Sommerinterview

Wildecks Bürgermeister Wirth über Arsen in Richelsdorf, die Corona-Pandemie und Drogen-Probleme

Wildecks Bürgermeister Alexander Wirth zeigt sich sportlich: In seiner Freizeit ist der Rathauschef gern mit seinem E-Bike unterwegs. Im Hintergrund ist Richelsdorf zu sehen.
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Wildecks Bürgermeister Alexander Wirth zeigt sich sportlich: In seiner Freizeit ist der Rathauschef gern mit seinem E-Bike unterwegs. Im Hintergrund ist Richelsdorf zu sehen.

In der Sommerpause interviewen wir alle Bürgermeister des Kreisteils Rotenburg. Heute: Alexander Wirth aus Wildeck.

Wildeck – Was sind derzeit die größten Herausforderungen in den Städten und Gemeinden? Wie groß waren die Beeinträchtigungen durch die Corona-Pandemie? Diese und andere Fragen stellen wir den Bürgermeistern im Landkreis in unseren Sommerinterviews. Heute: Wildecks Rathauschef Alexander Wirth. Der 51-Jährige spricht über die Arsen-Belastung in Richelsdorf, Drogenprobleme der Wildecker Jugend und eine Reise zum „Bergdoktor“.

Herr Wirth, wir treffen uns kurz vor Ihrem Urlaub zu diesem Interview. Urlaub heißt ja immer auch: sich erden, Abstand gewinnen, einfach mal die Arbeit im Büro lassen. Von welchem Thema brauchen Sie jetzt am meisten Abstand?
Das ist schon die Corona-Thematik mit all ihren Herausforderungen, denen wir uns stellen mussten und noch müssen. Ich habe in der Zeit selten Urlaub genommen, und war für die Verwaltung verfügbar. Ich freue mich darauf, an anderer Stelle die Seele baumeln lassen zu können und Kraft tanken zu können.
Seit anderthalb Jahren bestimmt nun schon das Coronavirus unseren Alltag. Wie ist Wildeck durch die Pandemie gekommen?
Als ganz am Anfang der Pandemie der Landrat die Grüße des Ministerpräsidenten übermittelte, sagte er, er erwarte von seinen Bürgermeistern ein stringentes Handeln in dieser Krise. Das haben wir hier in Wildeck so auch umgesetzt. Wir waren in vielen Bereichen sehr vorsichtig, haben beispielsweise das Schwimmbad vergleichsweise spät geöffnet. Die Ausgangssperre habe ich mit meinem Kollegen vom Ordnungsamt oft selbst kontrolliert ...
... und mussten Menschen nach Hause schicken?
Ja, das kam natürlich auch vor.
Wie hat sich die Pandemie finanziell auf die Gemeinde ausgewirkt?
Wir sind im Vergleich zu anderen Kommunen glimpflich davongekommen. Bei der Gewerbesteuer wurde deutlich, dass es, wie auch landesweit zu beobachten war, Gewinner und Verlierer gibt. Die Ausbreitung der Delta-Variante bereitet mir große Sorge. Da wird bestimmt noch einiges auf uns zukommen.
Der Haushalt für dieses Jahr sieht einen kleinen Überschuss von 45.000 Euro vor. Ist dieser Plan am Ende des Jahres haltbar?
Es gab einfach zu viele unvorhergesehene Ausgaben wie Investitionen in das Testzentrum, die vorher nicht planbar waren.
Eines der am heißesten diskutierten Themen ist immer noch die Arsen-Belastung in Richelsdorf. Wie geht’s da weiter?
Nachdem nun auch Grundstücke mit unter 50 Mikrogramm Arsen pro Kilogramm Erde hinzugerechnet werden, müssen wir jetzt erst mal abwarten, bis alle belasteten Flächen tatsächlich ermittelt sind. Dann können wir auch beziffern, über welche Summen wir wirklich reden – und wie die 200.000 Euro vom Landkreis, die der Kreistag freigegeben hat, verteilt werden könnten.
Wann werden die Messungen abgeschlossen sein? Noch in diesem Jahr?
Davon gehe ich stark aus. Uns läuft ja langsam auch die Zeit davon. Vom Regierungspräsidium und der HIM (Hessische Industriemüll GmbH, d. Red.) ist geplant, dass im Sommer nächsten Jahres der Bodentausch beginnen soll.
Was sind abgesehen davon die größten Herausforderungen in Wildeck?
Die Arsen-Belastung bleibt eine große Herausforderung, ganz klar. Wir werden uns auch weiter für Unterstützung vom Land einsetzen. Zumindest was den Bodenaustausch auf den gemeindlichen Grundstücken angeht, können wir das Kapitel auch bald abhaken. Das heißt auch, dass wir im nächsten Jahr wieder einen Spielplatz mehr haben und eine Minigolfanlage. Auch sonst steht Vieles an: Bis zum Ende der Sommerferien wird endlich die Kunststofflaufbahn in Obersuhl fertig werden. Das wird ein richtig schickes Stadion, auf das Wildeck stolz sein kann.
Ein Thema, das oft tabuisiert wird und durch Corona an Bedeutung gewonnen haben dürfte, ist der steigende Drogenkonsum. Auch in Wildeck greifen Jugendliche immer öfter zu illegalen Substanzen. Wie gehen Sie damit um?
Das ist in der Tat ein ernstes und vielschichtiges Problem. Grundsätzlich müssen wir aber unterscheiden: Nicht jeder, der ab und zu eine Tüte raucht, ist ein Krimineller. Es gibt aber auch welche, die Marihuana verkaufen. Andere nehmen Antidepressiva, wieder andere konsumieren chemische Drogen. Das ist dann schon eine andere Hausnummer. Viele wissen gar nicht, was sie ihrem Körper antun. Und wir reden hier über Jugendliche ab der siebten Klasse aufwärts. Aber ich warne davor, mit dem Finger auf andere zu zeigen. Die Probleme sind oft näher, als viele denken. Es gibt Eltern, die wissen, dass ihre Kinder Drogen nehmen, und sind damit völlig überfordert. Es gibt aber auch welche, die wissen es, leugnen es aber nach außen.
Wie kann die Gemeinde helfen?
Es gibt einen Beschluss der Gemeindevertretung, dass es dazu eine nicht-öffentliche Sitzung geben soll, in der es in einem ersten Schritt um einen Informationsaustausch gehen soll. Die Mitglieder der gemeindlichen Gremien müssen wissen, was los ist. Ich bin gerade dabei, diese Veranstaltung zu planen, und gehe davon aus, dass sie im September stattfindet. Die Polizei wird dabei sein, auch Frau Künholz (Erste Kreisbeigeordnete, d. Red.) hat bereits zugesagt.
Denken Sie schon über konkrete Hilfsangebote nach?
Ja. Erst vor wenigen Tagen habe ich mich mit einem Vertreter der Drogenhilfe Nordhessen getroffen. Das Gespräch war sehr überzeugend. Mein Wunsch ist es, dass wir von der Drogenhilfe auf Stundenbasis jemanden gewinnen können, der gezielt zu den Jugendlichen geht, Vertrauen aufbaut und ihnen hilft. In Ronshausen gibt es ein ähnliches Projekt. Daran würde ich gern anknüpfen.
Vorher können Sie aber erst mal Kraft im Urlaub tanken. Wo geht’s hin?
Wir machen in Österreich Urlaub, auf den Spuren des „Bergdoktors“. Meine Frau hat sich das so gewünscht. Wir haben die Reisepläne wegen Corona schon zweimal verschieben müssen. Aber jetzt ist es endlich soweit.

Zur Person

Alexander Wirth (51, parteilos) ist seit September 2014 Bürgermeister der Gemeinde Wildeck. Nach dem Realschulabschluss machte der gebürtige Richelsdorfer eine Lehre zum Werkzeugmacher und absolvierte den Wehrdienst. Dann begann Wirth eine Ausbildung im mittleren Polizeivollzugsdienst, wechselte in den gehobenen Dienst und studierte in Kassel mit dem Abschluss „Diplom-Verwaltungswirt“. 2002 arbeitete Wirth in der Ordnungsbehörde in Bebra. Ab 2004 arbeitete er bei der Stadt Fritzlar, ab 2011 war er Haupt- und Personalamtsleiter der Gemeinde Friedewald. Sein großes Hobby ist der Fußball. Viele Jahre lang war der Schalke-04-Fan Jugendleiter der SG Wildeck. Alexander Wirth ist mit seiner Frau Anke seit 1996 verheiratet. Sohn Nick ist 20 Jahre alt, Tochter Dana zwölf Jahre.

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