Über die Lage in den Arztpraxen

„Vieles war alternativlos“: Interview mit Hausärzten aus Hersfeld-Rotenburg über Corona und Grippe

Einer Person wird mit in den Oberarm gespritzt. Zu sehen ist eine Nahaufnahme vom Arm des Patienten sowie der verabreichten Spritze.
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Effiziente Impfstrategie in den Arztpraxen: In den ersten drei Wochen sei dort so viel geimpft worden, wie in den Impfzentren in den vier Monaten davor, sagt Dr. Martin Ebel, Hausarzt und Vorsitzender des Hausärzteverbands im Kreis Hersfeld-Rotenburg.

Gleichzeitig zur Coronapandemie wartet im Winter auch die Grippewelle. Über die Situation in den Hausarztpraxen haben wir mit Dr. Martin Ebel und Dr. Sebastian Auel gesprochen.

Die Mehrheit im Landkreis ist gegen das Coronavirus geimpft. Ist die Pandemie jetzt vorbei?
Dr. Martin Ebel: Aus meiner Sicht haben wir da noch einiges vor uns. Wir haben sowohl im Kreis, als auch in Hessen eine gute Impfquote, allerdings müssen wir eine gewisse Schwelle überschreiten, um die Pandemie zum Stillstand zu bringen. Das Problem ist, wir müssen immer mehr Anstrengungen unternehmen, um die letzten noch Ungeimpften zu erreichen.
Was sagen Sie denn den Menschen, die sich nicht gegen das Coronavirus impfen lassen?
Ebel: Der normale Betrieb in den Praxen gibt uns die Möglichkeit, zu schauen, wer geimpft ist und wer nicht. Und dann müssen die Patienten Farbe bekennen. Der eine oder andere Ungeimpfte wird dann direkt angesprochen und gefragt, was der Grund ist.
Was hören Sie für Antworten?
Die einen sagen, sie konnten sich noch nicht aufraffen, andere sagen, der Impfstoff sei das größte Gift. Manche sind grundsätzliche Gegner, andere einfach nur skeptisch, weil der Impfstoff noch nicht genug erforscht sei. Für wieder andere ist Corona nur der Aufhänger für eine grundsätzliche Oppositionshaltung gegenüber dem Staat.
Seit Beginn der Pandemie leben in Deutschland gefühlt 83 Millionen Virologen. Wie hat Corona die Arbeit in der Arztpraxis verändert?
Ebel: Die Mehrheit unserer Patienten hat uns im Frühjahr die Bude eingerannt, teilweise, als es den Impfstoff noch gar nicht gab. Deshalb haben wir eine Liste von Impfwilligen erstellt, damit wir wissen, wen wir ansprechen können und zuerst die erreichen, die tatsächlich willens sind, sich impfen zu lassen. Das war für uns und unsere Arbeitseffizienz wichtig, aber auch deshalb, damit wir schnell eine hohe Impfquote erreichen.
Das Gesundheitsamt in Bad Hersfeld sah nach Schließung des Impfzentrums keinen Grund, mobile Impfteams oder ähnliche Angebote des Landkreises aufrechtzuerhalten. War das die richtige Entscheidung?
Ebel: Was die Impfzentren selbst betrifft, denke ich: Ja, die waren in dieser Form nicht mehr erforderlich. Was wahrscheinlich gut gewesen wäre, wäre die parallele Aufrechterhaltung einer abgespeckten Kleinversion der Zentren, etwa eines mobilen Impfteams, falls die Lage noch mal eskaliert und eine neue Welle von uns allein schwer beherrschbar wäre.
Im Winter droht nun eine weitere Welle: die Grippewelle. Wie wichtig ist es, sich gegen die Influenza zu impfen?
Dr. Sebastian Auel: Aus meiner Sicht macht das durchaus Sinn, gerade die älteren Patientengruppen im Alter von 40 aufwärts sollten sich gegen die Grippe impfen lassen. Ich glaube nicht, dass die Grippewelle so schlimm wird wie in den Jahren zuvor, einfach weil die aktuellen Abstands- und Hygienevorschriften dem entgegenwirken.
Verträgt sich die Grippe- mit der Coronaimpfung?
Auel: Ja. Das Schlimmste wäre, wenn Corona und die Grippe gemeinsam unser Gesundheitssystem an den Rand eines Kollapses führen würden. Deshalb empfiehlt die Ständige Impfkommission, beides parallel, also gleichzeitig zu impfen. Die Wirkung ist in etwa gleich, man kann zwar mit Nebenwirkungen rechnen, muss dafür aber nur einmal zum Arzt. Ich persönlich impfe lieber mit einigen Wochen Abstand. Zwar ist das die erste Saison, in der Grippe- und Covid-Impfstoff zusammen geimpft werden, aber prinzipiell sind sogenannte Simultanimpfungen schon lange bekannt und sind grundsätzlich unproblematisch.
Im vergangenen Winter blieb die Grippewelle wegen der Corona-Maßnahmen quasi aus. 2017/18 starben laut Robert-Koch-Institut allerdings 25 000 Menschen deutschlandweit infolge einer Influenza-Infektion. Spüren Sie in ihrer Praxis schon eine verstärkte Nachfrage nach Grippeimpfungen?
Auel: Ja, wir haben da im Moment richtig gut zu tun. Bei mir sind es im Moment etwa 30 Prozent mehr Grippeimpfungen. Wir müssen Anfang des Jahres immer schon die Menge an Grippe-Impfstoff für das ganze Jahr bestellen, was natürlich schwierig vorherzusehen ist. Die bisherige Nachfrage bestätigt diese Einschätzung auch.
Nochmal zurück zur Pandemie: Kontrovers diskutiert wird ja auch die Frage, ob es nicht besser wäre, bei Pandemien eine Impfpflicht einzuführen. Wie sehen Sie das?
Auel: Also aus meiner Sicht ist eine vernünftige Aufklärung besser als eine Impfpflicht. Denn wenn man Menschen zu etwas verpflichtet, erreicht man weniger, als wenn man sich Zeit nimmt und den Leuten erklärt, was das für ein Impfstoff ist, wie er wirkt und warum es Sinn macht, sich zu impfen. Ich glaube, eine Impfpflicht würde noch mehr Skeptiker hervorbringen und wäre eher nachteilig.
Wenn sie die bisherigen 600 Pandemie-Tage einmal Revue passieren lassen: Was war rückblickend der größte Fehler?
Ebel: Also ich kann keinen wirklich großen politischen oder medizinischen Fehler feststellen. Wer definitiv etwas falsch gemacht hat, sind die Verantwortlichen der Tourismusbranche in den österreichischen Skigebieten, die ganz am Anfang ihre Saison retten wollten, anstatt offensiv gegen die Lage vorzugehen. Falsch war auch, dass einige Politiker aus dieser Notsituation Profit schlagen wollten, etwa mit dem Maskengeschäft.
Auel: Ein Fehler war das zögerliche Verhalten der Weltgesundheitsorganisation zu Beginn. Das Ausrufen einer Pandemie (am 11. März 2020, Anm. d. Red.) hätte deutlich früher erfolgen müssen. Einen anderen Fehler sehe ich auch bei den uneinheitlichen Regeln in den einzelnen Bundesländern. Ein harter, bundesweiter Lockdown hätte sicher die häufigen Wellen im Pandemieverlauf verhindern können. Es gibt zudem einfach auch viele unsinnige Regelungen, die aus blindem Aktionismus entstehen.
Zum Beispiel?
Auel: In der Kita sollen Kinder das eigene Kuscheltier in einer Plastiktüte mitbringen, dürfen es dann in der Kita auspacken und wenn sie nach Hause gehen, muss das Stofftier wieder in die Tüte. Wenn das Kind zuhause Corona hat und das Kuscheltier in den Mund nimmt, dann ist das Virus auch im Kindergarten – Plastiktüte hin oder her.
Was lief besonders gut?
Ebel: In meinen Augen waren Maßnahmen wie Quarantäne, Meldepflicht, Schließungen und Lockdown nicht überzogen. Nachher ist man zwar immer schlauer aber das, was wir hier gemacht haben, war alternativlos.
Auel: Ich finde, das vor allem das ambulante Gesundheitswesen hervorragend funktioniert und Leistungsfähigkeit bewiesen hat. Wir haben uns sehr schnell an die Situation angepasst.
Ebel: Wir haben in den Praxen in den ersten drei Wochen so viel geimpft wie die Impfzentren in den vier Monaten davor. Da waren wir sehr effizient.
Was haben Sie persönlich aus der Pandemie gelernt?
Ebel: Als Mediziner finde ich, dass wir uns bei der Produktion von Masken und anderen wichtigen medizinischen Produkten nicht mehr nur auf andere verlassen, sondern in Europa lieber selbst mehr produzieren sollten. Und privat bin ich eigentlich ein sehr geselliger Typ und ich hätte nicht gedacht, dass man so lange auch mal gut besinnlich für sich sein kann, abseits von gesellschaftlichen Veranstaltungen.
Auel: Ich habe vor allem eines gelernt: Ich brauche mehr Urlaub.

Zur Person

Dr. Martin Ebel (62) ist in Marburg geboren und in Bad Hersfeld aufgewachsen. Er arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis am Markt in Bad Hersfeld. Ebel ist Vorsitzender des Hausärzteverbands im Kreis Hersfeld-Rotenburg. Zudem ist er am Institut für hausärztliche Medizin an der Uniklinik Gießen tätig. Er ist verheiratet, hat zwei Kinder und drei Enkelkinder. In seiner Freizeit geht Ebel gerne Joggen.

Dr. Sebastian Auel (45) ist in Wiesbaden geboren und in Bad Hersfeld aufgewachsen. Seit 2009 ist er als niedergelassener Arzt in Bad Hersfeld tätig. Auel ist Allgemeinmediziner. Er arbeitet in einer Gemeinschaftspraxis am Marktplatz in Bad Hersfeld. Auel ist verheiratet und hat zwei Kinder.

(Laura Hellwig und Sebastian Schaffner)

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