Solidarität ist Teil des Konzepts 

Die Solidarische Landwirtschaft Oberellenbach versorgt über 400 Menschen mit Gemüse

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Ein Team, das wie eine Familie zusammenlebt: Den Corona-Abstand halten die Oberellenbacher hier nur symbolisch ein. Das Bild zeigt die Inhaber Günter und Dörte Hofmann (Mitte) mit von links den drei Lehrlingen Felix Herold, Car l-Louis Obrist, Maeve Cannone, den Freiwilligen Benjamin Gast und Deev Datta sowie Gärtnerin Susa Kemmer. Hündin Clara versteckt sich in der Bildmitte.

Solidarität ist in der Corona-Krise ein viel strapaziertes Wort. Bei der Solawi Oberellenbach gehört sie auch in guten Zeiten zur Grundidee.

Und sie ist deshalb auch Teil des Namens: Solawi steht für Solidarische Landwirtschaft.

Dörte und Günter Hufmann und ihre Mitarbeiter versorgen mittlerweile 200 Kunden – die bei ihnen Teilnehmer heißen – das ganze Jahr über mit frischem, regionalem, saisonalem und ökologisch angebautem Gemüse. Die Teilnehmer kaufen Ernteanteile: In guten Jahren gibt es mehr, in schlechten Jahren weniger Gemüse. Die Solawi ist mittlerweile in ihrer sechsten Anbausaison.

„Angefangen haben wir mit 37 Teilnehmern. Wir haben eine steile Entwicklung hingelegt“, sagt Dörte Hufmann. Dabei waren sie und ihr Mann sich anfangs gar nicht so sicher, ob es in der Region überhaupt einen Markt für ihre Idee gibt. Solidarische Landwirtschaften sind meist in der Nähe von Großstädten zu finden. In Nordhessen gibt es das Konzept laut Hufmann sonst nur in Wabern und Kassel. „Die Gegend hier ist ja nicht unbedingt von Menschen mit alternativem Lebensstil geprägt. Aber die Leute haben Lust auf das, was wir anbieten“, sagt die 43-Jährige.

So baute das Ehepaar sein Angebot Schritt für Schritt aus. Mittlerweile werden – inklusive Kräutern – 70 Kulturen angebaut. Als Beispiel: Diese Woche bekommen die Teilnehmer Salat, Ruccola, Winterheckenzwiebeln, Kohlrabi, Lauch, Rhabarber, Pastinaken, Zwiebeln, Möhren und Kartoffeln. Abgeholt werden können die Waren an Verteilstellen in Oberellenbach, Bebra, Bad Hersfeld und Melsungen. Ein kleiner Anteil (79 Euro monatlich) soll für zwei Personen reichen, ein großer für vier (107 Euro). Wer etwas nicht mag, kann sich in der Tauschkiste stattdessen etwas anderes nehmen.

Hufmanns hoffen, dass die Corona-Krise, in der sich die ganze Welt nach einem Virus ausrichtet, auch dazu führt, dass Menschen sich generell mehr Gedanken über ihre Gesundheit machen. Dazu gehöre zuvorderst die Ernährung. Auch die moderne Wirtschaft müsse hinterfragt werden. Möglichst viel aus dem Boden, den Pflanzen und den Tieren herausholen zu wollen – das werde auf Dauer nicht funktionieren, sagt Dörte Hufmann. Man könne nicht alles nur dem Profit unterordnen. „Humus-Aufbau zum Beispiel. Das ist eigentlich eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe.“ Unbegrenztes Wachstum, das will auch die Solawi Oberellenbach nicht. Derzeit hat sie zwar noch Kapazitäten frei, aber bei etwa 250 Teilnehmern soll Schluss sein.

Was bei der Solawi anders ist als bei Bio-Produkten im Supermarkt? „Bei Landwirten, die für Supermärkte produzieren, bleibt die Hälfte des Gemüses auf dem Acker, weil es zu groß oder zu klein ist, oder weil die Form nicht so ist wie gewünscht. Das ist eine Ressourcenverschwendung, die wahnsinnig ist“, sagt Dörte Hufmann. Ob theoretisch jeder in Deutschland oder gar auf der Welt seinen Bedarf an Gemüse mit nach Solawi-Standards produziertem Gemüse decken könnte? „Natürlich. Wir haben vier Hektar für über 500 Menschen. Das ist ein Witz. Mit Öko kann man die Welt nicht ernähren? Diese Einstellung ist vorsintflutlich“, sagt Dörte Hufmann. Kaum möglich wäre es hingegen, alle für die Ernährung notwendigen Feldarbeiten mit Pferd und Pflug zu erledigen. Bei Gemüse geht das aber, und so macht es die Solawi fast ausschließlich. Pferde verdichten den Boden nicht so wie Traktorreifen. Auch darüber hinaus ist das Konzept besonders: Ein Teilnehmer hilft bei der Beantwortung von E-Mails, einer mit seiner Expertise als Steuerberater. Und wenn es auf dem Feld mal viel zu tun gibt, kommen viele freiwillig zum Helfen. So wie derzeit in der Corona-Krise, aber auch im Dürresommer 2018, als kilometerweise Wasserschläuche verlegt werden mussten. Viele Teilnehmer kamen auch freiwillig für die zusätzlichen Wasserkosten auf.

solawi-oberellenbach.de

DAS TEAM

Dörte (43) und Günter Hufmann (53) legen Wert darauf, dass die Solawi nur mit ihnen beiden nicht funktionieren würde – es gehören auch Gärtnerin Susa Kemmer, Köchin Bärbel Hahn, die Lehrlinge und die Freiwilligen dazu. Das Ehepaar lernte sich auf einem Demeter-Gemüsebetrieb in Süddeutschland kennen. Vor 17 Jahren verschlug es sie nach Oberellenbach, wo die beiden gelernten Landwirte zunächst auf dem Kirchhof arbeiteten. 2015 begannen sie mit der Solidarischen Landwirtschaft. Das Paar hat einen 13-jährigen Sohn und zwei Töchter (zehn und fünf Jahre alt). Derzeit sind drei Lehrlinge da: Felix Herold, Carl-Louis Obrist und die Amerikanerin Maeve Cannone. Außerdem sind regelmäßig Freiwillige zu Gast, die gegen Kost und Logis arbeiten. Darunter waren schon Menschen aus Ländern wie Indien, Italien, und Malaysia – wegen Corona gibt es derzeit aber weniger Interessenten. Es kommen auch Deutsche mit abgeschlossener Ausbildung oder Studium, die neue Wege gehen möchten. Die Freiwilligen und Lehrlinge leben im Helferhaus, gegenüber vom Wohnhaus der Hufmanns. Für Mahlzeiten kommen alle zusammen. Auf dem Feld sind drei Pferde mit von der Partie und Hündin Clara, die Mäuse frisst.

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