Interview: Bürgermeister Grunwald protestiert gegen Umstrukturierung des Jugendamts

Hersfeld-Rotenburg. Die Kernaufgabe der Jugendhilfe, der sogenannte „Allgemeine Soziale Dienst“ (ASD), soll schon im Mai aus dem Kreisteil Rotenburg abgezogen und in Bad Hersfeld konzentriert werden.

Damit sind die Bürgermeister in Bebra, Alheim und Rotenburg nicht einverstanden. Wir sprachen mit dem Verwaltungschef in Rotenburg, Christian Grunwald (CDU).

Herr Grunwald, Sie sprechen von Zentralisierungswahn der Kreisverwaltung. Was meinen Sie damit? 

Christian Grunwald: Unser Landkreis hat keine homogene Struktur, sondern viele regionale Bezüge. Das ist nicht schlimm, es ist einfach so, und das sollte man in Bad Hersfeld anerkennen: Auch nach 40 Jahren Gebietsreform gibt es noch so etwas wie die Altkreise Hersfeld und Rotenburg. Wir fordern, dass bürgerfreundliche wohnortnahe Dienstleistungen, die aus Steuermitteln aller Bürgerinnen und Bürger des Landkreises finanziert werden, auch weiterhin dort erhalten bleiben, wo sie sind.

Herr Grunwald, Sie halten nichts von der Zusammenfassung des ASD – dem Kernstück der Jugendhilfe – in der Kreisstadt. Warum?

Grunwald: Die Bürger sind zuerst Bürger der Kommune und bewegen sich in ihrem Sozialraum. Dort müssen wir sie aufsuchen, und daran sollte sich der Landkreis als Dienstleister orientieren. Man hat ja zum Beispiel erst vor wenigen Jahren unter der damaligen Ersten Kreisbeigeordneten Christa Bittner die Strukturen in Bebra und Rotenburg aufgebaut, um Hilfe vor Ort leisten zu können. Diese Sozialraumorientierung gilt allgemein als aktueller Standard.

Aus dem Landratsamt heißt es, die Zahl der Mitarbeiter im Jugendamt in Rotenburg bleibe trotz der Umstrukturierung (fast) gleich. Ist das kein Ausgleich? 

Grunwald: Es geht nach unseren Informationen um den „Allgemeinen Sozialen Dienst“ mit etwa 50 Erziehungshilfefällen und etwa 100 Erziehungs- und Scheidungsberatungen pro Mitarbeiter/in und Jahr und die Tagespflegebörse, die Kontakt zu etwa 100 Tagesmüttern und 400 Eltern hat. Beide werden nach Hersfeld abgezogen. Die dafür in Rotenburg neu zu verortenden Sozialpädagogen für die unbegleiteten minderjährigen Ausländer haben keine Kontakte im Büro, sondern gehen in die jeweiligen Einrichtungen. Ebenso die Amtsvormünder, die Kinder und Jugendliche in Heimen und Pflegefamilien betreuen. Es geht um Bürgernähe und Qualität, nicht um die Personenzahl.

Sie kritisieren auch, dass der ASD als wesentlicher Teil der Jugendhilfe kreisweit im Gebäude an der Berliner Straße in Bad Hersfeld zusammengefasst werden soll. Dort sollen Teile der Kreisverwaltung einziehen, bis ein geplanter Neubau steht. 

Grunwald: Ich kenne keinen Plan von einem Neubau für die Kreisverwaltung und ich glaube auch nicht, dass diese Zentralisierung stattfindet, um einen Neubau zu rechtfertigen. Die Berliner Straße ist jedenfalls denkbar schlecht zu erreichen, und ohne Auto schon gar nicht.

Man muss den Eindruck gewinnen, das Gebäude wird für Flüchtlinge nicht mehr gebraucht und ist eben einfach da. Das verstehen wir hier nicht. Und als Begründung sagt Frau Künholz (Anm. d. Red.: Elke Künholz, Sozialdezernentin), Bürgernähe sei ein Märchen, weil die Leute sowieso nicht freiwillig kämen. Das ist ein schlimmes Signal nach außen. Das Gegenteil muss der Fall sein: Den Menschen sollte vermittelt werden, dass sie die Hilfe des Jugendamts gerne in Anspruch nehmen können.

Begründet werden die angekündigten Veränderungen auch mit knappem Personal. 

Grunwald: Sollte die Zentralisierung des ASD der Weg des geringsten Widerstands sein, um das Personalproblem zu lösen, kann das nicht der richtige Weg sein. Es geht doch um eine der wichtigsten Leistungen des Landkreises. Die muss man dort machen, wo sie anfällt, Sprechzeiten vor Ort haben und nicht unterstellen, die Menschen kämen nicht gerne. Ich glaube auch nicht, dass das der Anspruch derer ist, die die Arbeit leisten. Wenn es so kommt wie geplant, haben sie die Anfahrtszeiten, müssen feste Termine machen, Unterlagen hin- und hertransportieren, die Gesprächsatmosphäre vor Ort fehlt. Das verschlechtert die Qualität der Arbeit.

Waren Sie in den Entscheidungsprozess beim Landkreis eingebunden? 

Grunwald: Wir haben die Pläne aus der HNA erfahren, und das ist auch unsere Kritik. Der Landkreis ist nichts ohne die Kommunen. Hier wohnen die Menschen, und mit denen sollten Frau Künholz und Landrat Dr. Koch reden. Wir fordern eine sozialraumorientierte Politik nach dem Leitspruch: Kurze Beine, kurze Wege.

Sie verteidigen das Jugendamt im Kreisteil Rotenburg wie ein Löwe sein Junges. Was treibt Sie an? 

Grunwald: Ja, wo sonst, wenn nicht beim Jugendamt, muss man denn vor Ort und dicht bei den Menschen sein? Wir müssen doch den Familien und Kindern da helfen, wo sie leben und nicht später die Symptome behandeln, wenn das Kind schon in den Brunnen gefallen ist.

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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