Bürgermeister von Breitenbach/H.

Volker Jaritz zur Einheit: „Heute sind wir alle Wossis“

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Ein Thüringer in Hessen: Volker Jaritz stammt aus Mühlhausen und ist in der DDR aufgewachsen. Seit 2008 ist er Bürgermeister in Breitenbach am Herzberg.

Hersfeld-Rotenburg. 1989 war Volker Jaritz der erste DDR-Bürger, der mit dem Trabi vor dem Breitenbacher Rathaus vorfuhr, um sein Begrüßungsgeld abzuholen.

Er blieb in der Herzberggemeinde und wurde im Jahr 2008 zum Bürgermeister gewählt. Anlässlich des Tages der Deutschen Einheit sprachen wir mit ihm über das Zusammenwachsen von Ost und West.

Sie sind als gebürtiger Thüringer in Hessen Bürgermeister geworden. Würden Sie sich als Gewinner der Einheit bezeichnen? 

Volker Jaritz: Gewinner der Einheit sind in erster Linie die Menschen, die in der DDR unter dem Einfluss eines diktatorischen Systems gelebt haben. Mir hat die Einheit die Chance gegeben - übrigens als einziger Ossi - in Hessen Bürgermeister zu werden. Insofern bin ich auch ein Begünstigter.

Wissen Sie noch, was Sie am 3. Oktober 1990 gemacht haben? 

Jaritz (überlegt): Ich kann es wirklich nicht mehr genau sagen.

Sie sind eher zufällig im Jossatal gestrandet. Wann haben Sie entschieden, dass Sie hierbleiben? 

Jaritz: Das war im Januar 1990. Ausschlaggebend war das gute Verhältnis zur Familie Schaake aus Niederjossa, die ich nach der Grenzöffnung kennengelernt habe. Eigentlich war ich da mit dem Trabbi auf dem Weg zu meinen Großeltern, die seit 1956 in der Pfalz lebten.

Haben Sie zu diesem Zeitpunkt schon mit der Wiedervereinigung gerechnet? 

Jaritz: In jedem Fall.

Sie haben hier beruflich Fuß gefasst. Mussten Sie sich im Vergleich zu Einheimischen besonders anstrengen oder gab es gar einen Ossi-Bonus? 

Jaritz: Man hat damals immer flapsig bemerkt: „Die Ossis können alles, bei denen ist jeder Ingenieur“. Ich habe hier als Elektromonteur angefangen. Die Ansprüche des Chefs an mich waren die gleichen wie an die anderen Kollegen. Ich habe genau die gleiche Arbeit geleistet, und wir haben das gleiche Geld verdient.

Auf die erste Wende-Euphorie folgte bei vielen die Ernüchterung. Hätte man die Wiedervereinigung langsamer und gewissenhafter angehen sollen? 

Jaritz: Was ist langsam und was ist schnell? Nach 25 Jahren ist immer noch nicht alles erreicht, was man sich mal vorgestellt hat. Man hat für die Wiedervereinigung ja keine Vorbilder gehabt, nach denen man sich richten konnte. Wenn Helmut Kohl damals blühende Landschaften versprochen hat, war das richtig. Wenn er gesagt hätte: „Das wird schwierig, das bekommen wir nicht hin“, hätte das die Menschen und die Entwicklung nicht weitergebracht.

Gibt es etwas aus DDR-Zeiten, das Sie vermissen? 

Jaritz: Da muss man klar unterscheiden: Die Taten des totalitären Regimes verurteile ich. Man muss die Erinnerung daran wachhalten und an die jungen Menschen weitergeben. Andererseits habe ich eine schöne Kindheit und Jugend in der DDR gehabt. Erst später haben wir angefangen, über die Verhältnisse nachzudenken. Ich möchte meine Kindheit nicht missen, aber ich vermisse nichts aus der DRR - nicht mal meinen Trabant.

Andersherum gefragt: Wie viel DDR steckt eigentlich in der heutigen BRD? 

Jaritz: Das könnte man mit einer Floskel beantworten, indem man sagt: Das eine sind die Wessis, das andere sind die Ossis. Heute sind wir alle Wossis. Ich denke, im Alltag fragt heute kaum jemand nach den Unterschieden.

Vor Ihrer Wahl waren Sie Stasi-Vorwürfen ausgesetzt, welche die Gauck-Behörde aber entkräftet hat. Hätte dieses Kapitel offensiver aufgearbeitet werden müssen, um einen Generalverdacht gegen alle Ostdeutschen zu vermeiden? 

Jaritz: Diesen Generalverdacht gab es tatsächlich. Jeder, der kam, war ein „Stasi“. In meinem Fall gab es keine Fragen mehr, nachdem die Zeitung über die Einschätzung der Gauck-Behörde berichtet hatte. Mir wurde bestätigt, dass ich weder hauptamtlich noch inoffiziell für die Stasi gearbeitet habe. Ich denke, das Thema ist ausreichend aufgearbeitet worden. Man ist damit sensibel, aber auch korrekt umgegangen.

Kommunen in Hessen haben Mühe, ihre Infrastruktur aufrechtzuerhalten. Brauchen wir einen Aufbau West? 

Jaritz: Das würde ich nicht sagen. Es gibt nur eine Bundesrepublik Deutschland. Über den Länderfinanzausgleich und den kommunalen Finanzausgleich ergibt sich eine gewisse Finanzausstattung. Das sollte gerecht geschehen - Ost oder West spielen dabei keine Rolle.

Man kennt Sie als humorvollen Menschen. Sie haben doch bestimmt auch einen Witz zum Thema Wessis und Ossis parat? 

Jaritz: Ja, den habe ich. Ich drehe ihn aber mal um: Der Fuchs ist schlau und stellt sich dumm, beim Wessi ist es andersrum. Oder noch einen: Was ist der Unterschied zwischen einem Ei und einem Ossi? Ein Ei kann man nur einmal in die Pfanne hauen.

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