Kreispolitiker beklagen zunehmende Aggressivität vieler Bürger

Umgangston in Ämtern im Landkreis wird gereizter

Wut und Frust aus den Pandemie-Monaten entladen sich nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern oft auch bei Behördengängen.
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Wut und Frust aus den Pandemie-Monaten entladen sich in Hersfeld-Rotenburg nicht nur in den sozialen Netzwerken, sondern oft auch bei Behördengängen.

Nach Monaten der coronabedingten Einschränkungen und Belastungen reagieren viele Bürger im Landkreis zunehmend aggressiv.

Hersfeld-Rotenburg - Wut und Frust entladen sich oft bei Behörden und Kreispolitikern. „Die Belastungsgrenze der Menschen ist erreicht, der Ton wird immer rauer“, sagt die Erste Kreisbeigeordnete Elke Künholz. „Oft werden wir hier vor Ort mit der großen Politik in einen Topf geworfen, und Corona hat das noch verschärft“, sagt auch Haunecks Bürgermeister Preßmann, der zugleich Sprecher seiner Amtskollegen im Kreis ist.

Während die Polizei im Werra-Meißner-Kreis eine Zunahme der sogenannten Hasskommentare im Internet verzeichnet, wurden im Polizeipräsidium Osthessen keine signifikanten Steigerungen registriert. Allerdings gehen die Behörden von einer hohen Dunkelziffer aus.

Tatsächlich beklagen alle von unserer Zeitung Befragten eine deutliche Verrohung von Sprache und Umgangsformen. „Die Leute drehen am Rad“, bringt es der Leiter des Ordnungsamtes von Bebra, Friedhelm Eyert, auf den Punkt. Auch wenn es kaum direkte Bedrohungen geben, so bekämen die örtlichen Behördenvertreter doch oft den „geballten Frust über die Lage in der Politik ab“, sagt Eyert. Und auch Michael Ernst, Büro leitender Beamter im Rathaus in Heringen stellt nach 29 Jahren im Dienst fest: „Die Nerven der Bürger liegen blank“. Das bestätigt auch Heringens Bürgermeister Daniel Iliev, der selbst ab und an sogar Drohbriefe erhält. „Es wird versucht, ein Klima der Angst zu schaffen, um eigene Interessen durchzusetzen“, sagt Iliev. Man sei nicht mehr gewillt, Kompromisse zu akzeptieren, sondern versuche, die eigenen Interessen mit dem „Dampfhammer“ durchzusetzen.

Das hat auch Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald nicht erst seit der Corona-Pandemie erfahren. Auch in der Debatte um die Erstaufnahmeeinrichtung in Rotenburg und dem Konflikt um das HKZ hätten viele versucht „ihr Mütchen zu kühlen“. Grunwald sieht darin auch ein Resultat einer „immer radikaleren Sprechweise“, die durch die AfD Einzug gehalten habe.

Elke Künholz (SPD)

Als Sozialdezernentin ist Elke Künholz einiges gewohnt. Schließlich haben sie und ihre Mitarbeiter es oft mit Menschen in Ausnahmesitutationen zu tun. „Mit Beschimpfungen haben wir es immer wieder zu tun, wenn sich Menschen ungerecht behandelt fühlen“, sagt sie. Dennoch werden der Ton und zuweilen auch die Umgangsformen immer rauer.

Nicht nur, dass sie selbst unflätigst beschimpft wurde oder mit Dienstaufsichtsbeschwerden belegt wird – unlängst habe bei einer Inobhutnahme durch das Sozialamt die Mutter das Kind abgeschirmt, während die Oma mit dem Gehstock auf die Mitarbeiterin des Kreises eindrosch.

„Klar, das sind Einzelfälle von Menschen in psychischen Ausnahmesituationen“, zeigt Künholz sogar Verständnis für Überreaktionen. Aber die Auswirkungen der Corona-Pandemie erfahre sie mit ihren Mitarbeiter immer wieder.

Auch Bürgermeister Harald Preßmann meint, dass Corona den Umgang miteinander belaste. Ungeduld und Unverständnis für das Handeln der Verwaltung habe zugenommen. „Die Bürger erwarten sofort eine Lösung und drohen gleich mit Konsequenzen“, berichtet Preßmann.

Dabei versuchten er und seine Amtskollegen im Kreis immer „mit viel Herz und möglichst unbürokratisch“ Lösungen zu finden – seien dabei aber natürlich an die geltenden Gesetze gebunden.

Heringens Rathauschef Daniel Iliev sagt, dass es oft gar nicht die Bürgermeister selbst, sondern die Mitarbeiter der Verwaltung sind, die den Zorn der Bürger abbekämen. „Man muss schon ein dickes Fell haben in der Verwaltung“, weiß Iliev.

Das hat auch Rotenburgs Bürgermeister Christian Grunwald lernen müssen. „Die ungefilterte Dümmlichkeit hat zugenommen, es wird schnell und ohne nachzudenken etwas im Internet gepostet. Deshalb dürfe man nicht alles so ernst nehmen.

Gleichwohl sieht Grunwald darin auch eine Gratwanderung, denn dumme Kommentare können zuweilen auch zu nackter Gewalt führen, wie der Mord an Regierungspräsident Walter Lübcke vor ziemlich genau einem Jahr auf tragische Weise bewiesen habe. Rotenburgs Bürgermeister sagt daher, er sehe daher schon einen Zusammenhang zwischen der zunehmenden Aggressivität im Umgang mit einer wachsenden Rechstradikaliät.

„Die Radikalisierung der Sprache ist ein Ergebnis der Sprechweise der AfD“, meint Grunwald. Immer mehr Menschen seien der Meinung „dass man das ja wohl noch sagen dürfe“ und gäben dabei sogar unter Namensnennung Kommentare von sich, die vor einiger Zeit noch undenkbar waren.

„Wir müssen uns daher auch sprachlich ganz klar von dieser Radikalität abgrenzen“, fordert Grunwald. Dies beginne schon im Kreistag. Für ihn sei klar: „Wer so redet, erhält von mir keine Antwort.“ (Kai A. Struthoff)

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