"Es geht nur mit Transparenz"

Tierwohl: Interview mit Willi Wege von der Hessischen Landgesellschaft

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Stroh als Einstreu und Rinderbürste fürs Wohlbefinden: Willi Wege von der Hessischen Landgesellschaft im Rinderstall des Landwirtschaftszentrums Eichhof bei Bad Hersfeld. 

Bad Hersfeld. Das Thema Tierwohl stand im Zentrum des Forums „Nachhaltigkeit in der Tierhaltung“, das am Mittwoch von der Hessischen Landgesellschaft und dem Landesbetrieb Landwirtschaft auf der Staatsdomäne Eichhof bei Bad Hersfeld ausgerichtet wurde.

Über die Anforderungen einer tiergerechten Landwirtschaft sprachen wir anlässlich der Veranstaltung mit Willi Wege, dem Fachbereichsleiter für Landwirtschaft und Bauwesen bei der Hessischen Landgesellschaft.

Das öffentliche Interesse am Tierwohl nimmt offenbar stetig zu. Haben Sie dafür eine Erklärung?

Willi Wege: Für den Verbraucher ist das Tierwohl ein wichtiges Kriterium beim Einkauf. Auch für den Landwirt ist es wichtig, um erfolgreich Tiere zu halten. Er richtet die Stallungen deshalb so ein, dass sich die Tiere im Stall wohlfühlen, gesund bleiben und somit auch eine gute Leistung bringen.

Gibt es überhaupt objektive Kriterien, um zu messen, wann sich ein Tier wohlfühlt?

Wege:Messbare Kriterien gibt es in dem Sinne nicht. Wichtig ist, dass die Tiere gesund aussehen, keine Verletzungen haben und sich artgerecht verhalten können. Der Tierwohl-Begriff wird einerseits geprägt von den subjektiven Wünschen des Verbrauchers und andererseits von den Vorgaben der Gesetz- und Richtliniengeber, die versuchen, auch wissenschaftliche Erkenntnisse einzubeziehen. Auch das Land Hessen hat für die Förderung von Stallbauten einen entsprechenden Kriterienkatalog festgelegt.

Durch den Strukturwandel werden landwirtschaftliche Betriebe immer größer. Hat das Auswirkungen aufs Tierwohl?

Wege:Die Größe eines landwirtschaftlichen Betriebs spielt für das Tierwohl keine Rolle. Es gibt Landwirte mit großen Tierbeständen, die vom Platzangebot und den Rahmenbedingungen mindestens genauso viel tun, wie kleine Betriebe.

Haben Sie ein konkretes Beispiel?

Wege: In Hessen gibt es noch bis zu 1000 kleinere Betriebe, auf denen die Rinder in Anbindeställen leben. Das ist aber nicht artgerecht, weil Rinder Lauftiere sind. Größere Betriebe halten ihre Milchkühe schon seit Anfang der 1970er- Jahre in Laufställen und haben die Haltung stetig weiterentwickelt, sodass den Tieren ein Vielfaches des von der Wissenschaft empfohlenen Platzangebots zur Verfügung steht.

Von den Vorstellungen vieler Verbraucher ist die moderne Landwirtschaft weit entfernt. Woher kommt diese Diskrepanz?

Wege:Was sich der Verbraucher wünscht, muss für den Landwirt wirtschaftlich umsetzbar und am Ende auch bezahlbar sein. Durch die zunehmende Verstädterung haben viele Verbraucher heute nur noch den Bezug zum Kuscheltier. Wir haben es aber mit landwirtschaftlichen Nutztieren zu tun, die gesund und wirtschaftlich gehalten werden müssen, um die Ernährung der Bevölkerung sicherzustellen.

Ist die geplante Einführung eines staatlichen Tierwohl-Siegels sinnvoll?

Wege: Neben dem geplanten staatlichen Tierwohlsiegel gibt es bereits sehr viele Labels der verschiedenen Öko-Verbände und der großen Lebensmittelketten. Bei allen muss man genau hinterfragen, was dahinter steht. Diese Vielzahl ist aus meiner Sicht für den Verbraucher eher verwirrend als nützlich.

Mit Außenterrasse: Dieser Schweinestall mit sogenannten Laufhöfen wurde von der Hessischen Landgesellschaft gefördert. 

Sie beraten Tierhalter bei Bauvorhaben. Investieren Landwirte aus eigenem Interesse ins Tierwohl oder wird das eher als notwendiges Übel empfunden?

Wege: Jeder Landwirt hat ein großes Interesse daran, Ställe zu bauen, die dem Tierwohl nach dem Stand der Technik nahekommen. Die Ställe müssen so errichtet werden, dass sie auch noch dem Zeitgeist von morgen entsprechen. Ansonsten werden Gebäude gebaut, die morgen nicht mehr für die Tierhaltung zugelassen sind. Das wäre das finanzielle Todesurteil für den Landwirt.

Lohnen sich Investitionen ins Tierwohl für die Landwirte auch finanziell?

Wege:Tierwohl bedeutet auch zusätzliche Kosten. Diese müssen über die Preise auf den Verbraucher umgelegt werden. Sonst geht die Gleichung nicht auf und die Tierhaltung geht bei uns in Hessen und in Deutschland weiter zurück. Das Problem ist, dass Produkte aus Ländern mit niedrigen Tierwohl- und Umweltbedingungen zu Billigpreisen angeboten werden.

Tierschutzorganisationen bezeichnen Tierwohl-Labels als Augenwischerei, viele Landwirte fühlen sich wiederum zu Unrecht an den Pranger gestellt. Lassen sich diese unterschiedlichen Vorstellungen überhaupt unter einen Hut bringen?

Wege: Aus meiner Sicht hilft nur Transparenz. Die Landwirte müssen den Verbrauchern Einblicke in ihre Produktion gewähren und zeigen, dass die gesetzlichen Standards eingehalten werden. Und sie müssen erklären, warum und wie gut sie das tun, was sie tun.

Zur Person: 

Willi Wege (59) ist Fachbereichsleiter für Landwirtschaft und Bauwesen bei der Hessischen Landgesellschaft. Seit über 40 Jahren berät der Diplom-Ingenieur im Auftrag unterschiedlicher Institutionen Landwirte. Seit 2001 arbeitet er für die Hessische Landgesellschaft, davor war er für das Land Hessen tätig. Wege lebt im Landkreis Marburg-Biedenkopf, wo er auch aufgewachsen ist. 

Die Hesssische Landgesellschaft:

Die Hessische Landgesellschaft – kurz HLG – wurde im Jahr 1972 gegründet und ist die staatliche Treuhandstelle für ländliche Bodenordnung in Hessen. Das gemeinnützige Siedlungsunternehmen mit Hauptsitz in Kassel gehört mehrheitlich dem Land. Unternehmensziel ist die Stärkung der Wirtschaftskraft und die Verbesserung der Lebensverhältnisse im ländlichen Raum. Zu den Aufgaben gehören unter anderem Flächenmanagement und Bodenbevorratung für Agrar- und Siedlungsentwicklung, Straßenbau, Naturschutz, die Verwaltung der Domänen des Landes sowie die Abwicklung von Sanierungs- und Entwicklungsmaßnahmen und die Abwicklung von Grundstücksgeschäften im Auftrag von Städten und Gemeinden. (jce)

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