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Schloss Rittershain nahe Rockensüß war früher ein beliebtes Ausflugsziel

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Von: Carolin Eberth

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Den Charme des Verfalls versprüht das verlassene Schloss Rittershain nahe Rockensüß.
Den Charme des Verfalls versprüht das verlassene Schloss Rittershain nahe Rockensüß. © Carolin Eberth

Als „Lost Places“, als vergessene Orte, bezeichnet man alte Gebäude, Ruinen, verlassene Häuser. In unserer Serie besuchen wir einige dieser Orte: heute Schloss Rittershain.

Rockensüß – Weit abgelegen von dem nächstgelegenen Cornberger Ortsteil Rockensüß steht eine Schlossanlage mit Park im Jugendstil, eingebettet zwischen dem Stölzinger und Richelsdorfer Gebirge. Fensterläden, die im Wind klappern, bröckelnder Hausputz und ein zugewachsener Märchengarten fallen bei heutiger Betrachtung sofort auf.

Und dennoch braucht man nicht viel Fantasie, um sich vorzustellen, welches Leben sich hier im ehemaligen Jagdschloss Rittershain einst abgespielt hat:

Vor 67 Jahren, im Sommer 1955, saß der Kasseler Fotograf Carl Eberth mit seiner Familie vor dem Haupteingang des Schlosses. Zu dieser Zeit war Rittershain ein beliebtes Ausflugsziel. Von weit her kamen die Menschen, um sich am Sonntag bei einem Tässchen Kaffee und einem Stück Kuchen von der harten Arbeit der Nachkriegszeit auszuruhen.

Damals, mit fünf Jahren, schoss der heute 71-jährige Carl-Heinz Eberth aus dem Waldkappler Ortsteil Schemmern, ein Bild von seiner Familie. „Ich kann mich noch daran erinnern, dass es sehr viele Holzbänke mit Tischen draußen im Park gab und fast alle Sitzplätze besetzt waren. Da war viel los“, erzählt Eberth.

Ein Seiteneingang mit Treppe, grüne Fensterläden und Gestrüpp.
Fast schon gruselig wirkt das verlassene Schloss, wenn im Wind die Fensterläden quietschen und klappern. © Carolin Eberth

Seit 1985 war Rittershain dann der Sitz des Vereins zur Förderung der Forschung und Ausbildung auf dem Gebiet der Pflanzenzucht. Er war 1964 von Martin Schmidt gegründet worden.

Später leitete sein Enkel und Forstexperte Stephan Schmidt den Verein, der auch im Schloss lebte. Der Verein informierte Besucher anhand von Ausstellungen über seine Arbeit und das Leben in Rittershain. Neben der Forschung fanden auch Schulungen und Fachseminare in Rittershain statt.

Jährlich luden die Familie Schmidt und der Verein am 1. Mai zum Tag der offenen Tür ein. „Das war für viele aus der Umgebung am 1. Mai immer ein schöner Anlaufpunkt“, erinnert sich der Ortsvorsteher von Rockensüß, Carsten Hollstein.

Der letzte Tag der offenen Tür, der für den 1. Mai 2011 auf Schloss Rittershain geplant war, fiel wegen Krankheit leider aus. Laut Pächter des Schlosses war ein letztes großes Fest in Rittershain geplant, da der Verein für Pflanzenzucht und Familie Schmidt im Sommer 2011 nach Rotenburg zur Dickenrücker Baumschule umzog, um dort ihre Arbeit fortzusetzen. „Leider steht das Schloss mittlerweile über ein Jahrzehnt leer“, bedauert Ortsvorsteher Hollstein.

Das Schloss, zu dem auch große Waldflächen und darunter liegende Wirtschaftsgebäude gehören, ist aktuell im Privatbesitz von Familie Brandhoff aus Nordrhein-Westfalen. „Mein Vater hat Rittershain im Jahre 1964 von Baron von der Recke als forst- und landwirtschaftliches Anwesen gekauft.

Ein altes schwarzes-weiß Bild, Familie sitzt vor dem Schloss Rittershain.
Ein beliebtes Ausflugsziel war Rittershain in den 1950er und 60er Jahren. Das Bild entstand 1955 und zeigt Fotograf Carl Eberth, zweiter von links, mit Familie. © Archiv Eberth

Das Herrenhaus stand ihm zunächst nicht zur Verfügung, weil die Mutter des Voreigentümers dort ein Wohnrecht auf Lebenszeit hatte und weil die übrigen Räume langfristig als Pension mit Restaurant verpachtet waren“, erzählt Eigentümer Helmut Brandhoff. Sich im Schloss einzurichten, sei daher für seinen Vater keine Option gewesen.

Er baute sich aus diesem Grund im Wirtschaftsgebäude eine Wohnung aus, um sich in Rittershain aufhalten und um den Aktivitäten Betreuung des Forstes und Verpachtung der landwirtschaftlichen Flächen sowie des Schlosses folgen zu können.

„Das Schloss ist im 19. Jahrhundert als Herrenhaus gebaut worden. Es war auf die damaligen Bedürfnisse zugeschnitten: hohe, repräsentative Räume im Erdgeschoss, große Wohnräume für die Eigentümerfamilie im Obergeschoss und zahlreiche mittelgroße Zimmer im Mansardgeschoss für das Personal wie Mägde, das im Haus tätig war“, sagt Helmut Brandhoff.

Die Arbeitskräfte für Forst und Landwirtschaft, die Knechte, hatten ihre Zimmer im Wirtschaftsgebäude. „In der damaligen Zeit war Rittershain eine Welt für sich.“

Die Situation habe sich mit und nach dem Ersten Weltkrieg und besonders drastisch nach dem Zweiten Weltkrieg geändert, mit der Mechanisierung der Land- und Forstwirtschaft. „Mit dem Einzug großer Maschinen sank der Bedarf an Arbeitskräften in starkem Maße.

Tag der offenen Tür am 1. Mai: 2008 war noch einiges los am Schloss Rittershain.
Tag der offenen Tür am 1. Mai: 2008 war noch einiges los am Schloss Rittershain. © Manfred Schaake

Daher war es durchaus folgerichtig, dass Baron von der Recke das Herrenhaus in eine einfache Pension mit Gaststätte umwandelte.“ Dabei seien allerdings nur die notwendigsten Investitionen gemacht worden: Ausrüstung der Mansardenzimmer mit Waschbecken, Einrichtung eines zentralen Bades, das allen Gästen zur Verfügung stand.

„Während dieser Standard in den 50er-Jahren den Gästen genügte, hatten sie in den 60er-Jahren höhere Ansprüche, insbesondere auf individuelle Badezimmer in den Räumen. Ein solcher Umbau wäre nur mit hohen Kosten möglich gewesen und wurde unter den Bedingungen von Rittershain als unwirtschaftlich betrachtet.“

In den Folgejahren hätten sich dann keine Pächter mehr für die Pension gefunden und diese wurde daher aufgegeben“, erzählt der Eigentümer.

Seit auch der Verein für Pflanzenzucht und Familie Schmidt als Pächter das Schloss Rittershain verlassen haben, sei der Eigentümer auf der Suche nach einem neuen Pächter oder einem Käufer.

„Aber das ist nicht leicht. Es müsste einiges investiert werden und die Lage ist auch keine Touristengegend“, sagt Brandhoff. „Vor einiger Zeit wollte das Schloss ein norwegischer Regisseur zum Drehen von Filmen nutzen, aber das hat leider auch nicht geklappt.“ (Carolin Eberth)

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