also überlegen, ob er oder sie wirklich eine Eintragung in den Impfpass möchte, wenn das doch eine klare Verschlechterung bedeutet“, so Ködding.

Impfzentrumsleiter Ködding: Bescheinigung hat viele Vorteile

Die Ersatzbescheinigung – ein DIN-A-4 großes Blatt Papier – verfügt beispielsweise über einen QR-Code: Diese Art Barcode kann von vielen Smartphones gelesen werden. Die Bescheinigung sei deshalb auch mit Blick auf den digitalen Impfpass, der bundesweit noch im Juni eingeführt werden soll, zielführender. Sämtliche Vorteile, die die Bescheinigung gegenüber dem klassischen Papierimpfpass habe, würden dann wegfallen.

„Ich bitte alle Bürgerinnen und Bürger des Landkreises weiterhin um Verständnis für die aus unserer Sicht beste Lösung und um ein wenig mehr Geduld. Bitte nehmen Sie auch ein wenig Rücksicht, denn höchste Priorität für uns hat derzeit weiterhin das Impfen“, so Ködding, der lange Schlangen vor der Göbel Hotels Arena vermeiden will.

Leitet das Impfzentrum des Landkreises Hersfeld-Rotenburg: Martin Ködding.

In den vergangenen Tagen war die Kritik an der bisherigen Dokumentationspraxis im Impfzentrum des Landkreises lauter geworden. Viele Menschen äußerten beispielsweise in Leserbriefen ihren Unmut darüber, dass sie keinen Eintrag im Impfausweis bekommen. Hausärzte, die grundsätzlich die Nachtragungen vornehmen dürfen, sehen das Impfzentrum in der Pflicht.

Diskussionen auch in anderen Impfzentren

Diskussionen um den Impfausweis gab es zuvor auch schon in anderen Landkreisen. Die Impfzentren in der Stadt und im Kreis Kassel beispielsweise hatten anfangs auch nur Ersatzbescheinigungen ausgestellt, tragen die Impfungen aber inzwischen ein und auch nach. Im Werra-Meißner-Kreis, im Kreis Waldeck-Frankenberg und im Schwalm-Eder-Kreis sind Einträge in den Impfausweis seit Start der Impfkampagne möglich. Auch in Fulda sind die Eintragungen kein Problem.

Lange Zeit verfolgte das Impfzentrum des Landkreises einen Sonderweg in der Region: Den Nachweis für die Corona-Impfung gab es nur auf einer Ersatzbescheinigung. Alle anderen Impfzentren weit und breit dokumentieren die Impfungen problemlos im Impfausweis – oder, wenn dieser nicht vorgelegt wird, per Ersatzbescheinigung.

Jetzt hat das Impfzentrum in Rotenburg seinen Sonderweg verlassen. Wer darauf besteht, bekommt das begehrte Klebeetikett nun im gelben Impfausweis, notfalls auch nachträglich – muss dann allerdings auf die Vorteile der Bescheinigung verzichten.

So sah es in Kassel aus: Nachdem die Stadt entschieden hatte, dass sich dort die Menschen die Corona-Impfungen im Impfausweis nachtragen lassen können, bildeten sich vor dem Impfzentrum am Auestadion lange Warteschlangen.

Martin Ködding, der Leiter des Impfzentrums, weist aber darauf hin, das auch Hausärzte das Umtragen von der Ersatzbescheinigung in den Impfausweis übernehmen dürfen und beruft sich auf das Infektionsschutzgesetz. In Paragraf 22 heißt es: „Bei Nachtragungen in einen Impfausweis kann jeder Arzt die Bestätigung vornehmen oder hat das zuständige Gesundheitsamt die Bestätigung vorzunehmen, wenn dem Arzt oder dem Gesundheitsamt eine frühere Impfdokumentation über die nachzutragende Schutzimpfung vorgelegt wird.“

Kassenärztliche Vereinigung: Wer impft, trägt auch ein

Viele Ärzte im Landkreis sehen das allerdings nicht ein und argumentieren, dass sie nicht etwas unterschreiben könnten, für das sie gar nicht verantwortlich seien. Dieser Begründung folgt auch die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KVH) auf Nachfrage unserer Zeitung. „Wir empfehlen den Praxen bei der Nachtragung Zurückhaltung. Schließlich ist die Richtigkeit der oftmals von den Impfzentren ausgestellten Ersatzbescheinigungen für die Praxen praktisch nicht prüfbar“, so KVH-Sprecher Alexander Kowalski, der darauf hinweist, dass Hausärzte gesetzlich nicht verpflichtet seien, eine Nachtragung vorzunehmen. Kowalski: „Wir sehen hier ganz klar die Impfzentren in der Pflicht und sagen: Wer impft, trägt auch ein beziehungsweise nach.“

Am Mittwochvormittag, also noch vor dem Paradigmenwechsel des Impfzentrums, hatte sich auch der SPD-Unterbezirk Hersfeld-Rotenburg in die Impfausweis-Debatte eingeschaltet. „Wenn man schon im Impfzentrum die Impfung erhält, dann muss die auch im Impfpass eingetragen werden“, schrieb Helmut Miska, Gesundheitsexperte der Sozialdemokraten, in einer Pressemitteilung und forderte ein Ende des „Impfbestätigungschaos“.

Ministerium: Eintragung sollte vor Ort erfolgen

Das hessische Innenministerium teilt mit, dass die Impfdokumentation in den hessischen Impfzentren den gesetzlichen Vorgaben entspreche – auch wenn lediglich Ersatzbescheinigungen ausgestellt werden. Ministeriumssprecher Michael Schaich sagt zwar mit Verweis auf Paragraf 22 des Infektionsschutzgesetzes: „Wird ein Impfpass vorgelegt, sollte eine Eintragung der relevanten Daten vor Ort entsprechend erfolgen.“ Er warb aber um Verständnis, wenn „aufgrund einer schnelleren und effektiveren Impforganisation in einigen Impfzentren“ keine Eintragungen im Impfpass vorgenommen würden – oder, wie nun in Rotenburg, eben nur auf ausdrücklichen Wunsch der Geimpften.

Martin Ködding bleibt indes dabei: Er erachtet angesichts der sich anbahnenden Öffnungsschritte die Ersatzbescheinigung als wesentlich sinnvoller als einen Nachweis im gelben Papierpass. Deshalb würden Corona-Impfungen in Rotenburg weiterhin, wenn nicht explizit anders gewünscht, standardmäßig auf einer Ersatzbescheinigung dokumentiert.

„Viele Veranstalter von Reisen und Konzerten werden zur Sicherheit schon bei der Buchung einen Nachweis verlangen, dass ein vollständiger Impfschutz besteht.“ Dieser sei, so Ködding, mit dem klassischen Impfpass in der jetzigen Form nicht zuverlässig zu führen, „da die Personalien der geimpften Person auf dem äußeren Umschlag des Impfpasses stehen und dann irgendwo auf einer Seite im Inneren die Impfungen eingetragen sind.“ Da es nicht in allen Ausweisen eine Rubrik für Covid-19-Spritzen gibt, würde die Impfung „an irgendeiner geeigneten freien Stellen eingetragen, wo es allerdings keinen Bezug mehr zur geimpften Person gibt.“

Ködding: Nicht sofort für den Nachtrag zum Impfzentrum stürmen

Dass im Ausland „aber genau diese Dokumentation der Personalien und der Impfungen auf einer Seite“ gefordert würden, sehe man im Impfpass auf den ersten Seiten, wo zum Beispiel die international bedeutsame Gelbfieberimpfung oder auch Cholera und Pest entsprechend aufbereitet seien.

Zudem habe die Ersatzbescheinigung, die er als „Brückenlösung“ bezeichnet, praktische Vorteile: Auf dem zweisprachigen Dokument, das offiziell anerkannt sei, könnten auf einer Seite Name, Vorname, Geburtsdatum, die durchgeführten Impfungen und die Codierung erkannt und nachgewiesen werden. „Dieses Dokument – gescannt, fotografiert, verkleinert und laminiert eingelegt in den Impfpass – erfüllt alle derzeitigen Funktionen“, so Ködding, der an die bereits geimpften Menschen appelliert, nicht gleich sofort zum Impfzentrum zu stürmen, um den Nachtrag vornehmen zu lassen. Die wichtigste Aufgabe dort sei schließlich immer noch das Impfen. (Sebastian Schaffner)

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