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Schweinepreise fallen weiter: Waldhessens Landwirte sind in ihrer Existenz bedroht

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Von: Carolin Eberth

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1,20 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht: Mehr sind Schweine aktuell nicht mehr wert am Markt. Landwirt Sven Mares aus Hohenroda spricht von der schwersten Krise der vergangenen Jahrzehnte für Schweinebauern.
1,20 Euro je Kilogramm Schlachtgewicht: Mehr sind Schweine aktuell nicht mehr wert am Markt. Landwirt Sven Mares aus Hohenroda spricht von der schwersten Krise der vergangenen Jahrzehnte für Schweinebauern. © carolin Eberth

Ein Kilo Schweinefleisch kostet laut Kreisbauernverband mittlerweile nur noch 1,20 Euro. Die Landwirte machen Verlust bei jedem Tier.

Hersfeld-Rotenburg - „Die Besorgnis in der Landwirtschaft ist sehr groß. Lange halten die Betriebe nicht mehr durch“, sagt Stefanie Wittich-Vogel vom Kreisbauernverband Hersfeld-Rotenburg. Grund der großen Besorgnis sind die seit zwei Jahren niedrigen Schweinepreise und die daraus resultierenden Existenznöte der Bauern. Lag der Preis für ein Kilo Schweinefleisch im Dezember 2019 noch bei zwei Euro, liegt er mittlerweile bei nur 1,20 Euro.

„Weil zusätzlich noch die Betriebskosten für Energie und Futtermittel stark angestiegen sind, macht ein Landwirt aktuell einen Verlust von 35 bis 50 Euro pro Tier“, sagt Wittich-Vogel. Zwar gebe es immer wieder in der Landwirtschaft preisliche Höhen und Tiefen. „Doch die jetzige Preisflaute hält bereits zu lange an, um von gewöhnlichen Schwankungen auszugehen“, sagt sie.

Bei dieser Preisentwicklung spielen sowohl das Coronavirus als auch die Afrikanische Schweinepest (ASP) eine Rolle: „Durch die Pandemie wird in den Schlachtbetrieben reduziert geschlachtet. Wenn in Deutschland weniger geschlachtet wird, bedient sich der Markt aus dem Ausland. Das lässt die Preise bei uns sinken.“ Durch die Pandemie finde gleichzeitig weniger Außer-Haus-Verzehr statt, Veranstaltungen wurden abgesagt, weshalb in Deutschland weniger konsumiert wurde und daher ein Überangebot an Fleisch bestehe. Hinzu kommt als zweiter wichtiger Grund die ASP.

„Sie blockiert die deutsche Lieferung auf die asiatischen Märkte als große Abnehmer. Dort vermeidet man den Import von Lebensmitteln aus ASP-Gebieten. Der Export spielt aber für uns eine große Rolle für die Vermarktung des gesamten Tieres, wie beispielsweise Pfötchen und Ohren, die in Deutschland nicht abgenommen werden“, erklärt Wittich-Vogel.

Die Situation der Schweinepreise trägt Aussichtslosigkeit, wie die Fachfrau vom Bauernverband beschreibt: „Die Schweinehalter haben mit der aktuellen Lage nur die Wahl zwischen Aufstockung, Ruin oder Ausstieg. Denn man braucht immer mehr Tiere und bekommt immer weniger Geld. Das ist ein Teufelskreis.“

Schweinepreise sinken: Zahl der Betriebe nimmt drastisch ab

Innerhalb des vergangenen Jahres gaben allein in Hessen zehn Prozent der schweinehaltenden Betriebe auf, wie der Kreisbauernverband mitteilt. Im Landkreis Hersfeld-Rotenburg gibt es 242 schweinehaltende Betriebe. 2016 waren es noch 325, 2010: 497, 2007: 752. Zahlen des Statistischen Bundesamts zufolge hat sich damit auch die Zahl der Schweine in Hersfeld-Rotenburg von 2010 bis 2021 um circa 30 Prozent reduziert.

„Stimmung ist im untersten Keller“: Schweinebauer Sven Mares berichtet aus der Praxis

Sven Mares (29) betreibt in fünfter Generation Landwirtschaft auf einem Hof in Hohenroda. Seit 1996 hat sich der Familienbetrieb zu einem spezialisierten Schweinebetrieb entwickelt, auf dem aktuell 175 Muttersauen leben, deren Ferkel aufgezogen und in eigenen Stallungen gemästet werden.

Seit knapp zwei Jahren hofft Mares nun darauf, dass sich die niedrigen Schweinepreise wieder erholen. Doch bis jetzt wurde er enttäuscht. Die Preise für Schweine, Ferkel und Sauen bleiben im Keller und nagen an der Existenz aller Sauenhalter.

Mares verzeichnet momentan einen Verlust von über 40 Euro pro Masttier. „Der niedrige Preis hat zur Folge, dass Reservepolster, die für betriebliche Weiterentwicklungen vorgesehen waren, schon verbrannt wurden und man mittlerweile an eiserne Reserven gehen muss“, sagt Sven Mares. Das Geld fehle außerdem, um die stetig wachsenden Tierwohlanforderungen und die steigenden Haltungsstandards erfüllen zu können.

„So kann es sein, dass man vielleicht diese Krise übersteht, aber durch fehlende Investitionen die verschärften Haltungsbedingen bald nicht mehr erfüllen kann und somit aus der Schweinehaltung aussteigen muss. Wir wären dann vermehrt auf Importe aus Nachbarländern angewiesen, wenn immer mehr Betriebe aufgeben.“

Neben den gesunkenen Schweinepreisen machen den Landwirten auch die gestiegenen Preise für Futter, Dünger, Treibstoff, Energie und Landmaschinen zu schaffen. „Statt 1,20 Euro für ein Kilo Schweinefleisch, müsste der Preis mittlerweile bei weit über zwei Euro liegen, damit wir überleben und wieder Rücklagen bilden können“, sagt Mares, der noch nicht an ein baldiges Aufatmen glaubt. Worüber er und viele andere Landwirte grübeln, sei die entscheidende Frage, wer sich aktuell durch die niedrigen Schweinepreise bereichert.

Denn das Fleisch an der Ladentheke sei mit wenigen Ausnahmen nicht günstiger geworden. Die Differenz zwischen Erzeugerpreis und Verbraucherpreis werde immer größer. Dabei seien bereits wenige Cents pro Kilogramm Schweinefleisch für viele Betriebe in der jetzigen Situation existenzrettend. „Die Stimmung ist also im untersten Keller“, verdeutlicht der Landwirt.

Das liege auch daran, dass es keine Hoffnung mehr gebe, dass Hilfe und Unterstützung von politischer Ebene kommt. „Wir erwarten nichts mehr und alles läuft eher nach dem Motto: Rette sich, wer kann.“

Denn es fehle an einer festen Planungssicherheit, wohin die Reise in der Landwirtschaft für alle Schweinebauern gehe. Seine Vision und auch der klitzekleine Hoffnungsschimmer aller Schweinehalter sei die 5D-Regel: geboren, aufgezogen, gemästet, geschlachtet und verarbeitet in Deutschland.

Aldi und Lidl haben für dieses Jahr angekündigt, die gesamte Wertschöpfungskette bei Schweinefleisch auf deutsche Herkunft umzustellen. „Ich bin gespannt, ob es ihnen auch gelingen wird“. Außerdem sei es elementar, dass verstärkt Aufklärung im Bereich der Lebensmittelerzeugung betrieben werde.

„Wir müssen künftig das gesamte Schwein in Deutschland verwerten, sagt Sven Mares. „Ein Schwein besteht nun mal nicht nur aus Lenden, Koteletts und Schnitzelfleisch“. Dabei sei es wichtig für den Verbraucher, dass er wisse, woher das Fleisch stammt. Nur so könne die Anonymisierung des Lebensmittels aufgehoben werden und wieder ein Schritt in die richtige Richtung gegangen werden. (Carolin Eberth)

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