In Notwehr mit dem Messer zugestochen?

Totschlagsprozess von Buchenau: Anklage fordert Freispruch

Das Bild zeigt den 22 Jahre alten Angeklagten (rechts) im Gespräch mit seinem Rechtsanwalt.  Sein Gesicht und ein Tattoo auf dem Arm sind verpixelt.
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Die Staatsanwaltschaft kann beim Totschlagsprozess von Buchenau eine Notwehr des Angeklagten nicht gänzlich ausschließen und plädiert auf Freispruch. Unser Foto zeigt den 22-Jährigen aus Buchenau (rechts) beim Prozessauftakt im Gespräch mit seinem Rechtsanwalt.

Das ist für viele wohl überraschend: Staatsanwalt Andreas Hellmich hat während seines Plädoyers im Totschlagsprozess von Buchenau einen Freispruch für den Angeklagten gefordert.

Fulda/Buchenau – Denn was sich nun ganz genau im Schlafzimmer eines Wohnhauses in Buchenau am späten Abend des Rosenmontags, 15. Februar, zugetragen hat, wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben. Fakt ist, dass die dort stattgefundene Auseinandersetzung für einen 41-Jährigen tödlich endete. Die Tat begangen hat unbestritten der 22 Jahre alte Ex-Freund der Tochter des Opfers.

Er brachte seinem Gegenüber 14 Messerstiche und -schnitte bei, als der 41-Jährige in angetrunkenem Zustand (1,56 bis 1,75 Promille) die Aussprache mit dem 22-Jährigen suchen wollte. Im Raum stand der Vorwurf seiner Tochter, dass sie ihr Ex-Freund, von dem sie sich tags zuvor getrennt hatte, Wochen vorher im Schlaf vergewaltigt haben soll. Weil der Angeklagte beharrlich schweigt, muss sich das Gericht bei der Urteilsfindung nun auf Zeugenaussagen und zwei Gutachten beschränken.

Im Zweifel also für den Angeklagten, da sich laut Hellmich eine Notwehr nicht gänzlich ausschließen lasse. Demnach sei ein Angriff des Opfers mit Latte oder Brett auf den Angeklagten nicht auszuschließen. Und für den Angeklagten habe es in dem Raum keinen anderen Gegenstand als das Messer zur Verteidigung gegeben.

Zudem sei keine der Verletzungen sofort tödlich gewesen. Auch der Stich in den Oberschenkel mit Durchtrennen der Arterie und der dadurch einhergehende immense Blutverlust hätte laut forensischem Gutachter ein weiteres Angreifen des Opfers von bis zu vier Minuten möglich gemacht, so Hellmich. Daher sei auch das Verletzungsbild – mit Stichen und Schnitten über den ganzen Körper verteilt – nicht untypisch.

Tochter beschreibt Vater als „leicht erregbaren Charakter“

Für eine Attacke des Opfers spreche auch das kurz vor der Tat gedrehte Video, auf dem der später Getötete den zitternd auf der Treppe sitzenden Angeklagten verhöhnt und erniedrigt. Zudem habe die Tochter während ihrer Zeugenaussage den Vater als einen leicht erregbaren Charakter beschrieben, nicht aber ihren Ex-Freund. So will sie ihren Vater vor der finalen Aussprache auch um Besonnenheit gebeten haben. Ihr Vater habe bei Streitereien mit ihr auch schon einmal ihr Handy und ihren Fernseher zerstört. Derartige Zusammenstöße habe sie mit dem Angeklagten nie gehabt.

Den Ausführungen des Staatsanwalts schloss sich Verteidiger Bernhard Zahn aus Aschaffenburg an. Er wertet die Tatsache, dass bei all den Stichen und Schnitten kein lebenswichtiges Organ verletzt worden sei, als Indiz dafür, dass der Angeklagte sich tatsächlich verteidigt und nicht in Tötungsabsicht gehandelt habe.

Nebenkläger fordert Totschlagsurteil

Das wiederum sieht der Vertreter der Nebenklage, Johann Müller, ganz anders. Für ihn sprechen die vielen Verletzungen auf beiden Körperseiten ganz klar gegen ein Notwehrverhalten. Der Angeklagte sei vielmehr emotionslos vorgegangen und habe nach der Tat kalt und ruhig gewirkt. Dafür spreche auch die Tatsache, dass er seiner Ex-Freundin nach der Tat das blutige Messer zeigte und sagte: „Wenn du noch etwas für deinen Vater tun willst, dann solltest du jetzt einen Krankenwagen rufen, denn das hat gerade in ihm dringesteckt“.

Müller ließ zudem nicht unerwähnt, dass der Angeklagte sich einer ersten handfesten Auseinandersetzung durch Flucht entzogen habe. Das wäre ihm sicher auch ein zweites Mal gelungen, da sein Opfer erheblich alkoholisiert gewesen war. Er hofft, dass das Gericht ein Totschlagsurteil fällen möge. Auch im Sinne der Familie des Opfers.

Zum Ende der Verhandlung hat der Angeklagte dann doch einen Satz gesagt: „Ich wollte mich nur für alles entschuldigen, was passiert ist.“ Das Urteil in diesem Fall wird Richter Josef Richter am Freitag sprechen. (Mario Reymond)

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