Der 88-Jährige Chanan Flörsheim besuchte sein Rotenburger Elternhaus

Rückkehr nach 77 Jahren

Die Stolpersteine, die an seine Eltern erinnern: Chanan Flörsheim hat weiße Rosen dort abgelegt.

Rotenburg. Als Chanan Flörsheim um sein Elternhaus am Ende der Rotenburger Lindenstraße herumgeht, wird er fast von einem Auto angefahren, so achtlos tritt er auf die Straße. Kein Wunder: Das Bild, das der 88-Jährige von diesem Fleckchen in Rotenburg hat, ist 77 Jahre alt. Damals gab es die große Fuldabrücke nicht, nicht die Unterführung zur Bundesstraße, es gab kaum Autos.

Chanan Flörsheim verbrachte als Hans Flörsheim seine Kindheit in Rotenburg und wurde 1934 von seinen Eltern aus Rotenburg weggebracht. Hans durfte als Jude nicht auf die Rotenburger Jakob-Grimm-Schule gehen.

Eltern von Nazis ermordet

Jetzt reiste Chanan Flörsheim nach Rotenburg und besichtigte vor dem Elternhaus die Stolpersteine, die an seine von den Nazis ermordeten Eltern Paula und Julius erinnern. Chanan Flörsheim ist groß und braungebrannt. Trotz seines hohen Alters ist er hellwach und vital – stellt sich mit einem verbindlichen Händedruck und einem zugewandten Lächeln als Chanan vor.

Wäre die Geschichte anders verlaufen – Hans Flörsheim könnte noch in Rotenburg leben, hätte hier Kinder und Enkel. So aber brach die Verbindung von Hans Flörsheim und seiner Heimatstadt ab. Wenn Chanan heute Deutsch spricht, dann mit einem eigentümlichen Akzent. Sein Deutsch ist viele Jahrzehnte alt.

Bei seiner Anreise mit dem Zug stieg er versehentlich in Lispenhausen aus, weil dort „Rotenburg-Lispenhausen“ durchgesagt wurde. Er konnte gar nicht glauben, dass Lispenhausen ein Haltepunkt der Bahn ist. „Lispenhausen, das waren doch nur ein paar Häuser“, sagt er und lacht.

Hans Flörsheim verbrachte Zeit in Leipzig, flüchtete weiter nach Amsterdam und von dort zu Fuß über die Pyrenäen nach Spanien. Er ging nach Israel und lebte in einem Kibbuz an, einer alternativen Lebensgemeinschaft. Dort arbeitete er in der Landwirtschaft.

Unterschlupf in Amsterdam

Die verstorbene Erika Heymann, die ihm und zwei weiteren Männern in Amsterdam Unterschlupf gewährte und sie so vor den Nazis rettete, wurde jetzt in New York in das Yad Vashem aufgenommen, die Gedenkstätte der Märtyrer und Helden des Staates Israel im Holocaust. Flörsheim war dort zu Gast und machte auf dem Rückweg Station in seiner alten Heimat Rotenburg

Heimat, ist das das richtige Wort? Chanan Flörsheim zuckt mit den Schultern. Auf die Frage, ob er in Rotenburg Gleichaltrige kennt, gibt er ein klares Nein als Antwort. Der sonst so aufgeschlossene Flörsheim sucht solche Kontakte nicht. „Da kommt automatisch der Gedanke: Was haben die Leute in der Nazizeit gemacht?“

Tagebuch ist veröffentlicht

Flörsheims Tagebuch, in dem er auch seine spektakuläre Flucht als Kind schildert, erschien vor drei Jahren unter dem Titel „Über die Pyrenäen in die Freiheit“ im Hartung-Gorre-Verlag.

Von Achim Meyer

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