SOMMERINTERVIEW mit Nentershausens Bürgermeister Ralf Hilmes (SPD)

„Uns werden 700 000 Euro fehlen“

Das Bild zeigt den Nentershäuser Bürgermeister Ralf Hilmes an seinem Gartenteich, wo er Goldfische füttert. Das Bild entstand im Zusammenhang mit einem Interview über stressige Corona-Zeiten und zeigt, wie Hilmes sich entspannt.
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Nicht nur während des Lockdowns sein Lieblingsort: Wenn Ralf Hilmes Zeit hat, entspannt er am liebsten im eigenen Garten. Auch die Fische im Teich freuen sich, wenn der Bürgermeister mal vorbeischaut – sofern er Futter dabei hat.

Was sind nun die größten Herausforderungen der Corona-Pandemie? Wir fragen bei den Bürgermeistern nach. Heute: Ralf Hilmes (SPD) aus Nentershausen.

Herr Hilmes, wenn Sie nicht Bürgermeister von Nentershausen, sondern hessischer Ministerpräsident wären – was hätten Sie während der Coronakrise anders entschieden?

Inhaltlich hat das Land richtige Entscheidungen getroffen. Das zeigen auch die Fallzahlen. Ich hätte allerdings dafür gesorgt, dass die Kommunen mehr Zeit gehabt hätten, Verordnungen umzusetzen. Erst am Freitag etwas zu kommunizieren, was ab Montag gelten soll – das geht einfach nicht. Jetzt kommt es darauf an, weiter richtige Entscheidungen zu treffen.

Welche wären das?

Als Ministerpräsident würde ich mich gerade jetzt dafür einsetzen, dass einheitliche Corona-Regeln gelten. Wenn ich nach Thüringen fahre, kann es sein, dass ich mich mit den hessischen Regeln völlig falsch verhalte. Da blickt niemand mehr durch. Wofür ich mich auch ganz klar aussprechen würde, ist die Stärkung des ländlichen Raums. Die Coronakrise hat gezeigt, dass nicht so dicht besiedelte Regionen Vorteile haben. Hotspots mit hohen Infektionszahlen hatten wir nicht. Wenn das Land einen Euro ausgibt, müssen 50 Cent in die Ballungsgebiete, aber eben auch 50 Cent in den ländlichen Raum fließen. Wir Kommunen brauchen die finanzielle Unterstützung. Und ich würde anregen, flächendeckend die Straßenbeiträge abzuschaffen und die Kindergartenbeiträge dauerhaft auszusetzen, damit wieder Frieden im ganzen Land herrscht und der Bürger in Corona-Zeiten entlastet wird.

Wie ist Nentershausen bislang durch die Coronakrise gekommen?

Die Gemeinde hat die Pandemie ganz gut weggesteckt. In der Verwaltung hat uns die Krise allerdings sehr strapaziert. Vor allem, weil wöchentlich immer wieder Neuerungen vom Land kamen, die wir umsetzen mussten.

Finanziell war der Lockdown nahezu überall ein schwerer Schlag ins Kontor. Im Nentershäuser Gemeindehaushalt sind 924 000 Euro Gewerbesteuereinnahmen kalkuliert. Die CDU, die im Februar gegen den Haushaltsplan stimmte, hatte gewarnt, der Gemeinde fehle ein Puffer. Nun haben Sie im ersten Halbjahr nach Angaben des Statistischen Landesamtes nur 63 000 Euro Gewerbesteuern eingenommen. War der Etat zu optimistisch kalkuliert?

Wir haben unseren Haushalt noch im alten Jahr aufgestellt und im Februar verabschiedet. Da wusste man zwar, dass es das Coronavirus gibt. Aber kein Mensch konnte ahnen, welche Ausmaße die Pandemie für uns alle haben wird. Die Gewerbesteuer, die wir geplant haben, haben wir im vergangenen Jahr auch vereinnahmt – und uns damit klar an die Berechnungsempfehlungen des Landes gehalten. Die Gewerbesteuer war also solide kalkuliert. Fest steht aber auch, dass uns Stand heute von 924 000 Euro am Ende 700 000 Euro fehlen werden.

Insgesamt war im Finanzplan ein Plus von 8719 Euro vorgesehen. Rutscht die Gemeinde jetzt in die roten Zahlen?

Bei einem Haushaltsvolumen von 4,4 Millionen Euro, wovon allein eine Million für Lohnkosten und 1,75 Millionen für die Kreis- und Schulumlage draufgehen, kann man nicht mehr viel sparen. Für das aktuelle Jahr ist der Überschuss knapp kalkuliert. Bei 8719 Euro muss alles glattgehen. Das werden wir nicht erreichen, das ist jetzt schon klar. Fakt ist: Wenn wir unsere Einnahmen solide planen und dann plötzlich 700 000 Euro Gewerbesteuerausfälle haben, brauchen wir Hilfe vom Land. Sonst müssten wir unsere Bürger belasten. Und das möchte ich vermeiden.

In den vergangenen Wochen hat sich die Corona-Lage entspannt. Was sind jetzt die größten Herausforderungen für die Gemeinde?

Wir sorgen dafür, dass die Investitionen, die im schon genehmigten Haushalt stehen, auch getätigt werden. Dazu gehört die Kanalsanierung in Süß. In Dens muss die Ortsdurchfahrt gemacht werden.

Wie sieht’s beim geplanten Neubau des Feuerwehrgerätehauses in Süß aus?

Gut. Wir hätten zwar gern schon drei Monate früher angefangen, aber das ging wegen Corona nicht. Den Spatenstich haben wir dann in der vergangenen Woche gemacht. Bis zum Herbst soll der Rohbau mit Dach stehen. Wann alles fertig ist, hängt auch davon ab, ob alle Baustoffe lieferbar sind. Deshalb möchte ich mich in Coronazeiten nicht auf ein Datum festlegen.

Wegen des Großveranstaltungsverbots müssen auch die Feste in Nentershausen und den Ortsteilen ausfallen. Wie ist die Stimmung in der Gemeinde?

Das ist für die Gemeinde wirklich dramatisch. Das ganze Dorfleben leidet darunter. Wir haben drei Kirmessen absagen müssen, der Mittelaltermarkt auf der Tannenburg steht auf der Kippe, Sommerfeste finden nicht statt. Diese Einnahmen fehlen den Vereinen. Wir überlegen gerade, was wir mit dem Seniorennachmittag Anfang Dezember machen. Kann ich es den älteren Leuten zumuten, dass sie sich in Busse setzen, um nach Nentershausen zu fahren? Ich hoffe, dass Corona nicht für ein Vereinssterben sorgen wird.

Sie selbst hatten im März des vergangenen Jahres bei einem schweren Skiunfall einen komplizierten Oberarmtrümmerbruch erlitten. Wie geht es Ihnen gesundheitlich?

Ich habe nach wie vor große Probleme mit meinem Arm, auch wenn man mir das nicht ansieht. Aber meinen Aufgaben als Bürgermeister komme ich natürlich trotzdem nach.

Fahren Sie diesen Sommer in den Urlaub?

Nein. Meine Frau und ich haben uns wegen Corona dafür entschieden, unser Urlaubsgeld in der Region auszugeben. Wir wollen Rad fahren, wandern, auch mal Essen gehen und uns Städte anschauen, die wir uns sonst vielleicht nicht angeschaut hätten.

Zum Beispiel?

Interessant finde ich die Kasseler Gegend, Hofgeismar, den Schwalm-Eder-Kreis – auch um Anregungen für die touristische Infrastruktur zu bekommen. Wenn ich mir den Werra-Burgensteig und die Premiumwanderwege etwa im Geo-Naturpark Frau-Holle-Land anschaue – da ist etwas aufgebaut worden.

Durch die Reisebeschränkungen machen viele Menschen Urlaub zuhause. Macht sich das auch auf dem Premiumwanderweg Tannenburg bemerkbar?

Zum Glück, ja. Der Weg wurde schon vor der Pandemie sehr gut angenommen. Corona hat diesen Trend noch einmal verstärkt.

Von Sebastian Schaffner

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