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Schauspieler Michael Rotschopf im Interview: Warum Lehrer Keating ein anderer wird

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Ein interessanter Gesprächspartner: Michael Rotschopf spielt Lehrer Keating im „Club der toten Dichter“.
Ein interessanter Gesprächspartner: Michael Rotschopf spielt Lehrer Keating im „Club der toten Dichter“. © Steffen Sennewald

Der Schauspieler Michael Rotschopf teilt sich in diesem Jahr aus Termingründen die Hauptrolle im „Club der toten Dichter“ mit Götz Schubert. Wie das geht, verrät er im Interview.

Bad Hersfeld – Michael Rotschopf empfängt die Journalisten im blühenden Garten seines Bad Hersfelder Domizils unweit der Stiftsruine. Er serviert Erdbeerkuchen, Kaffee und selbst gemachten Eistee, während sein kleiner Hund Wanja die Besucher neugierig beschnüffelt. Auf dem Tisch liegt ein Gedichtband von Walt Whitman, „Leaves of Gras“. Eigentlich gibt Michael Rotschopf kaum Interviews – in Bad Hersfeld macht er eine Ausnahme. Und es wird ein äußerst vergnügliches Gespräch.

Herr Rotschopf, Sie teilen sich die Rolle des Lehrers Keating im „Club der toten Dichter“ mit Götz Schubert. Wie funktioniert das praktisch – spielen Sie den Keating einfach so wie er, oder sehen wir ganz unterschiedliche Figuren?

Sie werden einen anderen Keating sehen. Die Aufführung wird man zwar wiedererkennen, aber dabei auch neue Dinge entdecken. Götz Schubert und ich sind ganz unterschiedliche Menschen und Schauspieler, und deshalb wird auch unser Keating ganz unterschiedlich sein. Meine Sichtweise des Keating hat sich in den letzten drei Wochen durch die Arbeit mit dem Text und die Proben geformt. Nach vier Probentagen bin ich schon in den Endproben. Das finde ich wunderbar. Für mich sind das auch neue, aufregende Aspekte an dem Beruf: Schnelle Einstiege, Monologe auswendig lernen und ohne viel Proben sofort vor das Publikum gehen. Mir macht das unglaublich Spaß – vor allem mit diesem tollen, jungen Ensemble.

Ist das nicht für die jungen Schauspieler schwierig, sich auf zwei unterschiedliche Hauptdarsteller einzustellen?

Gerade diese jungen Kollegen sind von einer Wachheit und Flexibilität auf der Bühne, und von einer Lust, immer wieder Dinge zu verändern. Ganz in Keatings Sinne: Selbst wenn Sie glauben, etwas zu wissen, sollten Sie es noch mal überdenken.

Sie kennen Götz Schubert ja schon sehr lange, und Sie verstehen sich gut. Gibt es trotzdem eine Rivalität, wer nun den besseren Keating spielt?

Nein. Aber ich habe den Ehrgeiz, der Keating zu sein, der mir in der Erarbeitung des Stücks vorschwebt, also den besten Keating meiner Version: Einen virilen Freiheitskämpfer, einen außergewöhnlichen Lehrer, der mit allen Mitteln versucht, seine Schüler aus ihrer bürgerlichen Abhängigkeit zu retten. Eigentlich ist er ein Revolutionär.

Als der „Club der toten Dichter“ ins Kino kam, waren Sie 20 Jahre alt. Welche Erinnerungen haben Sie an diese Zeit und den Film?

Ich habe den Film erst später im Fernsehen gesehen. Die schauspielerische Leistung hat mich beeindruckt. Robin Williams, der ja eigentlich ein Stand-up-Comedian war, ist genau die richtige Besetzung für die Rolle – denn er war ein schwerer Melancholiker. Er grundiert die Figur aus dem Dunklen, nicht aus dem Hellen heraus. Ich finde aber, dass das Drehbuch von Tom Schulman eigentlich sehr viel stärker ist, als das, was der Film daraus macht. Das Buch ist wesentlich aufrauender, wesentlich aufregender. Die Position des Lehrers ist nicht nur eine gute, sondern auch eine durchaus fragwürdige. Man muss sich dabei ja auch die Frage stellen: Wofür erziehen wir junge Menschen, wofür bilden wir aus? Kunst muss immer in die Opposition gehen, und das tut Keating sehr hart. Deshalb habe ich den Film als sehr gut, aber eben auch als nicht zu Ende gedacht erlebt.

Hatten Sie selbst so einen außergewöhnlichen Lehrer Keating in der Schule?

Ich hatte so eine „wahnsinnige“ Lehrerin, sie hat uns in Französisch unterrichtet. Wir haben mit ihr eine Theatergruppe gegründet, wir haben damals Jean Genets „Die Zofen“ in der Stadthalle aufgeführt. Ich habe eine Frauenrolle gespielt – was für ein Skandal in unserer kleinen Stadt ...

Sie sind ein gefragter Schauspieler und hätten sicher auch eine „eigene“ Hauptrolle spielen können. Was reizt Sie daran, die Rolle mit Götz Schubert zu teilen?

Es gab immer wieder Avancen der Bad Hersfelder Festspiele in meine Richtung. Aber ich hatte nie Zeit und wusste auch nicht so richtig, was das hier ist. Dann habe ich aber immer mehr über die Festspiele gehört und schließlich kam ein Anruf, dass Götz Schubert in diesem Sommer Terminprobleme hat. Ich habe auch andere Engagements im Sommer. Aber dann fiel alles genau in die richtigen Löcher, und das ist doch großartig. (lacht) Aber auch wenn man sagt, dass wir uns die Rolle teilen: Wenn ich auf der Bühne stehe, dann ist das meine Rolle.

Im Fernsehen sehen wir Sie oft in der Rolle von etwas „geschniegelten“ Typen mit Anzug und Krawatte. Privat sehen Sie viel lässiger aus. Was für ein Typ ist der echte Michael Rotschopf?

(Fragt seinen Hund Wanja) Möchtest Du etwas dazu sagen? (Aber der Hund sagt natürlich nichts.) Wie beschreibt man sich selber? Das ist schwierig. Ich bin wohl eher ein Einzelgänger, bin viel unterwegs, aber ich ziehe mich auch viel zurück, denn ich bin die meiste Zeit beschäftigt mit Texten, mit Rollen, mit Literatur und Kunst. Das nimmt mich immer mehr ein. Auf Partys gehe ich selten, gehe kaum ins Kino, schaue kein Fernsehen und habe auch kein Instagram oder Facebook. Ich bin ein sehr rückzüglicher Mensch.

Liegt es daran, dass Sie kaum Interviews geben und man wenig über Ihr Privatleben weiß?

Ich gebe tatsächlich nicht viele Interviews. Der amerikanische Regisseur Orson Welles hat einmal gesagt: Es ist eigentlich egal, ob man zur Psychotherapie geht oder in ein Interview – man erzählt etwas, was man über sich nicht wusste.

Was dürfen denn unsere Leser über Sie wissen? Sind Sie verheiratet, haben Sie Kinder, wie leben Sie privat?

Ich wohne in Berlin mit meinem Hund Wanja. Das war’s. Ich bin nicht verheiratet, habe keine Kinder. (Schmunzelt) Und über meine Amouren wollen Sie sicher nichts wissen ...

... doch, will ich schon, und viele Leser sicher auch.

Ich bin nicht fest gebunden, und ich wollte das auch mein ganzes Leben nicht sein. Ich bin tatsächlich mit meinem Beruf verheiratet. Die Schauspielerei hat mich in vielen schwierigen Situationen gerettet. Deshalb habe ich meine berufliche Freiheit auch immer über alles gestellt. Und damit bin ich auch nicht unglücklich ...

... klingt aber einsam?

Ist es nicht. Ich bin ja den ganzen Tag unter Menschen. Wir Schauspieler sind ja eigentlich alle Wahnsinnige, sind anstrengend, sind Individualisten. Deshalb brauche ich die Stille und Ruhe, um wieder zu mir zu finden.

Neben dem Theater und Fernsehen machen Sie auch viele Hörspiele und Hörbücher. Dafür wurden Sie auch schon oft ausgezeichnet. Was reizt Sie daran an dieser Form der Kunst?

Eigentlich stimmt das so nicht. Ich mache gar nicht viele Hörspiele und -bücher, sogar vergleichsweise wenig. Es gibt allerdings viele Anfragen, aber ich brauche für jede Aufnahme etwa ein halbes Jahr Vorbereitung. Ich gehe nicht einfach ins Studio und lese etwas vor. Ich will die Literatur so verstanden haben, dass ich im Studio immer weiß, wo ich bin. Deshalb interessiert mich auch nur die große Literatur. Daran kann ich arbeiten, daran kann ich knorkeln. Ich muss Freude an der Literatur haben, damit die Hörer auch verstehen, was da abläuft. Denn die Fantasie der Zuhörer braucht einen starken Erzähler. (Kai A. Struthoff)

Zur Person

Michael Rotschopf (52) wurde in der kleinen Stadt Lienz in Tirol geboren. Am Max-Reinhardt-Seminar in Wien absolvierte er seine Schauspiel-Ausbildung und spielte dann am Wiener Burgtheater. Rotschopf arbeitete mit großen Regisseuren und Schauspielern zusammen und spielte auf vielen Bühnen, so auch bei den Salzburger Festspielen. Für seine Arbeit wurde er unter anderem mit dem O.E. Hassen Preis und dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Auch im Fernsehen spielt Rotschopf in vielen Serien und Krimis, unter anderem den Kripochef Gregor Meyer in „Stralsund“ oder Staatsanwalt Dr. Alexander Binz in „Soko Leipzig“. Zudem ist Rotschopf als Sprecher in Konzerten, Hörspielen und Hörbuchproduktionen im In- und Ausland beschäftigt. Der Schauspieler ist ledig und lebt in Berlin. 

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