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Sie will ihn nie wieder sehen: Gutachten und Plädoyers im Prozess um Stalker von Rotenburg

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Von: Christine Zacharias

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Das Landgericht in Fulda.
Das Landgericht in Fulda. © René Dupont

Im Prozess um den Stalker von Rotenburg wurden am Montag am Landgericht Fulda die Plädoyers gehalten. Der 53-Jährige hatte mutmaßlich geplant, eine Frau aus Rotenburg zu entführen.

Fulda/Rotenburg – Ist der 53-Jährige, der seit Jahren eine Rotenburgerin mit Nachstellungen und Drohungen verfolgt und der zuletzt vor einem Jahr mutmaßlich geplant hatte, sie zu entführen und nach Bulgarien zu verschleppen, psychisch krank, sodass er in einer Klinik behandelt werden müsste? Ist er verantwortlich für seine Taten und besteht eine Wiederholungsgefahr?

Das waren die Fragen, die die Berufungskammer am Landgericht Fulda mithilfe des psychiatrischen Gutachtens von Dr. Beate Eusterschulte im Prozess gegen einen unter anderem wegen Stalkings angeklagten 53-Jährigen klären wollte.

Der Mann war im Dezember 2021 vom Schöffengericht am Amtsgericht Bad Hersfeld zu einer Freiheitsstraße von zwei Jahren und neun Monaten ohne Bewährung verurteilt worden. Gegen dieses Urteil hatten sowohl die Staatsanwaltschaft als auch die Verteidigung Berufung eingelegt. Deshalb wurden zentrale Fragen erneut vor der Berufungskammer unter Vorsitz von Richter Dr. Jochen Müller erörtert.

An der Einschätzung der Gutachterin hat sich in den vergangenen Monaten wenig geändert. Da der Angeklagte nicht bereit war, direkt mit ihr zu sprechen – er hat im Laufe seiner kriminellen Karriere schon mehrere solche Gespräche geführt – war Eusterschulte auf die Aktenlage und ihre Beobachtungen im Gerichtssaal angewiesen. Sie stellte eine akzentuierte Persönlichkeit mit dissozialen und narzisstischen Zügen und auffälligen Verhaltensweisen fest, jedoch keine Persönlichkeitsstörung. Es gebe die durchgängige Tendenz zur Externalisierung, also dazu, die Schuld bei anderen zu suchen und auch Merkmale einer Borderline-Persönlichkeitsstruktur, der Angeklagte sei aber geistig völlig gesund und in der Lage aus freiem Willen eigene Entscheidungen zu treffen. Die Frage nach der Wiederholungsgefahr, die Eusterschulte im Dezember noch klar bejaht hatte, beantwortete sie diesmal ausweichend.

Völlig unterschiedlich waren die Schlüsse, die Staatsanwältin Heike Meeuw-Wilken, Verteidiger Sascha Marks und der Markus Sittig, der Vertreter der als Nebenklägerin anwesenden Rotenburgerin aus dem Gutachten und dem Prozess zogen. Die Staatsanwältin wies auf den langen Zeitraum der Nachstellungen und die gravierenden psychischen Belastungen für die Rotenburgerin hin. Der Behauptung des Angeklagten, er habe seine ehemalige Partnerin gar nicht entführen wollen, sondern die Entführung nur symbolisch inszeniert, um sich endgültig von ihr lösen zu können, schenkte Meeuw-Wilken keinen Glauben. Er habe sich dafür so hoch verschuldet und praktisch seine bürgerliche Existenz aufgegeben, das tue niemand nur zum Schein. Wie schon im ersten Prozess, forderte die Staatsanwältin eine Haftstrafe von vier Jahren.

Man könne nur bewerten, was tatsächlich passiert sei, hielt Verteidiger Sascha Marks dagegen. Und die Entführung sei eben nicht passiert. „Welcher geistig Gesunde entführt seine Ex-Partnerin nach Bulgarien. Das ist abwegig“, meinte Marks und sah deshalb die geplante Entführung als Aufarbeitung einer Lebensphase. Seine Forderung: Eine Gesamtstrafe im bewährungsfähigen Bereich, also unter zwei Jahren mit einem Kontaktverbot als Bewährungsauflage.

Nebenklagevertreter Sittig appellierte eindringlich an den Angeklagten, seine Mandantin endlich in Ruhe zu lassen. Er warf, wie auch der Verteidiger, der Polizei Versäumnisse vor. Anstatt den Angeklagten auf dem Campingsplatz in Kirchheim zu verhaften, hätte man ihm eine Falle stellen sollen, um zu sehen, ob er tatsächlich versucht hätte, die Rotenburgerin zu entführen. Sittigs Antrag: Zwei Jahre und elf Monate.

Das Urteil wird am Mittwoch verkündet. (Christine Zacharias)

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