Fragen und Antworten

Überblick über die Lärm-Messung am Glockengeläut in Konrode

Freistehender Glockenturm von Konrode.
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Beschäftigt seit geraumer Zeit die Gemeindepolitik: Das Geläut der Glocke im Turm von Konrode hat den zulässigen Immissionsrichtwert um zwölf Dezibel überschritten.

Das Glockengeläut von Konrode beschäftigt seit einiger Zeit die Politik, denn es ist zu laut. Eine zweite Messung bestätigt das. Die wichtigsten Infos zum Glockenturm im Überblick.

Konrode – So viel steht seit der zweiten Lärmmessung des Regierungspräsidiums Kassel fest: Die Glocke im Schenklengsfelder Ortsteil Konrode läutet zu laut. Doch warum sind die Werte der ersten und der zweiten Messung unterschiedlich ausgefallen? Und welche Bedeutung haben sie überhaupt? Antworten auf die wichtigsten Fragen:

Die erste Messung lag unter dem Grenzwert. Läutete die Glocke also leiser als bei der zweiten Messung?

Nein. Die Lautstärke der Konroder Glocke hat sich nicht verändert – und das vermutlich schon seit dem Bau des Glockenturms 1968. Allerdings hat das Regierungspräsidium bei der ersten Messung zunächst nur den Parameter betrachtet, dessen Überschreitung bei einem Glockengeläut am wahrscheinlichsten ist: Den Spitzenpegel (LAFmax). Das ist der Höchstwert des momentanen Schalldruckpegels – also vereinfacht gesagt eine Momentaufnahme, die die kurzzeitig höchste Geräuschbelastung abbildet.

Außerdem fand die erste Messung bei Gegenwind statt. Am Messpunkt, einem 38 Meter vom Glockenturm entfernten Fenster, wurden deshalb „nur“ 89 dB(A) (Dezibel Bewertungskurve A) verzeichnet. Der zulässige Spitzenpegel liegt laut Technischer Anleitung zum Schutz gegen Lärm (TA-Lärm) bei 90 dB(A).

Und die zweite Messung?

Die fand bei leichtem Mitwind statt. Dadurch wurde am Messpunkt ein Spitzenpegel von 92,9 dB(A) verzeichnet – das Kriterium von 90 dB(A) also deutlich überschritten. Außerdem wurden bei dieser Messung weitere Parameter erfasst: Etwa der Mittelungspegel LAeq, ein Mittelwert des über einen Betrachtungszeitraum erfassten Schalldruckpegels. Und der Taktmaximal-Mittelungspegel LAFTeq, der zur Beurteilung impulshaltiger, also sich plötzlich stark ändernder Geräusche, verwendet wird.

Welcher Wert ist denn nun ausschlaggebend?

Alle genannten. Denn sie sind erforderlich, um den Beurteilungspegel Lr zu berechnen. Auf diese Größe beziehen sich nach Auskunft von Bodo Schott vom Fachdienst Bauordnung des Landkreises die Immissionsrichtwerte in der TA Lärm und damit letztendlich auch der Spitzenpegel, der jeweils nicht mehr als 30 dB(A) über dem maßgeblichen Immissionsrichtwert liegen darf.

Auch wenn das Regierungspräsidium Kassel im Zuge der Amtshilfe für die Gemeinde die Messungen vorgenommen hat, fällt die Glocke als nicht gewerbliche Geräuschquelle in die Zuständigkeit des Landkreises. Wobei der Fachdienst Bauordnung laut Schott ebenfalls nur Empfehlungen abgeben könne, da die Gemeinde als öffentlicher Träger selbst für den Zustand ihrer Anlagen verantwortlich ist. Sanktionen verhängen müsste gegebenenfalls die Kommunalaufsicht.

Was hat es nun mit dem Beurteilungspegel auf sich?

Er beschreibt die Belastung eines Geräusches für das Gehör über einen bestimmten Zeitraum – im Fall des Läutens in Konrode über die 16 Tagesstunden von 6 Uhr bis 22 Uhr. In den Beurteilungspegel fließen neben dem Mittelungspegel in Form von Dezibel-Zuschlägen auch besondere Störmerkmale ein. Neben der bereits erwähnten Impulshaltigkeit zählt dazu im Fall der Glocke die sogenannte Tonhaltigkeit – was bedeutet, dass innerhalb des Geräusches Einzeltöne zu hören sind. Für alle Mathe-Asse: Die genaue Formel zur Berechnung des Beurteilungspegels findet sich im Anhang der TA-Lärm unter Ziffer 1.4.

Das war jetzt viel Physik. Zu welchem Ergebnis kam denn nun die Messung?

Aus den Messwerten des Regierungspräsidiums und den Berechnungsvorgaben der TA-Lärm ergibt sich unterm Strich ein Beurteilungspegel von 72 dB(A). Der maßgebliche Richtwert für Mischgebiete liegt am Tag bei 60 dB(A) – der Geräuschpegel der Glocke ist also zwölf Dezibel zu hoch. Das scheint auf den ersten Blick nicht viel zu sein. Zur Einordnung sind allerdings noch mal mathematische und physikalische Grundlagen gefragt: Das Lautstärkeempfinden des Menschen ist subjektiv und von mehreren Faktoren, darunter dem Schalldruckpegel und der Frequenz, abhängig.

Um sie annähernd abbilden zu können, werden bewertete Schalldruckpegel – im deutschen Rechtssystem überwiegend die A-Bewertung – genutzt, die die Empfindlichkeit des Gehörs für verschiedene Frequenzen nachbilden sollen. Außerdem ist die Dezibel-Skala nicht linear, sondern logarithmisch. Die Schallpegelwerte können deshalb nicht einfach addiert werden. Als Faustregel gilt, dass die Erhöhung um 10 Dezibel als Verdoppelung der Lautheit wahrgenommen wird.

Wie laut ist die Glocke nun konkret?

Zur besseren Einordnung einige Vergleichswerte: Die Schmerzgrenze liegt bei 125 dB(A), das Motorgeräusch eines Traktors bei 90. 80 bis 90 dB(A) nennt das Land Hessen in einer Broschüre als aufdringliche, gesundheitsgefährdende Lautstärke. Ab einem Geräuschpegel von 85 dB(A) sei in Werkshallen Gehörschutz vorgeschrieben, da sonst auf Dauer Gehörschäden drohten, sagt Dirk Meuser vom Immissionsschutzdezernat des RP. Ein Presslufthammer in zehn Metern Entfernung oder starker Straßenverkehrslärm werden in der Literatur mit 80 dB(A) angegeben. 70 dB(A) entsprechen dem Geräuschpegel einer Hauptverkehrsstraße tagsüber, 45 dB(A) gelten als Zielwert für einen gesunden Schlaf.

Wenn die Glocke also zu laut ist, warum darf sie dann 21 Sekunden pro Tag läuten?

Das ergibt sich aus der erwähnten Formel für den Beurteilungspegel. Kurz gesagt ist das die maximale Dauer, über die die Glocke mit dem gemessenen Geräuschpegel erklingen darf, ohne über die 16 Tagesstunden den Immissionsrichtwert von 60 dB(A) zu überschreiten. Wobei sie dabei genau genommen auch den Spitzenpegel einhalten muss.

Warum fällt die Glocke überhaupt unter die TA-Lärm?

Weil das Zeitläuten kein kirchliches Geläut ist, das eine sakrale Handlung ankündigt und damit von der Religionsfreiheit geschützt wäre, verdeutlicht Bodo Schott vom Fachdienst Bauordnung. Im Zeitalter von Armbanduhren und Smartphones gebe es für die Tageszeitangabe per Glocke heute kein Erfordernis mehr – sie habe damit nur noch traditionellen Charakter. Allerdings: Ursprünglich soll das Morgen-, Mittag-, und Abendläuten auf das Angelusläuten der katholischen Kirche zu den Gebetszeiten zurückgehen. Dass das Konroder Geläut diesem Zweck dient beziehungsweise in dieser Tradition steht, dürfte allerdings kaum zu belegen sein.

Wie geht es mit der Glocke in Konrode nun weiter?

Nach Auskunft von Schenklengsfelds Erster Beigeordneter Beate Lüders gab es erste Dämmversuche am Glockenturm, deren Ergebnisse bislang allerdings nicht zufriedenstellend seien. Die Gemeinde suche deshalb weiterhin nach einer Lösung. Bis die gefunden ist, läutet die Glocke weiterhin pro Tag nur 21 Sekunden lang. (Jan-christoph Eisenberg)

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