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Vergessene Orte im Kreis Hersfeld-Rotenburg: Der Bergpark Weidenhain schlummert im Dornröschenschlaf

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Von: Jan-Christoph Eisenberg

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Sagenumwoben: Das „Henkerhäuschen“ im Bergpark Weidenhain liegt abseits der noch begehbaren Wege.
Sagenumwoben: Das „Henkerhäuschen“ im Bergpark Weidenhain liegt abseits der noch begehbaren Wege. © Jan-Christoph Eisenberg

Als „Lost Places“, als vergessene oder verlorene Orte, bezeichnet man alte Gebäude, Ruinen, verlassene Häuser. In unserer Serie besuchen wir einige davon in der Region und erinnern an ihre oft wechselvolle Geschichte. Diesmal: Der Bergpark Weidenhain.

Philippsthal – Es bedarf schon einer großen Portion Fantasie, um die frühere Pracht des Bergparks Weidenhain zu erahnen. Dabei war das unscheinbare Wäldchen einst so etwas wie der kleine Bruder des weltberühmten Bergparks in Kassel-Wilhelmshöhe: Ab dem Jahr 1810 ließ der naturverbundene Landgraf Ernst Constantin zu Hessen-Philippsthal den ehemaligen Weinberg am rechten Werraufer zum Landschaftspark im englischen Stil umgestalten. Ein Netz von Verbindungspfaden schlängelte sich an dem mit Sandsteinmauern zu Terrassen geformten Stielhang empor.

Unter dem Eindruck seiner Reisen erschuf der durch den Militärdienst weit herumgekommene Regent zwischen Bundsandsteinfelsen mit Bäumen und Sträuchern laut Überlieferung eine „Alpenlandschaft en miniature“. In der „Kaffeemühle“, einem kleinen Steinhaus am höchsten Punkt, sollen der lustwandelnde Landgraf und sein Gefolge nach dem steilen Aufstieg bei einer Tasse Mokka den Panoramablick über das Werratal auf die Nachbarstadt Vacha und die Berge der Rhön genossen haben.

Der Weidenhain genannte Geländeabschnitt – auf Philippsthaler Gebiet, aber direkt gegenüber von Vacha am anderen Ende steinernen Werrabrücke gelegen – war damals kulturelles Bindeglied zwischen der landgräflichen Residenz und der damals prosperierenden Werrastadt. 1837 ließ Ernst Constantin auf der gegenüberliegenden Straßenseite am Fuß des Bergparks das Casino erbauen, das heute ein Wohnhaus ist. Der Gasthof mit Kegelbahn, Billardzimmer und Gartenterrasse war Treffpunkt der feineren Gesellschaft. Gegenüber in der Weidenhainer Schlucht befand sich der landgräfliche Schießstand. Davor errichtete Ernst Constantins Nachfolger Landgraf Carl einen Festsaal mit Bühne für Veranstaltungen der 1837 gegründeten Casinogesellschaft, einem Kreis honoriger Bürger, der bis zum Beginn der NS-Zeit bestand. Nach dem Ersten Weltkrieg beherbergte der Festsaal das Reform-Realgymnasium, das später mit der höheren Privatschule Vacha verschmolz. Von 1926 bis 1952 wurde das Gebäude als Kino genutzt und im Frühjahr 1960 wegen Baufälligkeit abgerissen.

Längst hat sich die Natur auch den Landschaftsgarten, der heute teils K+S, teils der Gemeinde und teils noch den Nachkommen der landgräflichen Familie gehört, zurückerobert. Ein Blick auf Vacha lässt sich nur noch in den Wintermonaten durch die kahlen Äste der in die Höhe gewachsenen Bäume erhaschen.

Dennoch haben einige Relikte aus der Landgrafenzeit überdauert: Die dem Bergpark-Begründer Ernst Konstantin gewidmete Gedenktafel aus dem Jahr 1847 etwa, der ehemalige Bierkeller des Kasinos und zahlreiche Sandsteinmauern. Die Ruine der Kaffeemühle baute der Verein Freunde der Heimat ab 1975 als sein Vereinsheim wieder auf, das in Nicht-Coronajahren ein beliebtes Wanderziel am Himmelfahrtstag ist. Seinerzeit wurde auch der Park wieder passierbar gemacht. Ein Teil dieser Pfade ist noch immer oder dank neuer Treppenschwellen seit Kurzem wieder begehbar. Durch den östlichen Park-Abschnitt führen sogar der Grenzgedächtnis- und der Grünes-Band-Wanderweg auf den Siechenberg.

Nicht umsonst ist allerdings der frühere Hauptzugangstorbogen mit einem Gitter verschlossen: Abseits der ertüchtigten Wege zeugen eingerutschte Sandsteinmauern und umgestürzte Bäume davon, dass der Hang in Bewegung ist.

Rund ums sogenannte Henkerhäuschen haben sich zentnerschwere Felsbrocken aus dem Hang gelöst. Um dieses in den Berg gebaute Gewölbe rankt sich manche Legende: Angeblich mündete hier ein unterirdischer Gang zwischen dem Serviten-Kloster Vacha und dem Nonnenkloster Kreuzberg im späteren Philippsthal. Was davon Dichtung ist und was Wahrheit – schwer zu sagen.

Vielleicht wird ja – ganz wie im Märchen – irgendwann auch der Bergpark Weidenhain aus dem Dornröschenschlaf wachgeküsst. Laut Bürgermeister Timo Heusner gibt es erste Überlegungen, die Anlage in Verbindung mit einer naturschutzrechtlichen Ausgleichsmaßnahme wieder für Besucher zu erschließen. Um die einstige Pracht zu erahnen, wird aber auch dann wohl weiterhin eine große Portion Fantasie nötig sein.

Von Jan-Christoph Eisenberg

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