Zwischen Pragmatismus und Trübsal

Start des Corona-Lockdowns sorgt für gemischte Gefühle im Kreis Hersfeld-Rotenburg

Beautysalon-Inhaberin Do Han aus Bad Hersfeld vertreibt sich die Zeit an Tag eins des erneuten Corona-Lockdowns im November 2020 mit Putzen und wischt den Boden ihres kleinen Geschäfts.
+
„Ich vertreibe mir die Zeit mit Putzen“: Beautysalon-Inhaberin Do Han aus Bad Hersfeld setzt der erneute Lockdown zu. Trotzdem will sie nicht untätig bleiben.

Der Teil-Lockdown hat begonnen. Geschlossene Gasträume, Schönheitssalons und Massagepraxen gehören nun wieder zum Alltagsbild im Kreis. Wir haben uns in den Innenstädten umgehört.

Hersfeld-Rotenburg – Nachdem die harten Einschnitte im Frühling bei milden Temperaturen zumindest draußen leichter zu ertragen waren, treffen die Schließungen im November zwar nicht alle Branchen, aber Kunden und Händler müssen jetzt nicht nur Hygienemaßnahmen erfüllen, sondern auch den kühlen Temperaturen trotzen. In der Bad Hersfelder Fußgängerzone stehen Christina und Martin Hohmann vor einem Fischrestaurant und essen belegte Brötchen im Stehen. „Da muss man jetzt einfach durch“, sagt Martin Hohmann und beißt in seine Mahlzeit zum Mitnehmen.

Im Moment stört die Rotenburger der Schmaus auf der Straße nicht. Vor den geschlossenen Schiebetüren des Restaurants denken die Eltern eines Vierjährigen aber auch schon an den Winter. „Dann werden wir vermutlich eher zu Hause kochen“, überlegt Christina Hohmann. Dass sie seit Ausbruch der Pandemie öfter in der eigenen Küche Essen zubereiten und weniger in Restaurants gehen, daran hat sich das Paar gewöhnt. „Das machen wir auch, weil wir unseren kleinen Sohn nicht gefährden wollen“, erklären die Eltern.

„Ich bin sehr traurig, dass jetzt wieder geschlossen ist“

Nicht überall dürfen Geschäftsbetreiber weithin einen Teilbetrieb führen. Massage- und Schönheitssalons müssen ihre Türen bis voraussichtlich Ende November geschlossen halten. Im Beautysalon von Inhaberin Do Han brennt trotzdem noch Licht. „Ich vertreibe mir die Zeit mit Putzen“, erklärt die Nageldesignerin und wischt über den grauen Boden neben dem Firmenschild. Die erneute Schließung ihres kleinen Geschäftes trifft die Inhaberin hart. „Ich bin sehr traurig, dass jetzt wieder geschlossen ist“, sagt die gebürtige Vietnamesin.

„Zur Not mache ich die Nägel einfach selbst“: Dass Schönheitssalons und Nagelstudios geschlossen bleiben, trifft Elina Altinwayova und ihren Partner Mazlum Aziz unvorbereitet. Unterkriegen lassen will sich die Bad Hersfelderin aber nicht.

Dass Schönheitssalons und Nagelstudios erst einmal schließen müssen, trifft manche Innenstadtbesucher trotz der Vorankündigungen unvermittelt, die neuen Hygienevorschriften verunsichern auch. Elina Altinwayova ist mit ihren Partner Mazlum Aziz in der Hersfelder Innenstadt unterwegs. „Ich dachte, weil die Friseure geöffnet sind, ist das bei den Nagelstudios auch so“, sagt die Hersfelderin überrascht. Ihre langen, dunkel lackierten Nägel würde sie gerne erneuern lassen, aber der Teil-Lockdown durchkreuzt ihre Pläne. Die Hersfelderin lässt sich durch die Einschränkungen nicht unterkriegen: „Zur Not mache ich die Nägel einfach selbst“, sagt sie.

Es ist kein Lockdown light, wenn die Kunden wegbleiben

So optimistisch gehen nicht alle mit dem Lockdown light um. Bebra macht eher einen betrübten und betrüblichen Eindruck. Die Geschäfte haben zwar auch hier geöffnet, Kunden kommen aber nur vereinzelt vorbei. „Es sind besondere Zeiten mit großen Herausforderungen für den Einzelhandel“ sagt Claudia Dehnhardt, Filialleiterin von Passerella Mode im Einkaufszentrum be! in Bebra. Sie und ihre Angestellte Ilona Klaffke merken von der Lightversion des Lockdowns nicht sehr viel. Für sie ist es fast wie ein kompletter Lockdown, weil einfach keine Kunden kommen.

Alles hat ein Ende - auch der erneute Lockdown: Das vermittelt zumindest dieses Ladenschild in Bad Hersfeld.

Dadurch, dass Cafés und Restaurants geschlossen bleiben, fehlt viele Menschen der Anreiz, in die Stadt zu gehen – so bleiben auch die Geschäfte leer. Ähnlich beschreibt der Bebraer Schuhmacher und Schlüsseldienst-Betreiber Jan Milki die aktuelle Situation. Zwar darf er sein Geschäft weiterhin öffnen, wie lange er das noch könne, sei aber unklar. Unterhaltungskosten wie Strom und Miete müssten aber trotzdem bezahlt werden, auch wenn die Kunden ausbleiben.

Die lange Suche nach einer Mahlzeit zum Mitnehmen

Für die nächsten Wochen komplett verbarrikadiert ist ein Kosmetikstudio in Rotenburg. Die Inhaberin ist vor Ort, möchte aber nicht viel zu der aktuellen Situation sagen. Ihr ginge es sehr schlecht und sie mache sich ernsthafte Sorgen um ihre Existenz, klagt sie.

Anderweitig vom Lockdown betroffen ist Christine Heger aus dem bayerischen Bamberg, die gerade auf dem Heimweg aus ihrem Wanderurlaub im Harz einen Zwischenstopp in Rotenburg macht. Auf einer solchen Reise macht sich irgendwann der Hunger bemerkbar, etwas zum Mittagessen zu finden, gestaltet sich jedoch schwierig. Nach langem Suchen habe sie ein Restaurant gefunden, das Speisen noch zum Abholen anbiete. Die aktuelle Situation löst bei ihr ein beklemmendes Gefühl aus, sagt sie. Damit müsse man sich jedoch arrangieren. (Von Lea-Sophie Mollus und Kim Hornickel)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Kommentare

Hinweise zum Kommentieren:
Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.